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24. August 2015

Hilmar Hoffmann zum 90.: Die Kunst des Brückenbaus

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Auch das Museum für Kunsthandwerk (heute Museum Angewandte Kunst) brachte Hilmar Hoffmann auf den Weg.  Foto: Privatarchiv Hilmar Hoffmann

Er hat bis heute nicht aufgehört zu schreiben, zu reden, zu kämpfen, sich einzumischen: Zum 90. Geburtstag des wirkmächtigen Kulturpolitikers Hilmar Hoffmann.

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Sein Haus ist das letzte ganz am Rande der Stadt. Nur eine schmale Straße trennt es noch vom Wald. Seit den 70er Jahren lebt Hilmar Hoffmann in diesem Refugium in Frankfurt. Wer den wirkmächtigsten deutschen Kulturpolitiker seit 1945 besucht, betritt eine Welt, die aus der Zeit gefallen ist. Kein Computer, keine andere Elektronik. Dafür Zehntausende von Büchern. Hoffmann schreibt bis heute mit der Hand, mit dem Füllfederhalter. Mehr als 50 Werke sind so entstanden. Sein wichtigstes beeinflusste Generationen, geriet zum vielzitierten politischen Motto und Leitbild: „Kultur für alle.“

Es lohnt sich, dieses Buch aus dem Jahre 1979 heute wieder zu lesen. In einer Zeit, da Hunderttausende von Menschen nach Deutschland kommen auf der Flucht vor Krieg und Not, ist es aktueller denn je. Denn diese Menschen werden nur durch Sprachbefähigung und Bildung eine Chance auf Integration erhalten.

Am heutigen Dienstag, dem 90. Geburtstag des Sozialdemokraten, wird wieder viel gesprochen werden über die zentralen Forderungen des Jubilars. Dass kulturelle Einrichtungen für alle zugänglich sein sollen. Dass es gerade den sogenannten „bildungsfernen Schichten“, wie sie euphemistisch genannt werden, möglich sein muss, sich durch Bildung Zugang zu allen Formen der Kunst zu verschaffen. Kultur nicht als ein Privileg der Begüterten in der kapitalistischen Gesellschaft, als den Bürgerlichen, Reichen und Mächtigen vorbehaltener Zeitvertreib. Sondern als selbstverständliche Teilhabe am kulturellen Leben.

„Kultur für alle“, bis heute nicht erreicht

Aktuell ist der Forderungskatalog der „Kultur für alle“ vor allem, weil seine Ziele bis heute nicht erreicht sind. Noch heute gibt es in der kapitalistischen Gesellschaft mächtige Schranken, die Menschen von den kulturellen Angeboten fernhalten. Bei Jugendlichen wachsen die Defizite bei den Basis-Fähigkeiten des Lesens und Schreibens. In den Schulen lässt gerade der musische Unterricht immer mehr zu wünschen übrig.

Hoffmann erweiterte, das ist eines seiner großen Verdienste, den Begriff der kulturellen Bildung, sah sie nicht beschränkt auf die damals traditionellen Institutionen wie Museum und Theater hinaus. Er bezog Medien wie den Film ein und begründete 1971 in Frankfurt eines der ersten Kommunalen Kinos in Deutschland – eine Bildungseinrichtung, die vielerorts nachgeahmt wurde. Er förderte erstmals die alternative und die Stadtteilkultur, die freie Theaterszene, alle „Gegenmodelle zum traditionellen Kulturbetrieb“.

Überhaupt formulierte der gebürtige Bremer nicht nur Ansprüche und Theorien für die Volksbildung, er setzte sie in beispielhafter Weise in die Praxis um. Er begann damit als sehr junger Mann, als Direktor der Volkshochschule und späterer Kulturdezernent in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen, auch als Gründer der wegweisenden Oberhausener Kurzfilmtage.

Von 1970 bis 1990 folgte dann seine glückhafteste und erfolgreichste Zeit: Die Jahre als Kulturdezernent in Frankfurt. Von 1993 bis 2002 erweiterte er als Präsident des Goethe-Instituts die kulturelle Bildungsarbeit auf den Weltmaßstab. Sammelte bei der Wirtschaft 44 Millionen Sponsoren-Geld ein, gründete zwei Dutzend neuer Dependancen, musste aber in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung von 1998 an die Schließung von 27 Filialen hinnehmen – eine ambivalente Bilanz.

