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Herbert Rosendorfer an seinem 75. Geburtstag: Der Unsittenstrolch

Der Unsittenstrolch ist, wie bei nur kurzem Nachdenken klar, das Gegenteil eines Sittenstrolchs. Das ist so wie mit der Untiefe. Die Untiefe ist nicht analog der Unsumme, eine besonders tiefe Tiefe, sondern eine seichte Stelle.

Der Unsittenstrolch ist, wie bei nur kurzem Nachdenken klar, das Gegenteil eines Sittenstrolchs. Das ist so wie mit der Untiefe. Die Untiefe ist nicht analog der Unsumme, der Unzahl usf. eine besonders tiefe Tiefe sondern eine - von den Seefahrern gefürchtete - seichte Stelle.

(Ein anderes Beispiel ist der Ungar, als der ein besonders weicher, kein roher oder harter Mensch bezeichnet wird.) Der Unsittenstrolch strolcht also durch die Lande, fröhlich pfeifend und verbreitet, wo er geht und steht, Sitte. So ist auf den behördlich konzessionierten Unsittenstrolch Dörnwedel aus Xanten am Niederrhein die Sitte zurückzuführen vor dem Trinken "Prost!" zu sagen.

Zur Person

Herbert Rosendorfer, der überaus schaffensfrohe österreichische Schriftsteller - seine Werke aufzuzählen, wäre ein heilloses Unterfangen - kam heute auf den Tag vor 75 Jahren in Gries/Bozen zur Welt. Aus diesem Anlass drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Folio Verlags einen Ausschnitt aus seinem jüngst erschienenen Buch. Es wurde illustriert von Kay Voigtmann und trägt den schönen Namen "Der Gnadenbrotbäcker. Das Bilderbuch der Unberufe" (Folio Verlag, Wien/Bozen 2009).

"Leber duck' dich!"

Sein Schüler und Nachfolger, der USSt (Abkürzung für UnSittenStrolch) Müller-Kurzhagen-an-der-Diepe verfeinerte dies durch die Sitte, "Jetzt wollen wir einmal einen hinunterlassen!" zu sagen. Nicht unangefochten bleibt bis heute die Sitte, die wiederum dessen Schüler Brandmayer Xaver aus Polykarpszell einführte, nämlich vor dem Trinken auszurufen: "Leber duck' dich, jetzt kommt einer!"

Ein gewisser Stiller, mit Vornamen Friedbert, führte die Sitte ein, an den sinnlos in Kirchentürmen herabhängenden Stricken oben Glocken anzubringen. Der staatl. gepr. Naturbursch, später zum Kulturbursch aufgestiegene Christian Kolumpfuß führte die Sitte ein, harte Eier durch Klopfen auf den Tisch zu öffnen.

So erfuhr die Sitte Schritt um Schritt Erweiterungen bis heute. Sehr alt ist die bereits bei den Germanen bekannte Sitte (vgl. Caesar: "De Bello Gallico", 2,54), im Winter zu frieren. Die Sitte, den Hörer abzuheben, wenn das Telefon klingelt, ist dagegen jüngeren Datums. Die erste Nachricht davon ist in Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" zu finden.

Die Zeitung so zu halten, dass die Schrift von oben nach unten zu lesen ist, geht auf einen USSt namens Gottlieb Erbeschnell Lustig zurück, der sie 1815 zunächst im Kurfürstentum Hessen-Kassel einführte, nachdem der dortige Kurfürst immer die Zeitung verkehrt herum gehalten und zu seinem Leibdiener stets gesagt hatte: "Steht wieder nichts Lesbares drin."

Aufgrund einer Bundesakte vom 22. April 1817 wurde diese Sitte dann für den ganzen Deutschen Bund verbindlich, setzte sich dann auch in allen zivilisierten Ländern durch. Nur die Samojeden halten heute noch die Zeitung verkehrt.

Die Sitte, einen Literaturkritiker zu ohrfeigen, wenn man ihn auf der Straße trifft, wird dem USSt Konrad Berglein zugeschrieben, der diese Sitte allerdings auf Anregung eines gewissen Edmuald Rübnicke entwickelte. Die Sitte setzt sich bis heute nur zögernd durch.

So verdanken wir es also den unermüdlichen USSten, dass sich ein wohltuendes Netz von Sitten von Pol zu Pol hinzieht, auch wenn wir es, zum Beispiel wegen schlechten Wetters, nicht bemerken.

Datum:  19 | 2 | 2009
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