Andy Warhol wählte für all seine Porträts wohlhabender Auftraggeber dasselbe Format. So, meinte er, könnte er eines Tages ein riesiges Gesellschaftsgemälde daraus zusammensetzen und es an das New Yorker Metropolitan-Museum verkaufen. Dazu ist es zwar nicht gekommen, aber möglicherweise arbeitet Sofia Coppola bereits an der gleichen Idee. Schon jetzt kann man ihre Filme „Lost in Translation“ und „Somewhere“ als bitter-süße Schaustücke der amerikanischen Celebrity-Kultur nahtlos aneinander kleben, und sicher kommen noch weitere dazu. Kein Wunder, dass sich ihre Filme ausgesprochen ähnlich sehen.
Sofia Coppola hat in ihren wenigen Filmen fraglos zu einem unverkennbaren Personalstil gefunden, einer traurigen Pop-Art über die Melancholie der Oberflächen. „Somewhere“, die Vater-Tochter-Geschichte aus Hollywoods Jet-Set, ist ihr bislang vollkommenster Film. Ihre leicht veränderten Nachinszenierungen der Glamourwelt haben äußerlich die visuelle Brillanz von Andreas Gurskys Fotografien und innerlich das brüchige Sentiment von „Bonjour Tristesse“ – dem Moderoman der fünfziger Jahre der damals 17-jährigen Françoise Sagan.
Wie die Industriellentochter Sagan ist Coppola eine Eingeborene ihres Milieus, gesegnet mit der selben Gabe, durch die spiegelnden Fassaden um sie herum hindurch zu blicken. Als Tochter eines Filmregisseurs, der sich in den Siebzigern zum Inbegriff des Künstler-Aristokraten stilisierte, der künstlerische Erfolge wie wirtschaftliche Katastrophen mit der selben Grandezza in Szene setzte, wurde sie gewissermaßen „berühmt geboren“. Berühmt geworden ist sie hingegen durch ihr unbestrittenes Talent als Regisseurin, mit dem sie ihren Vater als derzeit einflussreichste Stilistin des US-Kinos beerbte.
Filmstar in der Lebenskrise
Eine zentrale Szene führt ihren Protagonisten, den von einer Lebenskrise heimgesuchten Filmstar Johnny Marco (Stephen Dorff), nach Italien, geradewegs in eine typische Gala des Berlusconi-Fernsehens. Man überreicht ihm einen „Telegatto“, Italiens Antwort auf den „Bambi“. Bevor er seine Dankesrede ausführen kann, umtanzt ihn schon ein leicht geschürztes Blondinen-Ballett mit einer albernen Canzone.
Wie in „Lost in Translation“ legt Coppola den Finger auf die täglichen Absurditäten des Kommerzfernsehens. Die Regisseurin, der man selbst einmal unter ähnlichen Umständen die katzenförmige Statuette in die Hand drückte, ist eine Kosmopolitin der Jet-Set-Monotonie. Mit Kennerblick verzeichnet sie die minimalen nationalen Unterschiede in den Ritualen der Repräsentation.
Was in früheren Jahrhunderten die höfischen Feste waren, denen sie sich ausschweifend widmete in „Marie Antoinette“, sind heute die stets aufs Neue gefeierten Events des Glamour. Zunächst aber sind es die Auswüchse der US-amerikanischen Folklore, die für die Luxus-Langeweile eines Mannes stehen, den die Midlife-Krise schon in seinen späten Dreißigern fest im Griff hat.
So lässt er sich in seinem Hotelzimmer von Zwillingen in Cheerleader-Kostümen unterhalten. An mitgebrachten Stangen, die sie später bequem in ihren Sporttaschen verstauen, üben sie sich im Synchronturnen. Was sie sonst noch drauf haben, überlässt die Regisseurin diskret unserer Vorstellungskraft. Schon diese Szene am Filmanfang, die an Werke der Filmkünstlerin Sharon Lockhart denken lässt, lohnt den Besuch.
Vielleicht ein Ehrenamt?
Auch wenn „Somewhere“ über weite Strecken wie ein zweites „Lost in Translation“ wirkt, ist diese Arbeit doch um einiges bitterer und kunstvoller. Mutig weitet Coppola ihr entlarvendes Society-Gemälde auf die eigene Generation aus. Man kann das Bild leicht noch weiter denken: Welche Rituale der Selbstbestätigung mögen wohl einer Paris Hilton ein erfülltes Dasein vorspiegeln? Einmal offenbart sich der deprimierte Johnny Marco einer Freundin, deren Lebenshilfe recht einfältig ausfällt: „Wie wäre es vielleicht mit einem Ehrenamt?“
Doch Coppola macht es sich nicht so einfach, die Reichen und Berühmten allein für deren Dekadenz verantwortlich zu machen. Erst das Publikum der stumpfen Fernsehgalas und Red-Carpet-Shows macht das Bild komplett. Der Luxus ist für diese Regisseurin so natürlich wie für Chaplin die Armut. Doch die Ironie, mit der sie ihrer Welt begegnet, geht nie so weit, sie ernstlich in Frage zu stellen. Man spricht vom „Blick des Außenstehenden“, wenn Vertrautes im neuen Licht gezeigt wird. Hier ist es der Blick der Eingeweihten, der Ähnliches bewirkt. Doch es gehörte schon immer zu den Paradoxien der Pop-Art, dass sie selbst ein Teil dessen ist, was sie künstlerisch verfremdet. Auf dem amerikanischen Kunstmarkt erlebt die moderne Salonmalerei eines Alex Katz oder David Salle einen anhaltenden Boom. Man liebt es in Sammlerkreisen, seinesgleichen in Öl wieder zu begegnen.
Die Filmwelt liebt Sofia Coppolas filmische Salonmalerei auf die gleiche Weise, und es gibt eine überdeutliche Szene am Ende, in der Coppola plötzlich ins Hollywood-Sentiment rutscht. Als sei die Botschaft bis dahin ungehört geblieben, lässt sie ihren traurigen Helden noch einmal nach dem Sinn seines Daseins fragen. Man stellt sich in diesem Augenblick ein Kino in Los Angeles vor, voll mit Hollywood-Prominenz: Filmstars, die sich selbst auf der Leinwand begegnen. Und alle zücken sie synchron die Taschentücher.
Somewhere. Regie Sofia Coppola, USA 2010, 98 Minuten.
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