Zeit seines Lebens ist Hoffmann ein erfolgreicher Brückenbauer gewesen. Das begann schon bei den Oberhausener Kurzfilmtagen in den 50er Jahren – damals lud er Regisseure aus osteuropäischen Staaten ein, die unter dem Terror der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft besonders gelitten hatten: Polen, Tschechoslowakei. Und lange vor der Ostpolitik Willy Brandts, den er verehrte, unterhielt der Festival-Intendant Kontakte in die DDR – einen Staat, der für Adenauer-Deutschland gar nicht existierte. Damit handelte er sich Ärger mit der CDU-Bundesregierung ein. Auch für die Versöhnung mit Israel engagierte er sich jahrzehntelang, etwa durch Lehrtätigkeit an den Universitäten von Tel Aviv und Jerusalem.

Frankfurt aber kann als Meisterstück des Kulturpolitikers gelten. Zunächst die Phase der absoluten SPD-Mehrheit zwischen 1970 und 1977: Er fand damals noch keine Rückendeckung für neue Museen, wohl aber für ein Netz von Bürgerhäusern und Stadtteilbibliotheken. Am Schauspiel und an der Oper kämpfte der Kulturdezernent für ein neuartiges Mitbestimmungsmodell – Regisseure und Schauspieler durften beim Spielplan mitreden, der Einfluss der allmächtigen Generalintendanten alten Schlages sollte entschieden beschränkt werden.

Zeichen in der Mitbestimmungs-Ära

Künstlerisch setzte die Mitbestimmungs-Ära Zeichen, mit revolutionären Inszenierungen von Hans Neuenfels, Peter Palitzsch, Christof Nel, Luc Bondy und anderen. Am Ende scheiterte das Selbstverwaltungs-Modell an den wirtschaftlichen Ansprüchen der Beteiligten, die mehr verdienen wollten als ein Einheits-Gehalt.

Hoffmann holte Rainer Werner Fassbinder, den Wagemutigsten in der jungen Generation deutscher Filmregisseure, ans Theater am Turm (TAT) – er sollte die Avantgarde-Bühne neu beleben. Das ging nach nur acht Monaten grandios schief. Ein Stück, dass Fassbinder 1975 schrieb, bescherte Hoffmann zehn Jahre später die schwierigste Zeit als Politiker überhaupt: „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde besetzten 1985 die Bühne des Schauspiels, um die Uraufführung des als antisemitisch empfundenen Stoffes zu verhindern. Das machte weltweit Schlagzeilen. Tatsächlich hatte Fassbinder aus der Wirklichkeit geschöpft: Unter den heftig kritisierten Spekulanten, die Häuser aufkauften und Mieter vertrieben, gab es in Frankfurt auch Juden.

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In der Zusammenarbeit mit der CDU-Mehrheit im Römer ab 1977 und dem Oberbürgermeister Walter Wallmann perfektionierte Hoffmann die Kunst des Brückenbaus. Über die politischen Grenzen hinweg bewerkstelligte er knapp zehn Jahre lang Mehrheiten für eine eindrucksvolle Kette neuer Kulturinstitute: Die Museen für Architektur, Film, angewandte Kunst, Moderne Kunst, aber auch die Kunsthalle Portikus, das Literaturhaus, das Jüdische Museum und das Ikonen-Museum. Das Städel-Museum und das Liebieghaus wurden erweitert.

Um dies zu erreichen, knüpfte Hoffmann ein Netzwerk von Unterstützern, das war seine Spezialität. Einmal, in einer Sitzung der Stadtregierung, entfuhr dem Kulturdezernenten der bezeichnende Halbsatz: „Wenn ich Politiker wäre....“. Das illustrierte trefflich, dass der Sozialdemokrat sich nie als Parteisoldat verstand. Stets stellte er seine kulturpolitischen Ziele über die Parteidisziplin der SPD. Führende Genossen, die seinen Kulturbegriff nicht teilen, trifft bis heute der Bannstrahl seiner Verachtung – etwa Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.

Hoffmann hat bis heute nicht aufgehört, zu schreiben, zu reden, zu kämpfen, sich einzumischen. Das nächste Buch ist schon in Planung. Man darf sich den Kulturpolitiker als glücklichen Menschen vorstellen.

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