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Holocaust-Gedenktag: Wir dürfen uns nicht vergeben

Vor 14 Jahren erklärte Roman Herzog, den Tag der Befreiung von Auschwitz zum Holocaust-Gedenktag. Seither wurde er von EU und UN übernommen. Doch in Deutschland hat dieser Tag eine andere Bedeutung als überall sonst. Von Aleida Assman

Auschwitz
Auschwitz
Foto: dpa

Als Roman Herzog 1996 das Datum des 27. Januar hervorhob und zu einem nationalen Gedenktag machte, konnte er nicht ahnen, welche Dynamik er damit in Gang setzte. Obwohl seine Einsetzung erst vierzehn Jahre zurückliegt, hat dieser Gedenktag bereits eine beachtliche Geschichte.

Nach dem nationalen Gedenktag begann im Jahr 2000 seine internationale Karriere mit der vom schwedischen Präsidenten Persson einberufenen Holocaust-Konferenz in Stockholm. 2005 wurde der 27. Januar von der EU als europäischer Gedenktag und im selben Jahr von den Vereinten Nationen als globaler Gedenktag beschlossen.

Zur Person

Aleida Assmann ist eine deutsche Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Seit den 1990er Jahren ist ihr Forschungsschwerpunkt die Kulturanthropologie - und hier besonders Erinnerungskultur und Geschichtspolitik.

Angesichts dieser weltweiten Einigung auf diesen Tag mithilfe einer eigens dafür eingesetzten Task Force bleibt allerdings eine Paradoxie: Während man sich inzwischen an diesem Tag an vielen Teilen der Welt an die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden erinnert, gehört die Nation der roten Armee, die am 27. Januar in Auschwitz die letzten dort verbliebenen Häftlinge befreite, nicht zu der transnationalen Erinnerungsgemeinschaft.

In Deutschland hat der Holocaust-Gedenktag eine andere Bedeutung als in allen anderen Nationen. Von hier ging die Geschichte der Vernichtung aus, die in der Wannsee-Villa nur ihren letzten Impuls bekam. Raul Hilberg datiert die Vorgeschichte dieser Entscheidung auf einen Brief, den Hitler im September 1919 schrieb. Darin forderte er, den rein gefühlsmäßigen Antisemitismus durch einen "Antisemitismus der Vernunft" zu ersetzten.

In der Tat wurde sein obsessives Ziel im Schatten des Krieges mithilfe einer breiten Kooperation auf eine bürokratisch rationale Weise umgesetzt: von der akribischen Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden zur perfiden Stigmatisierung, zur planmäßigen Entfernung der jüdischen Familien aus ihren Wohnungen und Städten bis hin zu ihrer physischen Vernichtung - und die meisten Deutschen schauten dabei zu oder weg.

"Geschichte verblasst schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens war" schrieb Roman Herzog in seiner Begründung des neuen Gedenktags. Nach dem Krieg hat man sich in Deutschland zunächst mit den eigenen Opfern beschäftigt und sich obendrein lange Zeit vor dem vollen Ausmaß dieses Wissens verschlossen. Die Adenauer-Regierung glaubte, zur Tagesordnung übergehen zu können und vertraute darauf, dass die Zeit alle Wunden heile.

Adenauers Schlussstrich-Politik war in diesem Sinne eindeutig auf Vergessen ausgerichtet. Noch im Jahre 1966, zeitgleich mit den Frankfurter Auschwitzprozessen, erklärte er bei einem Besuch in Israel, die Deutschen seien bestrebt, "diese Zeit der Gräuel, die man nicht ungeschehen machen kann, zu überwinden. Wir sollten sie aber nun der Vergangenheit überlassen. Ich weiß, wie schwer es für das jüdische Volk ist, das zu akzeptieren. Aber wenn guter Wille nicht anerkannt wird, kann daraus nichts Gutes entstehen."

Gesinnungswandel in den 80ern

Was waren die Gründe für den radikalen Gesinnungswandel in den 80er Jahren? Ein wichtiger Grund war der Wechsel von einer Generation, die aufgrund ihres starken Ehrbegriffs verstummte und für die unvorstellbaren Verbrechen keine Trauer und Reue aufbringen konnte, zu einer Generation, die diese Geschichtslast angenommen und in ihr Selbstbild aufgenommen hat.

Sie ist von der Einsicht geleitet, dass nicht das Vergessen, sondern allein das Erinnern dieser Verbrechen und die Anteilnahme an individuellen Lebensbeschichten aus der Versteinerung führt und Wege in die Zukunft öffnet. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in Deutschland eine Holocaust-Erinnerungskultur etabliert, die nicht nur die Einheit der beiden Teile Deutschlands unterstreicht, sondern die auch die Deutschen mit ihren europäischen Nachbarn teilen.

Dennoch sind die Deutschen nach dem beispiellosen Verbrechen des Holocaust wieder auf einem Sonderweg: als einzige Nation der Welt definieren sie sich durch eine negative Erinnerung. Präsentieren sich die Deutschen damit als Weltmeister des Erinnerns, wie einige spöttisch meinen? Haben sie vielleicht sogar eine deutsche DIN-Norm des Erinnerns entwickelt?

Die nachwachsenden Generationen haben entdeckt, dass allein Erinnerung, Anteilnahme und die Übernahme von Verantwortung dieser Geschichtslast die Möglichkeit eröffnet, wieder in die Gruppe der zivilisierten Nationen aufgenommen zu werden. Kein Wunder, wenn sich die Enkel deshalb ihre Großväter lieber als Judenretter denn als Judenmörder vorstellen: Opa war kein Nazi.

Gegen solche Selbstbestätigung und Geschichtsentsorgung muss immer das schmerzhafte konkrete historische Wissen rekonstruiert und wach gehalten werden, nicht nur in Filmen und Büchern, sondern auch im Durchgraben von Schichten an dem Ort, wo man gerade lebt.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz war sechs Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und er am Esstisch die Namen vieler Onkels und Tanten hörte, die er nie wieder sehen werde, weil sie von den Deutschen ermordet worden seien. Er beschloss damals, den Deutschen nie zu verzeihen. Seine Mutter antwortete ihm darauf, dass die Juden den Deutschen irgendwann vielleicht ein bissen vergeben könnten - aber nur, wenn die Deutschen sich selbst nicht vergeben würden. Dafür haben wir den 27. Januar.

Autor:  Aleida Assmann
Datum:  26 | 1 | 2010
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