Im großen Festsaal der Eberhard-Karls-Universität von Tübingen ist kein Platz mehr frei. Stühle für 1200 Zuhörer wurden aufgestellt, alle sind besetzt. Es herrscht eine Atmosphäre von angespannter Erwartung, ein Raunen und Flüstern erfüllt den Saal. Auf der Bühne laufen Männer hektisch mit Walkie-Talkies in der Hand oder Headsets auf dem Kopf umher. Ein wenig Staatsbesuch, ein wenig Popkonzert. Kameras werden aufgebaut, Fotografen bringen sich in Position. Man wartet auf den Auftritt von Herta Müller, der Literaturnobelpreisträgerin, ihr letzter, großer Auftritt vor der Preis-Verleihung in Schweden.
Dann öffnet sich eine kleine Tür an der Seite der Bühne, die Menschen beginnen zu klatschen. Erst leise, dann immer lauter. Herta Müller betritt den Festsaal. Sie trägt wie so oft Schwarz, erscheint auf der großen Bühne noch kleiner, zerbrechlicher und graziler als im Fernsehen. Sie lächelt freundlich ins Publikum; als der Applaus nicht enden will, nickt sie etwas verlegen. Der große Rummel scheint ihr immer noch fremd zu sein. Und das ist verständlich.
Noch vor zwei Monaten hätten die Besucher eines ihrer Auftritte bequem in einem überschaubaren Raum Platz gehabt. Dann, am 8. Oktober 2009, wurde aus der 1953 geborenen, in Fachkreisen seit langem anerkannten rumäniendeutschen Schriftstellerin Herta Müller völlig überraschend die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Zunächst schien die Nation nicht sonderlich beeindruckt. Vier Tage nach der Entscheidung der Stockholmer Jury wurde in Frankfurt der Deutsche Buchpreis verliehen, der den besten Roman des Jahres auszeichnen soll. Auch Herta Müller war nominiert; die Auszeichnung ging schließlich an die Kollegin Kathrin Schmidt.
Im Anschluss an die Veranstaltung stand Herta Müller recht gelöst in den Frankfurter Römerhallen, plauderte mit Freunden und Bekannten aus dem Literaturbetrieb, auch mit ihrem Lektor. Ab und an kam ein Kamerateam vorbei und machte ein paar Aufnahmen. Erst in den Tagen danach setzte die Hysterie ein, befeuert von den Boulevardmedien, die die wider- und eigenständige Schriftstellerin Müller im Handstreich zum kollektiven Nationalsymbol erhoben. Keine Chance, sich dagegen zu wehren. Wir sind Formel-1-Weltmeister.
Papst sind wir ohnehin. Und jetzt sind wir eben auch Literaturnobelpreisträgerin. Ist jemand erst einmal zur Ikone des öffentlichen Interesses erklärt worden, ist alles erlaubt und alles wichtig. "Herta Müller", so schrieb die Literaturkritikerin Elke Heidenreich in ihrem Internet-Tagebuch im Stern, "hat den Literaturnobelpreis total verdient, aber wie Angela Merkel muss auch sie nun durchgestylt werden und dringend mal eine neue Frisur kriegen, damit die Neuseeländer nicht denken, dass man solche Frisuren in Deutschland trägt." Dass Herta Müller nun zur Staatsbotschafterin ausgerufen wird, hat eine gewisse Ironie, doch das ficht die Autorin nicht an. Ihre Frisur ist in Tübingen die gleiche wie eh und je.
In den Festsaal, das ist schnell zu erkennen, sind nicht nur die intellektuellen Stammgäste von Autorenlesungen gekommen. Alle Altersgruppen sind vertreten, Professoren mit Baskenmütze sitzen neben Rentnern, modisch gekleidete Studentinnen neben einfachen Angestellten. Müllergucken ist Event und gesellschaftlicher Pflichttermin. Da muss man dabei sein.
Die Buchhandlung, die den Tübinger Auftritt organisiert, verteilte vor Beginn im Auftrag von Herta Müllers Verlag, dem Hanser Verlag, ein Merkblatt, auf dem die Journalisten auf die Regeln hingewiesen werden. "Herta Müller steht für Interviews und Fototermine grundsätzlich nicht zur Verfügung", heißt es da. Und dass Fotografen nur vor der eigentlichen Veranstaltung fotografieren sollen - und dann nur maximal fünf Minuten und bitteschön ohne Blitz. Regeln wie bei Popkonzerten: Fotografieren nur während der ersten beiden Songs; danach ist der Künstler zu verschwitzt und sieht nicht mehr fotogen aus.
