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12. August 2009

Hessen-SPD: Nicht mehr phantastisch

 Von Pitt von Bebenburg
Ihr Veto brachte Andrea Ypsilanti (SPD) zu Fall: Die hessischen SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts. Foto: FR/Schick

Sorgfältige Recherche lohnt sich. Der Beweis ist das Buch "Die Vier" von FAS-Politikchef Volker Zastrow über die vier SPD-Abweichler, die Andrea Ypsilantis Sturz herbei führten. Ein Perspektivenwechsel. Von Pitt von Bebenburg

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Am Tag, nachdem die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti von ihren eigenen Genossen erledigt worden war, erschien die nicht zur dicken Aufmachung neigende Frankfurter Allgemeine Zeitung mit einem großen Foto auf der ersten Seite, das drei sehr ernst blickende Frauen und einen sehr ernst blickenden Mann zeigte. Darüber stand in dem sonst so seriös daherkommenden Blatt der nicht eben nachrichtliche Titel: "Die phantastischen Vier".

Die Zeile war eine Ode an Carmen Everts, Silke Tesch, Dagmar Metzger und Jürgen Walter, jene SPD-Landtagsabgeordneten, die Ypsilantis Wahl zur Ministerpräsidentin verhindert hatten und damit eine rot-grüne Koalition, die auf die Unterstützung der Linkspartei angewiesen gewesen wäre. Die Politik-Redaktion der Zeitung behandelte, anders als ihre differenzierteren Wiesbadener Korrespondenten, Ypsilanti schon länger wie eine Abgesandte des Teufels in Genossinnen-Gestalt. Jetzt kamen die Retter des Abendlandes gerade recht.

Der Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Volker Zastrow, hat neun Monate nach den spektakulären Ereignissen ein 400-Seiten-Buch über die vier Politiker vorgelegt. Es heißt "Die Vier". Ein Wörtchen ist auf auffällige Weise weggefallen: das Wörtchen "phantastisch". Stattdessen gibt es einen Untertitel, und der geht in eine völlig andere Richtung. Er lautet "Eine Intrige".

Es ist ein sorgfältig recherchiertes, mit vielen hübschen Anekdoten und einigen grundsätzlichen Gedanken über Politik angereichertes Buch geworden, das vor allem eines belegt: Recherche lohnt sich, gerade für Journalisten. Manchmal verändert Recherche sogar den Blick auf den Gegenstand. In diesem Fall den Blick des Journalisten Zastrow auf die ehemals "phantastischen Vier".

Wer wissen will, was dabei herausgekommen ist, kann es am zuverlässigsten an der Reaktion der Beschriebenen ablesen. Schon am Montag, kurz vor der Auslieferung des Buchs und kurz nach dem ersten von der FAZ angekurbelten Rummel, wandten sich Jürgen Walter und Carmen Everts an die Presse und teilten mit, dass Zastrow "ein sehr einseitiges Bild" abliefere.

In der Tat sind die beiden die Hauptverlierer der Recherche. Sie waren es, die im Sommer einen "zweiten Anlauf" für ein Linksbündnis einläuteten, über das sie sich später so lauthals empören sollten. Sie waren es, die Ypsilanti aufs Dach getrieben und ihr dann die Leiter weggezogen haben. Die Metapher stammt von Jürgen Walter, Zastrow zitiert sie und beschreibt damit treffend einen Mann, der Politik stets als Spiel betrieben hat, in dem der Gerissenere gewinnt. Einen Mann, den angesichts seines Wortbruchs gegenüber Andrea Ypsilanti nicht zuletzt die Frage umtrieb: "Wie kann man seinen Arsch retten?" Es ist ihm, wie es scheint, nicht gelungen.

Auch Everts kommt nicht gut weg, obwohl Zastrow ausführlich ihre Souveränität bei der gemeinsamen Pressekonferenz der Vier preist. Doch er zeichnet die Frau, die schon mit Walter gemeinsam Abi gemacht und später unter seiner Führung als Mitarbeiterin in die SPD-Fraktion geholt worden war, als eine Rankpflanze am Stamme ihres Herrn. "Wenn es hart auf hart kam, blieb die höchste Maxime ihres Handelns immer, Walter zu entsprechen", schreibt Zastrow. "Letztlich war es das, wozu es ,keine Alternative´ gab."

Die politisch aufregendste Geschichte, die Zastrow zu erzählen hat, ist die der Silke Tesch. Sie hatte nach eigenen Angaben, was erstaunlicherweise auf Seite 387 versteckt wird, "schon Ende August ... beschlossen, Ypsilanti unter diesen Umständen nicht zu wählen". Weil sie ihr Wahlversprechen "Nicht mit den Linken" einhalten wollte und selbst von ihrer Tochter zu hören bekam, sie würde nie mehr SPD wählen, wenn das Versprechen gebrochen werde. Auf die entscheidende Frage, die sich daraus ergibt, findet der Leser jedoch keine befriedigende Antwort: Warum hat Tesch diesen Entschluss nicht viel früher bekannt gemacht und ihrer Partei damit vieles erspart?

All diese Einzelheiten einer politischen Vergangenheit, die den Betrieb von Wiesbaden bis Berlin bis heute beschäftigen, sind eher etwas für Spezialisten. Doch es menschelt auch kräftig, vor allem in jenen vier Kapiteln, die der Biografie der Vier gewidmet ist. (Wobei Walters Politikauffassung, eine kleine Gemeinheit, im Everts-Kapitel ausgebreitet wird.)

Der Leser erfährt von Krankheiten und Nackenschlägen des Lebens und davon, wie aus Erfahrungen das Herangehen an Politik erwächst - mal mit Grundsätzen, mal eben nicht. Politiker sind keine Wesen, die mit anderen Maßstäben zu messen sind; Politiker sind Menschen, und ihr Leben ist mehr als Politik - diese Haltung durchzieht das Buch auf angenehme Weise.

Zastrow ist den Menschen näher gekommen und hat dabei die Politiker einschätzen gelernt. Er habe ihnen gleich zu Anfang gesagt, dass er "kein angenehmer Autor" sein werde. "Das ist in ungeahntem Maße wahr geworden", befindet er selbst. Nun sind die Vier halt nicht mehr phantastisch.

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