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Helen Mirren im Interview: "Ein viel zu braves Mädchen"

Filmstar Helen Mirren über die Vorteile später Ehen, ihre offenherzige Autobiographie und ihre denkwürdige Begegnung mit dem Who-Drummer Keith Moon.

Helen Mirren war ein viel zu braves Mädchen.
Helen Mirren "war ein viel zu braves Mädchen".
Foto: dpa

Ms. Mirren, in Ihrem neuen Film "Ein russischer Sommer" spielen Sie die Gattin von Leo Tolstoi. Hat es Ihnen für diese Rolle irgendetwas genützt, einen gebürtigen Russen zum Vater zu haben?

Ich möchte gern glauben, dass ich so etwas wie eine russische Sensibilität besitze. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Vielleicht sind wir Menschen im Grunde alle gleich. Dafür spricht die Tatsache, dass mich Sofia Tolstoi weniger an meinen aristokratischen Vater erinnert als an meine Mutter. Und die stammt aus der Londoner Arbeiterklasse. Es gibt also keine Regeln.

Zur Person

Helen Mirren wurde als Elena Vasilievna Mironova am 26. Juli 1945 in Chiswick, London, geboren. Ihr Vater, der aus einer aristokratischen russischen Militärsfamilie stammt, änderte den Familiennamen in den 50ern auf Mirren. Mit 19 wurde sie in die Royal Shakespeare Company aufgenommen - eine der jüngsten Schauspielerinnen, denen diese Ehre zuteil wurde. Den Kinozuschauern wurde sie Ende der 70er mit "Rififi am Karfreitag", "Excalibur" oder dem berüchtigten "Caligula" zum Begriff.

In den 80ern spielte sie u.a. in Peter Weirs "Mosquito Coast" und Peter Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber". Für ihre Verkörperung von Elizabeth II. in "Die Queen" (Regie: Stephen Frears) wurde sie 2007 mit Auszeichnungen überhäuft, einschließlich eines Oscars als beste Hauptdarstellerin.

Ihr neuer Film "Ein russischer Sommer" läuft ab Donnerstag im Kino. Er schildert die beruflichen und amourösen Verstrickungen Leo Tolstois im letzten Lebensjahr des Literaten. Mirren gewann für die Darstellung der Sofia Tolstoi den Preis als beste Hauptdarstellerin beim Filmfestival von Rom.

Ist das auch ein Mantra bei Ihrer Arbeit als Schauspielerin?

Es gibt insofern Regeln, als du dich für die Schauspielerei anstrengen musst. Die Erklärung "Ich habe einfach nur Talent, aber nicht mehr" gilt nicht. Talent ist Energie. Wenn du es hast, dann bedeutet es auch: Du bringst die notwendige Disziplin mit, um ständig an dir zu arbeiten. Das gilt für jeden künstlerischen Beruf. Ein Autor schreibt ja auch ständig um. Wenn du kein Talent hast, dann bemühst dich erst gar nicht. Deshalb ist ja auch etwas dran an dem Spruch: "Erfolg ist 99 Prozent Schweiß und 1 Prozent Talent."

Und - haben Sie viel geschwitzt für Ihre anspruchsvollen Rollen?

Ja, ich habe mich selbst ständig herausgefordert und nie die Qualität meiner Arbeit akzeptiert. Das hat mich immer angetrieben und tut es weiterhin.

Das klingt recht anstrengend.

Ich muss das Gesagte ein wenig differenzieren. Als junge Schauspielerin habe ich großartige erfahrene Kolleginnen betrachtet und ich fragte mich: "Sie lassen es einfach geschehen, mühen sich nicht so stark ab. Wie machen sie das?" Jetzt komme ich langsam selbst an diesen Punkt. Wobei ich nicht sagen möchte, dass ich eine großartige Schauspielerin bin. Aber inzwischen versuche ich, eine darstellerische Leistung nicht mehr aus mir herauszupressen, wie ich das früher vielleicht gemacht habe. Sie ist einfach da. Das ist aber nicht weniger anstrengend; im Gegenteil, es ist eigentlich schwieriger. Ich kritisiere mich natürlich immer noch und versuche, ständig besser zu werden. Aber gleichzeitig bin ich dabei innerlich entspannter.