Im Fall der Nobelpreisträgerin hat das andere Gründe. Mitte November fühlte sie sich im Audimax in München bedrängt von der Öffentlichkeit. Da standen plötzlich 300 Menschen um sie herum, mit Plastiktüten voller Bücher, die signiert und mit Widmungen versehen werden sollten. Stundenlang schrieb Herta Müller Autogramme, beantwortete Fragen. Zu viel von allem, zu viel des Guten. Kurz darauf wurde die Lesung im Frankfurter Literaturhaus abgesagt, auch Termine in Köln und Berlin wurden gestrichen. Nicht weil die Autorin nicht hätte auftreten wollen, sondern weil man den geregelten Ablauf der Veranstaltung nicht garantieren konnte. In Tübingen hat zunächst alles seine Ordnung. Einige Fotografen mit großen und Privatpersonen mit kleinen Kameras postieren sich vor der Bühne und fotografieren, doch niemand bedrängt die Schriftstellerin.
Nach knapp zwei Minuten setzen sich die Autorin und ihr Gesprächspartner, der Germanistik-Professor Jürgen Wertheimer, in ihre Sessel, vor ihnen ein rundes Tischchen mit einem Blumenstrauß drauf.
Als die beiden es sich gerade bequem gemacht haben, müssen sie auf Wunsch eines Kameramanns die Plätze tauschen; der Blumenstrauß wird vom Tisch entfernt; er ist im Weg. Die Inszenierung muss stimmen - der Auftritt wird im Hörsaal nebenan auf einer Großbildleinwand übertragen. Für diejenigen, die keine Karte für den Saal mehr ergattern konnten. Außerdem wird die Lesung per Livestream ins Internet gesendet.
Professor Wertheimer gesteht gleich zu Beginn, dass er noch nie vor einer Veranstaltung Bammel gehabt habe, "jetzt aber schon". Den nimmt Herta Müller ihm, indem sie auf seine relativ umständlichen Fragen klar und ausführlich antwortet. Sie liebe Tübingen, sagt Herta Müller irgendwann, in keiner anderen Stadt sei sie so oft aufgetreten wie hier. Sie spricht mit klarer Stimme; ein hartes Deutsch, in dem das Rumänien, das sie 1987 aus politischen Gründen gemeinsam mit ihrem Mann verließ, deutlich durchscheint. Die Tübinger, sagt sie weiter, hätten schon früh an sie geglaubt; das Publikum sei immer sehr großzügig und nachsichtig gewesen. Im Jahr 2000 hat Herta Müller in Tübingen die Poetikvorlesung gehalten - damals war sie noch nicht so gefragt.
Und dann spricht sie über ihre literarische Arbeit, erzählt, dass sie Zeitschriftenschnipsel auf Postkarten zu Collagen zusammenklebt und auf diese Weise neue Wörter erfindet. Zeitschriften müssen es sein, wohlgemerkt, keine literarischen Texte - "das wäre ja am Rande der Kriminalität". Das melden die Nachrichtenagenturen noch am selben Abend; zwei Tage später kann man es in den überregionalen Tageszeitungen lesen. Die eigenwillige Poetologie der Herta M. als bundesweit relevante Nachricht.
Jürgen Wertheimers Aufregung ist unbegründet - das Gespräch geht unfallfrei über die Bühne. Nach einer knappen halben Stunde gibt die Autorin zu erkennen, dass sie nun genug Fragen beantwortet hat. Die Zuschauer bemerken nicht, wie Müller das macht. Sie hat vorher mit Wertheimer ein Codewort vereinbart. Nachdem sie das gesagt hat, stellt der Professor keine Fragen mehr.
Als sie dann beginnt, aus ihrem neuen Roman "Atemschaukel" vorzulesen, wird es vollkommen ruhig im großen Saal, nicht einmal ein Husten ist zu hören. Herta Müller ist konzentriert, die Zuhörer sind es auch. Jetzt ist es tatsächlich eine angenehme Dichterlesung: Tisch, Sessel, Autorin und Zuhörer. Nicht mehr die Inszenierung, nur noch der Text zählt. Der Roman erzählt von den Erlebnissen des 2006 verstorbenen Lyrikers und Büchnerpreisträgers Oskar Pastior.
Er und Herta Müller wollten das Buch gemeinsam schreiben. "Als Oskar Pastior starb, war das ein tiefer Einschnitt", hatte Herta Müller vorher noch erzählt, "ich fühlte mich plötzlich allein mit all dem." Nun sitzt sie allein auf der Bühne, hinter ihr sind riesige Orgelpfeifen zu sehen. Nicht nur deswegen herrscht eine beinahe sakrale Stimmung. Herta Müller liest vom Zement, der nicht verloren gehen darf, vom Hunger und von den Leiden im russischen Lager. Ihre Sätze sind charakteristisch und unverkennbar in Eigenwilligkeit und Melodie. "Vom Hungerengel" heißt ein Kapitel. "Und der Hungerengel", so liest Herta Müller, "hängt sich ganz in meinen Mund hinein, an mein Gaumensegel. Es ist seine Waage. Er setzt meine Augen auf, und die Herzschaufel wird schwindlig, die Kohle verschwimmt. Der Hungerengel stellt meine Wangen auf sein Kinn. Er lässt meinen Atem schaukeln. Die Atemschaukel ist ein Delirium und was für eins." Zwei junge Mädchen packen ihre Poesiealben aus und notieren sich einige Sätze.
