Vor zwei Jahren besuchte ich eine Lesegruppe im Frauengefängnis von Fleury-Mérogis, etwa 30 Kilometer von Paris. Nach einer ein- bis zweistündigen Diskussion hob eine der Gefangenen, die bislang hartnäckig geschwiegen hatte, den Blick, sah mir fest in die Augen und fragte: "Was bringt es, sich Geschichten auszudenken, wo die Realität schon so unglaublich ist?"
Die Frau war erledigt. Sie hatte einen Menschen getötet. Ich nicht. Meine Morde fanden alle in meinen Romanen statt. Die anderen Teilnehmerinnen der Lesegruppe sahen mich erwartungsvoll an, was ich darauf wohl antworten würde. Mein Schweigen zog sich in die Länge, und ich spürte, wie sich zwischen diesen Frauen und mir ein Abgrund auftat, denn es ließ sich nicht leugnen, dass ihre Realität unglaublicher war als meine. Mögliche Szenen aus dieser unglaublichen Realität schossen mir durch den Kopf - Szenen voller Blut, Messer, Pistolen, Bomben, Schreie, Drogen, Schläge, Chaos, Armut, Angst, schlafloser Nächte, Alpträume, Alkoholexzesse, Vergewaltigung, Verzweiflung und Wirren Was konnte ich darauf sagen? "Es gibt der Realität eine Form"? Nein, das nicht. Es wäre nicht ausreichend gewesen - auf eine absurde, verletzende Weise nicht ausreichend - und auch irgendwie anmaßend. Das konnte unmöglich die richtige Antwort sein.
Ich zermarterte mir das Hirn, und das Ergebnis hörte sich schließlich etwa so an: " Fiktion ist die Grundbedingung des Menschseins. Gerade weil die menschliche Realität übervoll ist von grob vereinfachenden, ungewollten Fiktionen, ist es wichtig, komplexe, gewollte zu erfinden " Darauf möchte ich hier etwas tiefer eingehen.
Die Besonderheit, das Privileg, die Sucht, die Herrlichkeit und das Verderben der Gattung Mensch ist die Frage "Warum". Aber warum dieses Warum? Woher kommt es? Aus der Zeit (Bewusstsein, denke ich, kann als Intelligenz plus Zeit definiert werden). Und woher kommt die Zeit? Aus jenem Wissen, dass wir geboren wurden und sterben werden. Wir sehen unsere irdische Existenz als einen Weg, der einen Sinn (und eine Richtung) hat. Als einen Bogen. Eine Kurve, die uns von der Geburt zum Tod trägt. Eine Form, die sich in der Zeit herausbildet, mit einem Anfang, einer Reihe von Peripetien und einem Ende. Mit anderen Worten eine Erzählung.
Seit wir in der Zeit leben, gibt es für uns Menschen keine reale Realität, sondern nur eine fiktionale Realität. Da wir wissen, dass wir existieren, und es nicht ertragen können, willkürlich hier zu sein, zu leben und zu sterben, als sei es für nichts und wieder nichts, erfinden wir Gründe, weswegen wir leben und sterben, und gehen dazu über, daran zu glauben.
Narrativität bildete sich in unserer Gattung als Überlebenstechnik heraus. Sie ist unseren Gehirnwindungen eingeschrieben. Schwächer als die anderen Gattungen, hat der Homo sapiens im Lauf von Millionen Jahren Evolution gelernt, aus dieser Sinngebung durch Fabulieren Nutzen zu ziehen.
Sinn ist unsere harte Droge. Für eine Dosis sind Menschen bereit, das Leben ihrer Lieben zu opfern und sogar das eigene Leben. Fiktionen durchdringen die menschliche Welt. Wer von einer Welt sagt, sie sei menschlich, sagt, dass sie von Fiktionen durchdrungen ist. Niemand ist für sie verantwortlich. Niemand hat beschlossen, sie zu erfinden. Sie sind nicht aus einer Verschwörung der Mächtigen gegen die Machtlosen entstanden. Für uns Menschen sind sie so real wie der Boden unter unseren Füßen; tatsächlich sind sie dieser Boden; sie sind unser Rückhalt und unser Halt in der Welt. Wir sind die fabulierende Gattung.
Wenn ich sage, Fiktion sei die Grundbedingung des Menschseins, will ich damit nicht andeuten, Tatsachen existierten nicht, sondern nur, dass wir unfähig sind, Tatsachen zu erfassen und weiterzugeben, ohne sie zu interpretieren.
Millionen von Einwohnern der Neuen Welt haben aufgrund der Ankunft einiger Tausend Europäer ihr Leben verloren, Millionen von Afrikanern wurden als Sklaven deportiert und verkauft. Doch die an diesen Situationen Beteiligten hatten tausend Fiktionen parat, um zu erklären, was mit ihnen geschah, oder um zu rechtfertigen, was sie taten. Die Azteken glaubten, die Spanier seien Götter, und die Spanier glaubten, es sei legitim, den Herrschaftsbereich ihres Königs zu vergrößern oder das Wort Gottes zu verbreiten; hellhäutige Menschen sahen sich als die natürlichen Herren der dunkelhäutigen und so weiter.
Sechs Millionen Juden kamen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis um, und zwar aufgrund einer schlimmen Fiktion: der Überlegenheit der "arischen Rasse". Nachdem die Juden tot waren, konnte man sie in anderen schlimmen Fiktionen zum Einsatz bringen - zum Beispiel in der von einem Land ohne Volk und einem Volk ohne Land oder der von der Heimkehr , die jedem Juden auf der Welt - einschließlich der vor kurzem Konvertierten, der Halbjuden und Falascha, selbst jener Juden, von deren nachweisbaren Vorfahren keiner je in Palästina gelebt und das Wort Palästina auch nur gehört hatte - das Recht zuspricht, nach Israel/Palästina zu kommen und sich dort auf Dauer niederzulassen.
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