Sechzig Jahre lang hat Pesach Anderman nicht darüber gesprochen, wie er die Shoah überlebte. Seine Kinder "sollten nicht im Schatten einer solch düsteren Wolke aufwachsen". Aber seine Gedanken führten ihn immer wieder zurück in jene Zeiten der Verfolgung und Todesängste, die der jüdische Junge aus Buczacz in Galizien damals auf der Flucht und in Verstecken durchlitt.
Als er seinen 70. Geburtstag beging, kamen die quälenden Erinnerungen an seine Eltern und deren Familien, die im Holocaust fast gänzlich ausgelöscht wurden, besonders stark hoch. Pesach Anderman beschloss, seine Geschichte aufzuschreiben. Für die eigenen Enkel und überhaupt für die jüngere Generation.
Zehn Jahre ist das her. Heute ist Anderman auf den ersten Blick ein rüstiger Rentner, der mit Ehefrau Chava mitten in Tel Aviv wohnt und die späten Jahre genießt. Als einer von 220.000 Holocaust-Überlebenden in Israel geht es ihm relativ gut. Zumindest spricht er nicht viel über Depressionen oder Schlafstörungen - Symptome, unter denen die meisten Überlebenden leiden. Nur ganz kurz erwähnt Anderman, dass ihn nachts noch immer horrende Szenen verfolgen. "Die Sache mit Edzio" gehört dazu.
Edzio hieß sein jüngerer Cousin. Das letzte Bild, das Anderman von ihm im Kopf hat, zeigt, wie über Edzios erstarrtem Körper eines Morgens der Huf einer Kuh schwebt. Die beiden Jungen hatten sich im Stall zwischen den Tieren im bitterkalten ukrainischen Winter zu wärmen versucht. Örtliche Helfer der SS-Truppen hatten zuvor ihre Hunde auf sie gehetzt und sie zusammengeschlagen. Nur knapp kamen sie davon. Im Kuhstall dann starb Edzio an Entkräftung. Die Bauersfrau versprach, ihn zu begraben, aber schickte Pesach weg in die Kälte. "Dieses Gefühl, ganz allein dazustehen", sagt Anderman und lässt den Satz offen. Mit dem Weitersprechen muss er kämpfen.
Trotzdem ermuntert Anderman seine Zuhörer, jede Frage, die ihnen in den Sinn kommt, an ihn zu richten. Den Schülern in Israel wie in Deutschland, Religionslehrern in Yad Vashem wie Polizeioffizieren aus Düsseldorf oder Richtern aus Berlin. Ganz erklären kann er sich allerdings selber nicht, "woher ich damals die Kraft zum Weitermachen nahm". Es war wohl "Der Wille zu leben" - Titel seines Buches, inzwischen auch auf Deutsch erschienen.
Im Alter von vier Jahren verlor er den an Lungenentzündung erkrankten Vater. Mit zwölf die Mutter, die einer Typhusepidemie im Ghetto von Buczacz erlag. Sein großer Bruder Arie ging zur Roten Armee und fiel 1944 im Krieg gegen die Deutschen.
Pesach und seine sieben Jahre ältere Schwester Sally, die sich später den Partisanen anschloss, blieben im Ghetto. Er schlich sich auf polnische Märkte, hielt sich und die Schwester mit Tauschgeschäften über Wasser. Sobald SS-Leute und ihre ukrainischen Hilfstruppen zu "Aktionen" anrollten, meist um fünf in der Früh, "rannten wir instinktiv weg. Wir wussten genau, was Aktionen bedeutete". Die ausgehobenen Massengräber am Waldrand, die Leichen auf den Straßen waren unübersehbar. Trotzdem kehrten sie ins Ghetto zurück, weil sie keine Alternative hatten.
Dann folgte die Deportation nach Tluste. Wieder gelang Pesach die Flucht. Er versteckte sich auf einem Heuboden und musste mit ansehen, wie SS-Hilfstruppen im Hof zusammengetriebene Juden mit Heugabeln umbrachten, darunter eine schwangere Frau.
Auf seiner weiteren Flucht hat Anderman vieles mehr an Scheußlichkeiten erfahren. Zufälle und der Einsatz beherzter Bauersfrauen retteten ihm das Leben. Eine Polin etwa schlug einem SS-Mann, der ihn erschießen wollte, den Gewehrkolben weg. Drei harte Kriegswinter überstand Anderman so im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren, an den Füßen "zu große Schuhe, um die ein Strick gebunden war, mit hineingestopftem Zeitungspapier statt Socken". Mal verkroch er sich in Wäldern, mal in Scheunen, aus denen er sich nachts schlich, um irgendwo einen Kanten Brot zu ergattern.
"Ein Hund lebt besser", sagt er. Die vielleicht schlimmste Erfahrung war die Einsamkeit. "Im KZ war man zumindest nicht allein." Doch Selbstmitleid ist ihm fremd. "Immer in die Zukunft schauen, nicht an der Vergangenheit hängen", lautet seine Devise.
Beim Aufbau des Staates Israel dabei gewesen zu sein, rechnet der Achtzigjährige "zu dem schönen, dem zweiten Teil meines Lebens". Undramatisch verlief er auch nicht. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg geriet Anderman ein Jahr in jordanische Gefangenschaft. Auch der Mord an seinem Vorbild Yitzhak Rabin hat ihn, der auf Frieden mit den Palästinensern setzt, schwer getroffen. Aber Israel ist sein Zuhause. In die Ukraine, die er 2006 erstmals wieder besucht hat, will er nie wieder zurück. Und nach Deutschland? "Das schon wegen Angela Merkel", sagt er. Der würde er gerne sein Buch geben.
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