Von einem übermäßigen Druck, der auf der Nobelpreisträgerin lastet, ist während der Lesung nichts zu spüren. Lange liest sie, sechs Kapitel insgesamt, länger als eine Stunde, konzentriert und fehlerlos, in einem eingeübten Rhythmus, mit gefestigter Stimme. Sprache, so hat sie es im Gespräch mit Jürgen Wertheimer formuliert, sei stets etwas Künstliches: "Das Leben wartet nicht darauf, dass es aufgeschrieben wird." Es gibt lang anhaltenden Applaus, ein Blumenstrauß wird ihr überreicht. Sie steht noch ein paar Augenblicke am Rand der Bühne, die Blumen in der Hand. Sie bewegt sich kaum, es wirkt fast so, als wüsste sie nicht so recht, was sie noch tun solle. Endlich wird sie von den Organisatoren durch den Nebeneingang aus dem Saal geleitet. Auch die Zuhörer erheben sich von ihren Stühlen, verlassen langsam den Saal. Ein Mediziner erzählt, dass er zu Hause jetzt alle Bücher von Herta Müller "nacharbeiten" werde, andere loben die "tolle Sprache" und den "beeindruckenden Auftritt".
Im Foyer beginnt der Bücherverkauf, vor allem "Atemschaukel" wird verlangt. Es sind genügend Exemplare da, wie eine Mauer aus Ziegelsteinen wirkt der große Bücherstapel hinter den Verkaufstischen. 19,90 Euro kostet eine gebundene Ausgabe von "Atemschaukel"; rund 350 000 Exemplare sind bis heute verkauft. Die 11. Auflage geht der Neige entgegen; die 12. ist in Vorbereitung. Ein gewöhnlicher deutschsprachiger Roman gilt mit einer Stückzahl von 20000 als gut verkauft. "Atemschaukel" hingegen verkaufte sich nach der Nobelpreis-Entscheidung mancherorts besser als die neuen Bücher der Bestseller-Autoren Dan Brown oder Frank Schätzing. Das ist das Paradoxon: dass die als kompliziert und schwierig geltende Schriftstellerin und Wortschöpferin Herta Müller, die aus der Vereinzelung heraus schreibt, nun zum Massenphänomen geworden ist. Und zur reichen Frau noch dazu. Wenn sie am 10. Dezember in Stockholm aus den Händen des schwedischen Königs Karl Gustav den Nobelpreis entgegennimmt, wird sie dafür auf ihrem Konto eine knappe Million Euro mehr haben.
Als Michael Krüger, der Chef des Carl Hanser Verlages und mithin Herta Müllers Verleger, gefragt wird, ob er so eine Aufregung um eine Schriftstellerin schon einmal erlebt hat, antwortet er: "Nein." Krüger ist stolz auf seine Autorin, versteht sich. Doch er befindet sich auch in einem Interessenkonflikt. Als Kaufmann kann er sich nichts Besseres wünschen als die Publicity, die Müller nun zuteil wird. Als fürsorglicher Verleger, der er ohne Zweifel und in erster Linie ist, muss er sich um das Wohl der Schriftstellerin sorgen. "Die Gesundheit der Autorin geht immer vor", sagt Krüger und weiß, "dass der Trubel jetzt erst richtig losgeht." Das Ausland, das nach der Bekanntgabe des Preises noch fragte: "Herta who?" fertigt Übersetzungen an; die jeweiligen Verlage erwarten anschließend Präsenz der Autorin, von den Medien gar nicht zu reden. Das bedeutet: Lesungen, Interviewtermine und Autogrammwünsche weltweit. Die Aufmerksamkeit, so Krüger, komme jedoch nicht nur der Person, sondern auch ihrem Gesamtwerk zugute: "Viele Leute lesen nun auch die älteren Romane von Herta Müller."
Und der Hanser Verlag sorgt mit frisch gedruckten Exemplaren dafür, dass auch alle Werke erhältlich sind. Ob der Druck, nun plötzlich nicht mehr als die Autorin Herta Müller, sondern als Nobelpreisträgerin Herta Müller schreiben zu müssen, sich auf die Produktivität auswirken könne? "Das hoffe ich nicht", antwortet Krüger, aber "wenn die Autorin irgendwann nur noch arbeiten und nicht mehr auftreten will, dann soll sie das auch tun." In einem Jahr etwa, so Krüger, werde sich all das eingependelt haben. Bis dahin heißt es: Kräfte einteilen und sich in der Medienwelt behaupten.
In Tübingen gehen die Menschen nach Hause und diskutieren auf dem Heimweg. So wie drei Zuhörer, die sich draußen vor den Türen des Universitäts-Festsaales allerdings nicht ganz einig sind, was sie von dem Abend halten sollen. "Irre, was man mit Zement so alles machen kann", sagt eine junge Frau. "Ach, diese Sprache ist schon irgendwie beeindruckend", eine andere. Und ein älterer Herr beugt sich zu seiner Begleiterin herüber und gesteht in allerfeinstem Schwäbisch: "I hob koi Wort verstanne, aber wenigstens hon ich die Herta Müller mol gsehe."
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