Weihrauch dampft aus einem Kessel. Die alte Frau kniet am Boden und schwenkt eine Schnabelkanne. Dann gießt sie im hohen Bogen den Mochaccino ein und reicht eines der Tässchen ihrem Gast. Sie lächelt, wobei allerdings nur ihr Mund zu sehen ist. Den Rest des Gesichts verbirgt eine goldene Maske. Moussa Walied hat mich eingeladen in ihr Haus in der Nähe von Fudschaira, zwei Stunden von Dubai entfernt. Zum Plaudern und wegen der Neugier. Wir wollen über das Heiraten sprechen. Was für ein weites Feld.
Wann sie geboren wurde, daran kann sie sich nicht erinnern. Dafür weiß sie noch genau, wie es am Tag ihrer Hochzeit war: Schrecklich. „Das war ein schwarzer Tag!“, sagt sie. Als 14-Jährige wurde sie auf ein Boot verfrachtet, das sie dann – weil es noch keine Straßen gab – zum Dorf ihres Mannes brachte. „Ich hatte ihn noch nie gesehen“, sagt sie.
Ein Wirtschaftswunder, 17 Kinder und sechs Enkelkinder später ist Moussa Walied die Chefin im Haus. Sie winkt in Richtung Tür. Dort steht Anissa, ihre Schwiegertochter, in einem langen bestickten Gewand. „Komm her, Töchterchen, wir haben Besuch!“ Schüchtern setzt sich die 22-Jährige zu uns. Also, wie ist das heutzutage in den Emiraten am Golf: Hat wenigstens Anissa ihren Mann schon vor der Hochzeit gekannt? „Nein, natürlich nicht“, antwortet sie und muss schmunzeln. Was für eine abwegige Frage aber auch.
Wie sich herausstellt, heiraten die jungen Leute in dieser Familie immer noch, nachdem sie einander nur einmal in Augenschein genommen und akzeptiert haben. „Awwal Schufa“ – erstes Anschauen – heißt dieser Akt. Hätte Anissa auch Nein sagen können? Wieder schaut sie belustigt: „Natürlich nicht!“
Nach der Verlobung gab es einige Telefonate und zwei offizielle Besuche. Das erste Mal zu zweit sahen sich Braut und Bräutigam, als sie nach dem Hochzeitsfest die Tür des Schlafzimmers hinter sich schlossen. „Ich hatte riesige Angst“, sagt Anissa.
Jetzt darf Anissa wieder arbeiten
Heute wohnt die junge Frau mit ihrem Mann in einem Zimmer, das vom Salon von Schwiegermutter Moussa Walied abgeht. Allmählich taut sie auf und erzählt von früher. Bevor sie heiratete, lebte sie in einer Art Frauen-WG in Dubai und arbeitete im Burj al Arab, dem wohl vornehmsten Hotel der Welt. „Ich hatte Kollegen aus 37 verschiedenen Ländern. Wir hatten eine Menge Spaß“, sagt sie.
Eines der wenigen Dinge, die Anissa schon vor der Hochzeit von ihrem Zukünftigen wusste, war, dass er nicht wollte, dass seine Frau arbeitete. Also gab sie ihre Stelle auf. Dann aber wirkte sie gemeinsam mit der Schwiegermutter auf ihren Mann ein und nun hat sie wieder einen Job in einer internationalen Firma.
„Wir haben alle unsere Beschäftigungen während des Tages. Anissa würde sich langweilen, wenn sie allein zu Hause säße“, sagt Moussa, die inzwischen die Weihrauch-Kaffee-Zeremonie vollendet hat und zu ihrem gemütlichen Sofa zurückgekehrt ist. Sie findet es gut, dass Frauen in den Emiraten heute mehr Rechte haben. „Wir haben ja jetzt sogar eine Ministerin. Das ist doch großartig!“, sagt sie. Überhaupt sei das ganze Land viel moderner und freier geworden – zumindest was das öffentliche Leben angeht. Dass gerade die Beziehung zwischen Eheleuten noch immer den uralten Konventionen folgen, werde zunehmend zum Problem: „Es knirscht und kracht an allen Ecken, und es gibt so viele Scheidungen.“
Alte Regeln: Überbleibsel aus einer anderen Ära
In nur vierzig Jahren haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate von einer Händler- und Perlentauchergesellschaft in eine boomende High-Tech-Nation verwandelt. Achtzig Prozent der Einwohner sind Ausländer: asiatische Gastarbeiter zumeist, aber auch andere Araber und Europäer, die am Wirtschaftswunder teilhaben wollen und natürlich ihre Sitten und Moralvorstellungen mitbringen. Die Rolle der emiratischen Frauen hat sich ebenfalls gewaltig verändert. Die althergebrachten Eheregeln wirken wie Überbleibsel aus einer anderen Ära. Sie können aber nicht einfach abgeworfen werden, viele sehen in den Traditionen etwas, woran sie sich festhalten können in Zeiten der Globalisierung.
