Nichts passiert, ist man versucht zu sagen, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Oder doch eine ganze Menge? Schwer, eine Handlung oder so etwas wie einen roten Faden in diesem Romandebüt auszumachen, das den Titel "Unter diesem Einfluss" trägt und höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss von Bruce Chatwin und Jack Kerouac entstanden ist.
Nicht zufällig tauchen ihre Namen in dem Sprachmagma auf, in dem der Leser stets unterzugehen droht, von dem er aber mitgerissen, vorwärts geschleudert wird. Zu einem Schlusspunkt hin, der kurioserweise die Fortsetzung der Bewegung ankündigt: "Ich bin raus. Ich laufe. Der Himmel ist vollkommen farblos."
Henning Kober: Unter diesem Einfluss. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2009, 285 Seiten, 18,95 Euro.
Wie Chatwin sind die Brüder Janus und Bobby, die sich als Ich-Erzähler abwechseln, Nomaden aus Neigung und Berufung, on the road fast das ganze Jahr, von dem sie Bericht erstatten. Es dürfte das Jahr 2006 sein: Israel marschiert in den Libanon ein, die Vogelgrippe kehrt nach Europa zurück. Nachrichten hat der Autor als Wahrnehmungssplitter in den Text eingewoben.
Wie auch alles, was den Brüdern widerfährt, besser gesagt: was sie an Eindrücken und Bildern auflesen. Die Reise beginnt in Berlin. Ein verschneites Neujahrs-Berlin, über dem das "Monster Grau" der winterlichen Wolkenfelder hängt. Auf den Straßen Schneematsch, Autostaus, der Notstand wurde ausgerufen. Von innen aus, das heißt aus Janus´ Wohnung in einem Hochhaus am Alexanderplatz, wirkt die Stadt wie eine apokalyptische Halluzination.
Das mag an den Tabletten liegen, die Janus schluckt, wie alle in seinem Umfeld. Oder soll es das Lebensgefühl jenes Szene-Berlin spiegeln, in dem die Partys und Gespräche niemals enden, die Menschen wie Monaden umeinander bewegen? Konturen erhalten Janus´ Freunde und Bekannte jedenfalls nicht; als Namen streifen sie durch den Text, höchstens als Sentenzen- und Dialogstummel-Lieferanten.
Bobby, erfährt man, hat sich in Berlin mit einem satirischen Schlüsselroman unbeliebt gemacht und dann Reißaus genommen. Nun schreibt er aus der Ferne in einem Blog Persönliches und Polemisches. Etwa, dass ihm in zwei Berliner Jahren der Glaube abhanden gekommen sei, der Wahrheit mit journalistischem Schreiben näher zu kommen. Hätte Henning Kober seinen Roman gänzlich in der Hauptstadt spielen lassen, wäre ihm womöglich die endgültige Karikatur der Berliner Medienrepublik gelungen. Aber darauf hat er es offenbar nicht abgesehen.
Bobby weilt inzwischen in L.A., Janus geht im dritten Kapitel auf Weltreise. London, das ihm im Vergleich zu Berlin als die Stadt erscheint, in der der Himmel nicht "weint", ist die erste Etappe. Dann geht es nach Asien, Nepal, Kathmandu; zurück nach Europa: Paris, Antibes, Cannes. Der Geschwindigkeit der Reise entspricht das atemberaubende Tempo der Prosa: kurze, parataktische, elliptische Sätze. Bilder, Gespräche, Figuren reihen sich aneinander. Dazwischen Erinnerungsfetzen,Tagtraumfragmente.
Ob die rasende Bewegung in Wahrheit eine Flucht vor der Sehnsucht ist? Durch das ganze Buch zieht sich ein Mollton, der sowohl Bobbys Lobeshymne auf die Geschwindigkeit - eine bizarre Parodie des futuristischen Manifestes - wie auch Janus´ Lebensdurst konterkariert. Dieser reist Hals über Kopf nach Los Angeles, als ihm der Bruder mitteilt, dass ihr Vater nach einem Gehirninfarkt auf der Intensivstation liegt. "Er liegt da wie ein Kind. Geht niemanden etwas an." Lakonischer lässt sich die Bestürzung vor der Gebrechlichkeit des Menschenlebens nicht ausdrücken. Das Entsetzen vor der Einsamkeit im Inneren eines jeden Schädels.
Dass es letztendlich nur darum geht, über all die 285 Seiten dieses hinreißenden Debüts, ahnt der Leser allerdings erst nach einem Eintrag ungefähr in der Mitte des Romans: "Die entscheidenden Veränderungen geschehen seit Wochen in den Synapsen. Es ist vielleicht keine große Überraschung, war ganz theoretisch absehbar und kann noch eine Weile ignoriert werden, aber es passiert. Das ist der Stand." Was sonst noch geschieht, ist nicht wirklich von Belang.
Wenn Identität, wie es heißt, sich fortwährend durch Verknüpfung von Eindrücken, Empfindungen, Erinnerungen konstituiert, dann hat der 28-jährige Autor den Roman dieser endlosen Identitätsfindung verfasst. Den Entwicklungsroman des gegenwärtigen Ichs. Dass darüber der Himmel farblos hängt, darf einen nicht verwundern: Dieses Ich bewegt sich, ob es will oder nicht - nun aber ohne Ziel.
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