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Historisches Stadtarchiv Köln: Die verdammte Realität einer Theorie

Das Kölner Unglück zeigt: nichts ist so empfindlich wie Papier. Deshalb müssen wir unsere Geistesbestände dringend umfassend digitalisieren - Das fordert der Schriftsteller Burkhard Spinnen

Besiegelte Pergamtenturkunden des 15./16. Jahrhunderts mit schweren
Schäden. Sie wurden nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchives im Schutt geborgen.
Besiegelte Pergamtenturkunden des 15./16. Jahrhunderts mit schweren Schäden. Sie wurden nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchives im Schutt geborgen.
Foto: dpa

Auf lange Sicht hin ist nichts schlimmer als Recht zu behalten. Als vor knapp fünf Jahren die Anna Amalia Bibliothek in Weimar ausbrannte, habe ich in einem Kommentar dazu eher unsentimental reagiert. So schrecklich der Verlust auch sein mag, sagte ich damals, so ist er doch weniger eine schlimme Ausnahme und vielmehr ein Erweis der Regel.

Denn nichts ist nun einmal so empfindlich wie Papier. Es löst sich in Wasser auf, es fängt schon bei vergleichsweise geringen Temperaturen Feuer, es kann durch Schädlinge vernichtet werden, oder es enthält Substanzen, die zu seiner Selbstauflösung führen. Mit anderen Worten: Papier hat die natürliche Tendenz zu verschwinden.

Der Autor

Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, lebt als Schriftsteller in Münster. Seine Romane, Erzählungen und Essays erscheinen im Verlag Schöffling & Co., wo soeben auch sein Jugendroman "Müller hoch Drei" herausgekommen ist.

Burkhard Spinnen lebt als Schriftsteller in Münster.
Burkhard Spinnen lebt als Schriftsteller in Münster.
Foto: ddp

Und da wir unser Wissen und die Erinnerung an unsere Vergangenheit ausgerechnet auf Papier gespeichert haben, muss uns klar sein, dass wir nichts davon auf Dauer werden schützen können. Nichts!

Und jetzt gibt die verdammte Realität meiner Theorie wieder Recht. Sie hat das historische Archiv der Stadt Köln mit ihrer gefährlichsten Waffe vernichtet, mit dem sogenannten unvorhersehbaren Unfall. Was in mehreren Kriegen ausgelagert und also bewahrt werden konnte, fällt nun einem Anschlag in Friedenszeiten zum Opfer. Einer baulichen Maßnahme, die dazu diente, alles schöner und besser zu machen.

So heimtückisch ist der Alltag! Manchmal werden die historischen Gebäude gerade renoviert, wenn sie Feuer fangen. Ein Schweißer macht einen dummen kleinen Fehler. Letztes Jahr brannte ein englisches Museumsschiff bei der Restaurierung aus, weil ein Staubsauger sich überhitzte. Nichts, so ist man versucht zu sagen, schadet unseren Kulturgütern so sehr wie unsere Fürsorge in Friedenszeiten.

Aber lassen wir den Sarkasmus. Und halten wir fest: Die Folgen alltäglicher Störungen und Defekte werden immer verheerender. In einer hochkomplexen Welt können die Ursachen erheblich größere Wirkungen zeitigen. Eine nicht ganz zu Ende kalkulierte Kleinigkeit geht schief, und schon ist Domino Day! Die Folgen menschlichen Versagens potenzieren sich. Das schwächste Glied in der Ereigniskette ist der Mensch, das zweitschwächste: das Papier.

Und was heißt das für unsere Vergangenheit in Akten, Druck- und Handschriften? Es heißt, dass wir sie noch besser pflegen und schützen müssen und - dass wir alle Möglichkeiten wahrnehmen sollten, den Bestand unseres papierenen Kulturerbes auf einen Haftgrund zu übertragen, der besser zu sichern ist als das empfindliche Papier. Ich meine die Digitalisierung. Natürlich geht es bei der Sicherung unseres kulturellen Erbes auch um den Erhalt der Originale. Eine Handschrift aus dem Mittelalter ist eine sicht- und greifbare Brücke in die Vergangenheit.Ein Manuskript von Heinrich Böll bewahrt die Aura des Werkes und die Gegenwart seines Autors. So etwas zu verlieren ist eine Katastrophe. Aber im Wesentlichen konservieren wir nicht Papier, sondern Texte, Daten und Pläne. Und da wir heute die technische Möglichkeit haben, all das auf andere, raffinierter zu sichernde Datenträger zu transferieren, sollten wir von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machen.

Ich weiß, eine Böll-Handschrift, eingescannt und vom Computer auf einen Monitor ausgegeben, hat wenig Auratisches. Dennoch wünschte ich mir mehr noch als die Pflege aller Akten- und Papierbestände die Sicherung der Geistesbestände. Letztens habe ich ein Foto verloren, einen beiläufigen Schnappschuss. Allerdings eines der wenigen Bilder, die mich als Junge mit sehr langem Haar zeigen. Dreißig Jahre klebte es in einem Album, und schließlich verklebte es mit der gegenüberliegenden Seite. Ich war verzweifelt. Bis mir einfiel, dass ich es für ein digitales Album hochauflösend gescannt hatte. Meine Jugend war gerettet.

Sichere digitale Archive werden etwas Überlebenswichtiges für unsere Kultur sein. Ich weiß, sie sind nicht für den Preis von ein paar CDs zu haben. Aber sie versprechen Erfolg und sind eine kraftvolle Maßnahme gegen die Bedrohung des Papiers durch Wasser, Feuer, Milben, Säure und Baufehler im Untergrund. Digital umgesetzt, passen Tausende Bücher und Akten in eine Schuhschachtel. Für alle Fälle.

Datum:  9 | 3 | 2009
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