Vor gut einem Jahr, anlässlich ihres 100. Geburtstages sagte Miep Gies: ,,Rückblickend kann ich sagen: Glück, das war der rote Faden in meinem Leben." Es waren die letzten öffentlichen Worte von Miep Gies - und wohl wenigen Menschen ist eine solche Lebensbilanz von der Öffentlichkeit mehr gegönnt worden als jener Frau, die als Helferin von Anne Frank und Retterin von Franks Tagebuch weltberühmt wurde.
Miep Gies-Santrouschitz, am 15. Februar 1909 in Wien als Hermine Santrouschitz geboren, kam als elfjähriges Pflegekind in eine niederländische Familie, die ihr den Namen Miep gab. 1933 trat sie eine Stelle als Sekretärin in der Im- und Exportfirma Opekta an. Es war die Firma des jüdischen Kaufmannes Otto Frank, Vater von Anne.
Er war es, der Miep Gies 1942 bat, seiner Familie zu helfen, der Judenverfolgung im durch Nazi-Deutschland besetzten Holland zu entgehen. "Ich antwortete: Ja, natürlich!", erinnerte sich Miep Gies Jahre später.
Sie fand das Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 263 - heute das Anne-Frank-Museum. Hier war die berühmte Schrankwand, hinter der sich eine weitere Wohnung befand, ausreichend um Otto Frank und seine Frau Edith, deren Töchter Anne und Margot sowie einige andere geflüchtete Juden zu verstecken.
Mehr als zwei Jahre lang versorgte Miep Gies zusammen mit anderen niederländischen Widerständlern die Untergetauchten. Bis das Versteck kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verraten und die Bewohner des Hinterhauses in die Konzentrationslager der Nazis deportiert wurden.
Anne Frank starb im Alter von nur 15 Jahren im KZ Bergen Belsen. Im April 1945, kurz vor dessen Befreiung.
Ihr Tagebuch aber, das sie in ihrem Hinterhausversteck in Amsterdam geschrieben hat, das wird bis heute gelesen. Es macht Anne Frank unsterblich - und auch Miep Gies, von der Anne Frank schrieb: "Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit. Sie ist es auch, die jeden Samstag fünf Bücher aus der Bibliothek bringt. Sehnsüchtig warten wir immer auf den Samstag, weil dann die Bücher kommen, wie kleine Kinder auf ein Geschenk."
Stunden nach der Verhaftung schlich sich Miep Gries in das ehemalige Versteck und nahm das Tagebuch an sich. 1946 übergab sie es Otto Frank, der als Einziger der Familie den Holocaust überlebt hatte und die Aufzeichnungen seiner Tochter kurz darauf veröffentlichte.
Mittlerweile hat das Buch eine Auflage von 20 Millionen erreicht, wurde in 55 Sprachen übersetzt und gilt als eines der erschütterndsten Dokumente über die Leiden der Juden während des Zweiten Weltkriegs.
Für ihren Mut erhielt Miep Gies Auszeichnungen wie die Yad Vashem Medaille des Staates Israel, das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und den Ritterorden Oranje Nassau ihres Heimatlandes, der Niederlande. Trotzdem blieb sie bescheiden: ,,Ich bin keine Heldin, ich habe das alles nur für meine Freundin Anne getan."
Wie respektvoll sie mit dieser Freundschaft umging, verriet Miep Gies kurz vor ihrem Tod: "Ich habe das Tagebuch von Anne bewahrt. Ich habe aber all die Zeit, als ich es bis Ende des Krieges bei mir hatte, nie darin gelesen. Ich habe es ungelesen an Otto Frank übergeben."
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