Liegt das vielleicht auch an der Tatsache, dass Sie nach einigen Nominierungen inzwischen einen Oscar bekommen haben, für Ihre Rolle als Queen Elizabeth?

Ich würde diesen Preis nicht überbewerten. Wir alle kennen doch schauspielerische Leistungen, die einen Oscar verdient hätten und ihn trotzdem nicht bekamen. Aber ich gebe zu, der Gewinn fühlt sich unglaublich gut an. Er entspannt in der Tat. Vor allem, weil ich ihn nie erwartet hatte.

Das sagen natürlich viele Gewinner.

Oscars gibt es für eine bestimmte Art von Filmen, und in denen bin ich nie aufgetreten. Also hoffte ich einfach, dass mich meine Kollegen respektieren würden. So viel Respekt zu bekommen, das hatte ich wirklich nicht vorausgesehen. Wobei du die Kontrolle nicht verlieren darfst, sobald man dich nominiert. Das Ganze ist eine Kakophonie an Eitelkeit. Du wirst ständig fotografiert und neu angezogen, und die Leute sagen dir, wie toll du aussiehst. Und du sprichst die ganze Zeit nur von dir. Da musst du dir zwischenzeitlich sagen: "Stopp, jetzt mal ruhig. In der Welt passieren noch viele andere Dinge außer den Oscars."

Wie kam es, dass Sie nach dem Oscar-Gewinn Ihre Memoiren veröffentlichten? Hatten Sie das so geplant?

Nein, ich verspürte eigentlich absolut kein Bedürfnis in dieser Richtung. Aber eine Freundin drängte mich dazu. Gleichzeitig kamen ständig Verleger zu mir, und dann veröffentlichte noch jemand anders ein Buch über mich. Da sagte ich sagte mir: "Moment, wenn schon die anderen über mich schreiben, dann kann ich das genauso gut selbst tun und Geld damit verdienen." Wenn damit überhaupt Geld zu verdienen ist.

Sie sprechen darin ziemlich offen über Ihr Privatleben - einschließlich Ihrer Beziehungen und sexuellen Abenteuer. Warum haben Sie das so unverblümt ausgebreitet, im Gegensatz zu vielen Kollegen?

Ich bin offen und doch auch wieder nicht. Es gibt viele Sachen, die ich niemandem erzählt habe. Aber ich wollte ein Gemeinschaftsgefühl mit anderen Menschen teilen. Warum soll ich Geheimniskrämerei betreiben? Wir sitzen alle im gleichen Boot. In unserer Sexualität erleben wir die gleichen Ängste, Dramen, Probleme, Leidenschaften und Niederlagen. Ich hatte in meinem Leben sehr viel Glück. Ganz am Anfang wurde ich in meiner Suche nach der großen Liebe enttäuscht, aber wenn ich Bilanz ziehe, habe ich sie viermal gefunden. Jede dieser Beziehungen war fantastisch. Ich bin all meinen Partnern dankbar - für das, was sie mich lehrten und mir gaben. Und mit einigen bin ich auch weiterhin befreundet.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie Ihren Ehemann, Regisseur Taylor Hackford , zum ersten Mal trafen?

Wir beide waren nicht mehr die Jüngsten. Und das war ein Vorteil. Nachdem wir ein Paar geworden waren, sagte ich häufig zu ihm: "Ich wünschte, ich hätte dich früher kennen gelernt. Dann hätten wir nicht so viel Zeit vergeudet." Aber er widersprach: "Wenn wir uns in unseren Zwanzigern getroffen hätten, dann wären wir jetzt nicht zusammen. Wir hatten zu viel zu tun. Und jetzt haben wir das hinter uns gebracht." Und das war sehr weise von ihm.

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Datum:  20 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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