Natürlich gibt es auch in den Emiraten junge Frauen und Männer, die die Konventionen Konventionen sein lassen und ihrer eigenen Wege gehen. Techtelmechtel unter Kommilitonen an den Universitäten und besonders an den privaten Hochschulen mit hohem Ausländeranteil sind inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Die meisten Jugendlichen orientieren sich in Ehefragen allerdings bis heute an den Traditionen. Die Mehrheit der Ehen wird weiterhin zwischen zwei einander Unbekannten geschlossen.
„Ich finde, wir sollten dringend etwas ändern. So streng wie bei uns ist es doch in kaum einem anderen arabischen Land. Es wäre besser, wenn sich die Brautleute genauer anschauen könnten, bevor sie heiraten“, sagt Moussa Walied. Und warum geht es nicht, nicht einmal im eigenen Hause, wo sie schließlich die Chefin ist? Sie wiegt den Kopf. „So einfach ist es nicht. Besonders in diesem Punkt“, sagt sie.
Wenn einer ihrer Söhne eine zweite Frau heiraten wolle, dann würde sie ihm das schlicht verbieten, denn Polygamie lehne sie ab. „Bei den Kennenlern-Regeln aber, da spielt die Eifersucht der Männer mit hinein.“ Und sie erklärt: Wenn sich eine Frau zu oft – das heißt in vielen Fällen überhaupt einmal – mit einem Heiratsanwärter treffe, dann könne ihr das zum Verhängnis werden. „Nach der Hochzeit verdächtigen die Ehemänner dann ihre Frau, dass sie auch mit anderen Männern gesprochen hat und das womöglich noch immer tut. Die Eifersucht wird immer schlimmer, und sie macht alle Reformversuche sehr kompliziert.“
Natürlich werde da mit zweierlei Maßstab gemessen, darin sind sich Schwiegermutter und Schwiegertochter einig. Die Männer hätten vor der Hochzeit durchaus Kontakt zu Frauen, zu Ausländerinnen meist und zu Einheimischen, denen die Konventionen egal sind. Frauen aber werde diese Erfahrungssuche nicht zugestanden. Bilden sich die Männer denn ein, alle Frauen warteten nur darauf, dass ihre Zügel gelockert werden, und sofort würden sie dann mit dem Nächstbesten ins Bett springen? Moussa und Anissa prusten vor Lachen. „Ein guter Punkt! Es ist alles völlig absurd.“
„Ihr in Europa lebt anders“
Als sich beide ausgekichert haben, beginnen Moussas Augen unter der goldenen Maske neugierig zu glitzern: „Ich weiß ja, ihr in Europa lebt anders. Du sagst, du hast deinen Mann erst geheiratet, als ein Kind unterwegs war? Interessant.“ Sie legt eine Pause ein. „Eine Frage hätte ich“, setzt sie dann fort: „Wieso hat dein Mann dir geglaubt, dass das Baby wirklich von ihm ist?“
Und schwupp, dreht sich das Frage-Antwort-Spiel um, und ich bin die Befragte. Wie das eigentlich sei in Deutschland? Wieso die Menschen nicht heirateten, sondern einfach so zusammenlebten? Es ist nicht einfach, Sitten und Gebräuche zu erklären. So verblüfft, wie mir Moussa und Anissa gegenübersitzen, habe ich wohl ausgesehen, als sie mir das Prinzip der „Awwal Schufa“ erklärten.
„Ich habe Respekt für eure Kultur. Wenn es für euch so gut ist, bitte schön“, fasst Moussa schließlich die Diskussion zusammen. „Aber auch wenn wir bei uns einiges ändern sollten“, und sie holt tief Luft, „so wie ihr wollen wir auch nicht leben. Wir wollen lieber so bleiben wie wir sind! Zumindest im Großen und Ganzen.“
Wir einigen uns darauf, dass wir uns darauf einigen können, und Moussa schenkt noch einmal Kaffee nach. Zumindest der ist eindeutig besser als bei uns.
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