Im HipHop wird immer wieder die gleiche Geschichte erzählt von der armen Sau, die trotz ihrer Eltern, ihrer Herkunft und der Gemeinheit der Anderen ihren Weg nach oben macht. Das macht den HipHop, ob einem das nun passt oder nicht, zu einer echten Kunstform: Hier ist das „Wie“ wichtiger als das „Was“.
Nur hat das der HipHop-Film bislang nicht so recht verstanden. Ob Eminem in „8 Mile“, 50 Cent in „Get Rich or Die Trying“ oder hier zu Lande Bushido in „Zeiten ändern dich“ – hier werden die arme Sau, ihre Eltern, ihre Herkunft, die Gemeinheit der Anderen und der Weg nach oben mit heftigem Pathos ausstaffiert und um jenen Grad zu ernst genommen, der keine Freude aufkommen lässt. Hier stehen Gestaltungsräume offen, die man mit Witz und Fantasie betreten kann. Und mit „Blutzbrüdaz“ ist das endlich geschehen.
„Blutzbrüdaz“ zeigt amüsantes Gekasper
Die Hauptrolle spielt Sido. Er und Bushido waren, bevor sie vor kurzem ein gemeinsames Album produzierten, erbitterte Feinde. Und „Blutzbrüdaz“ sieht auch so aus, als wollte Sido den Kollegen nun mit einem vernünftigen Hiphop-Film dissen, nachdem „Zeiten ändern dich“ ein so außerordentlich tiefer Griff ins Klo war. Dabei hilft, dass hier eine ausgedachte Geschichte erzählt wird und nicht eine Biografie zur Geschichte zurechtgebogen wird.
Wo Bushido bei der Verfilmung seines Lebensberichts nur Pappkameraden neben der eigenen Selbstgerechtigkeit duldet, wartet „Blutzbrüdaz“ mit einer ansehnlichen Galerie prägnanter Typen auf. Sido kann zwar genau so wenig spielen wie Bushido, aber während der sich dumpf an seiner Dichterfürstenherrlichkeit berauschte, hat Sido den gutmütigen Charme eines leicht minderbemittelten Trampeltiers.
Der Regisseur Özgür Yildirim hat vor zwei Jahren mit „Chiko“ den bislang besten deutschen Gangsterfilm gedreht: Hamburg wurde darin zum Schauplatz einer brutalen und eiskalt auf die Katastrophe zulaufenden Dealerkriegs. „Blutzbrüdaz“ ist dagegen amüsantes Gekasper, verfügt aber über eine vergleichbare Street Credibility, dramaturgische Stringenz sowie Kraft und Klasse in der Inszenierung standardisierter Szenen.
Dollarzeichen in den Pupillen
Denn an sich ist die Geschichte von „Blutzbrüdaz“ nicht weiter originell. Otis (Sido) und sein Kumpel Eddy (B-Tight) rappen sich im Duett nach oben, erst über Freestyle-Battles, dann über den Plattenverkäufer aus dem Kiez. Schließlich geraten sie an den Manager eines Major Labels. Der jedoch hat seine eigenen Vorstellungen, wie sich die „Blutzbrüdaz“ am besten vermarkten lassen: Otis wird mit seinem Übergewicht und seiner Brille nach hinten gestellt, Eddy dagegen zum gefönten Coverboy – und singen sollen sie auch noch! Otis passt die ganze Richtung nicht. Er steigt aus, Eddy macht solo Karriere. Die Niederlage aber lässt Otis nicht auf sich sitzen.
Alles verläuft somit nach Schema F, und ist dennoch lustig und immer interessant. Otis’ Proletenfreundin, der raue, aber ehrliche Plattenverkäufer, der eitle Manager mit den Dollarzeichen in den Pupillen setzen immer wieder lustige Schlaglichter. Die Beschaffung eines vernünftigen Mikros wird bei leerem Geldbeutel zum raffinierten Verbrechen. Herrlich ist auch der Auftritt eines alten Freundes, der widerwillig und gestresst mit Otis und Eddy ein Demo aufnimmt: „Passt auf, wenn ihr anfangt, hier rumzualbern, bin ich sofort wieder weg!“
Die folgende Aufnahmesitzung gerät dann jedoch zur aufregendsten Darstellung eines kreativen Aktes seit jener „Amadeus“-Szene, in welcher der todkranke Mozart dem Konkurrenten Salieri sein Requiem diktiert: Wie dort kommt Schicht um Schicht hinzu, wird kritisiert und verändert, bis das Stück fertig ist und auch den Rap-resistenten Zuschauer mitreißt. Man sehe sich die laschen Aufnahmen des kritzelnden und skandierenden Eminem in „8 Mile“ an, um zu ermessen, welchen Sprung der HipHop-Film mit „Blutzbrüdaz“ gemacht hat.
Blutzbrüdaz, Dtl. 2011. Regie: Özgür Yildirim, Drehbuch: Nicolas J. Schofield, Jan Ehlert, Kamera: Matthias Bolliger, Darsteller: Sido, B-Tight, Milton Welsh, Tim Wilde, Claudia Eisinger u. a.; 87 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre. Ab Donnerstag im Kino.
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