In der Neuen Banater Zeitung vom 30. April 1983 findet sich eine kurze "Mitteilung für Schreibmaschinenbesitzer": Laut Staatsdekret Nr. 98 werden diese aufgefordert, bei der ihnen zugewiesenen Milizstelle um die Autorisation ihrer Schreibmaschine anzusuchen. So übertraf der realexistierende Sozialismus jede kafkaeske Fantasie. Die junge Schriftstellerin Herta Müller beantragte im Mai 1983 die Nutzung ihrer "Adler Tippa S". Noch vier Jahre blieb sie mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner in Rumänien, überwacht, denunziert und schikaniert. Dann folgte die Ausreise in die Bundesrepublik, aber die Vergangenheit beanspruchte ihren Platz im dürftigen Gepäck und ist bis heute das Material ihrer Literatur.
Die beiden Dokumente über die Schreibmaschinennutzung sind in einer von Ernest Wichner und Lutz Dittrich erarbeiteten Ausstellung über die Nobelpreisträgerin Herta Müller im Literaturhaus München zu sehen. "Der kalte Schmuck des Lebens" ist die erste Darstellung zu Leben und Werk der Autorin. Von München aus wird die Schau mit ihren 400 Exponaten weiter in andere Städte wandern. Ihr gelingt, was bei literarischen Ausstellungen nur selten funktioniert: dass sie vom schnöden Dokument, von der Schrift ausgehend, doch sinnlich etwas spürbar macht von Umfeld und innerem Antrieb eines Autors, von den Bedrängnissen der Zeit und der Enge einer Welt, aus der es kaum ein Entrinnen gab.
Die 1953 geborene Herta Müller wuchs als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit im Banat in Rumänien auf . Familienbilder aus dem Herkunftsort Nitzkydorf, Bilder aus der Schulzeit, Bilder aus den Studienjahren in Temeswar - immer ist auf diesen Fotos auch etwas zu erahnen von den Verhältnissen, unter denen man sich ducken musste. Wer sich nicht duckte, hatte es schwer: Durch die ganze Ausstellung schlängeln sich, auf Augenhöhe aufgehängt an einer Schnur, 900 Blätter aus der Securitate-Akte über Herta Müller. Erst letztes Jahr wurde sie ihr ausgehändigt, bearbeitet und unvollständig, aber doch aufschlussreich genug.
Das eine war die Furcht vor dem Geheimdienst, das andere die Denunziationen und Desavouierungen der Banater Landsmannschaft, die Müller - teils bis heute - der Spitzeltätigkeit beschuldigte: Eine ganze Seite im Donauschwaben widmete sich etwa unter dem Titel "Eine Apotheose des Hässlichen und Abstoßenden" Herta Müllers erstem, ihre Zeit in Nitzkydorf verarbeitenden Prosaband "Niederungen".
Die Ausstellung macht eines sehr deutlich: Es ging nie um Poesie der Poesie wegen; die Literatur ist aufs engste verknüpft mit diesem Leben im Totalitarismus, mit einer Repressionsgeschichte, die dem Schreiben notwendig etwas Existenzielles verleiht. Hier wurde stets auch ums Überleben geschrieben. Einige Freunde Herta Müllers aus den frühen Jahren in Temeswar haben die Drangsalierungen durch das System nicht überstanden.
Ernest Wichner, Literaturhausleiter in Berlin, ist ein Weggefährte Herta Müllers. Seine Spurensuche ist durch eigene Erfahrungen verbürgt, sie ist genau und von großer Sympathie getragen, sie ist sehens- und hörenswert. Die Ausstellung setzt nämlich nicht nur auf schriftliche, sondern auch auf Ton- und Filmdokumente. Mit dem Audioguide am Ohr wird man vornehmlich von Herta Müller selbst durch die Schau geführt, Interviewausschnitte und extra aufgezeichnete Kommentare lassen eine eigentümlich dichte Atmosphäre entstehen - so erklären sich die Ebenen der Präsentation wechselseitig, der besondere Tonfall von Herta Müllers Sprache und Sprechen durchdringt das in den Vitrinen ausgebreitete, zuweilen berührende Material. Fast entlastend erscheinen da im letzten Abschnitt die postkartengroßen Collagen, die Müller immer zwischen der Arbeit an ihren Romanen anfertigt: Wörter, die sie aus Zeitungen ausschneidet und zu kleinen, grotesken Poemen zusammenklebt. Eine andere, noch immer fast unbekannte Facette ihres Werks.
"Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr", sagte Herta Müller bei der Tischrede während der Nobelpreis-Zeremonie. In dieser Ausstellung wird der Bogen nachvollzogen und nachvollziehbar gemacht.
Literaturhaus München: bis 20. Juni. 24.9. bis 21.11. Literaturhaus Berlin, ab 9.12. im Literaturhaus Stuttgart. Das Begleitheft kostet 6 Euro.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen