Der Hessische Kulturpreis wird nicht wie geplant am 5. Juli vergeben. Das erfuhr die Frankfurter Rundschau am Montag aus dem Kreis des Kuratoriums. "Wir werden noch weiter darüber reden müssen", sagte ein Mitglied des Kuratoriums, das nicht namentlich genannt worden wollte, der Frankfurter Rundschau. "Die Probleme liegen tiefer, als wir anfangs geglaubt haben." Zudem sollten die vier ursprünglich vorgesehenen Preisträger gebeten werden, miteinander zu sprechen, hieß es weiter.
Alle Seiten ziegen sich um Schadensbegrenzung bemüht. Das Kuratorium des Preises unter Vorsitz von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verschob Verleihung der Auszeichnung auf den Herbst. Zuvor solle den Preisträgern Gelegenheit gegeben werden, das gemeinsame nicht-öffentliche Gespräch zu suchen.
Gern stehe er den anderen drei Preisträgern "für ein privates Gespräch zur Verfügung. Das habe ich immer getan und werde ich weiterhin tun", erklärte Kermani. Im gleichen Atemzug kritisierte er Koch: Es gehe nicht um eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Preisträgern, vielmehr habe die Staatskanzlei willfährig dem Protest Lehmanns gegen ihn nachgegeben.
Der Kardinal hatte sich in einem Brief an Koch über einen Artikel Kermanis zum christlichen Symbol des Kreuzes empört; auch der evangelische Theologe Steinacker fühlte sich verletzt. Darauf wollte die Jury Kermani den Preis nicht mehr geben.
Der Preis solle in diesem Jahr überhaupt nicht vergeben werden, forderte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und langjähriges Kuratoriumsmitglied beim Kulturpreis. "Wollte man einen Preis für Nicht-Dialog vergeben, dann hätte man das so machen müssen, wie es geschehen ist", sagte er im Deutschlandradio Kultur. Der Dialog der Religionen, dem der Kulturpreis eigentlich gewidmet sein sollte, sei offenbar immer noch etwas für Sonntagsreden. Ausdrücklich verteidigte Schirrmacher Kermani; sein Text zeuge von Verständnis für die andere Seite.
Koch sprach nach Angaben der Staatskanzlei in Wiesbaden selbst mit Kermani und äußerte die Hoffnung, dieser werde ein Gesprächsangebot annehmen.
Steinacker, der frühere Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), begrüßte die Verschiebung.
Er sagte der FR, er halte es nicht für ausgeschlossen, dass am Ende des Dialogs doch noch eine Preisvergabe an alle vier Vorgeschlagenen stehen könnte. Das sei "selbstverständlich, sonst hätte ich den Vorschlag nicht gemacht". Es gehe um "eine Klärung der Differenzen", fügte Steinacker hinzu: "Ganz offensichtlich meinen Herr Kermani und einige andere, dass man den Text nicht so verletzend lesen muss, wie ich ihn gelesen habe."
Steinacker schloss aber auch nicht aus, dass er oder Kardinal Lehmann in dem Streit von sich aus den Preis ablehnen könnten. Er wolle das aber nicht, weil der Hessische Kulturpreis nicht beschädigt werden solle. "Der Hessische Kulturpreis ist eine gute Sache." Steinacker bekräftigte, dass der Artikel Kermanis ihn getroffen habe.
Er stehe seit 25 Jahren im Dialog mit Muslimen. "Noch nie hat mir ein Muslim gesagt, dass das Zentrums meines Glaubens Gotteslästerung ist." Der Dialog müsse aber fortgesetzt werden.
Die Grünen übten Kritik an Kochs Krisenmanagement. "Die hessische Landesregierung ist ganz offensichtlich unfähig, einen solchen Preis würdig zu vergeben", sagte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir in Berlin. "Kochs Mannschaft hat meines Erachtens gegenwärtig den ersten Preis für kulturpolitische Inkompetenz in der Bundesrepublik Deutschland verdient."
Steinackers Nachfolger als EKHN-Präsident, Volker Jung, begrüßte die Verschiebung der Preisverleihung auf den Herbst. Dies gebe allen Beteiligten Zeit zum Dialog, sagte Jung in Darmstadt. Kermani, dessen Preiswürdigkeit in Zweifel gezogen worden sei, bleibe für die Landeskirche "ein interessanter und kompetenter Gesprächspartner". (dpa)
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen