kalaydo.de Anzeigen

Interview: Ich habe dem Tod eine Tür geöffnet

Christoph Schlingensief über seine Krankheit in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im August 2008.

Christoph Schlingensief steht am 28.07.2005 in Köln vor seiner Kirche der Angst.
Christoph Schlingensief steht am 28.07.2005 in Köln vor seiner "Kirche der Angst".
Foto: dpa

Vier Jahre später gab er der Frankfurter Rundschau wieder ein Interview, nachdem der Krebs diagnostiziert war und er die erste Chemotherapie hinter sich hatte. Die Premiere von „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ stand bevor.

Was ist die Kirche der Angst heute?

Die Kirche der Angst ist für mich etwas Privates geworden, dadurch dass der Terrorist jetzt in mir war, der Krebs in mir ist ein Terrorist gewesen, er ist Anfang dieses Jahres ausgebrochen, hat eine Explosion in mir gestartet, Organe angegriffen. Jetzt ist er noch mal „neoadjuvant“ versorgt, wie die Medizin sagt, er soll also nicht wiederkommen, dieser Terrorist. Die Frage ist, ob das stimmt. Wenn ich diesmal die Angst vor mir selbst thematisiere, dann ist das auch die Frage: Wer bin ich gewesen? Was habe ich mit dem Terroristen eigentlich am Hut gehabt, als er aufgetaucht ist?

Sie sprechen über den Krebs wie über ein Alter Ego?

Ich war von Beginn der Krankheit an auf der Suche, wo der Krebs herkommt. Für mich ist das eine Lebenslinie, auf der ich mich bewege, die ist vorgesehen oder nicht, genetisch angelegt oder nicht. Diese Lebenslinie umgibt ein Toleranzbereich, in dem ich alles veranstalten kann, was ich will. Wenn ich dann aber anfange, Dinge zu tun, die aus diesem Bereich herausfallen, unter denen ich leide, dann hat das Folgen.

Was haben Sie sich angetan?

Ich glaube, dass ich mir in der Zeit von Bayreuth das Weltabschiedswerk von Herrn Richard Wagner, zusammen mit der Kritik von Nietzsche, so zu Herzen genommen habe, dass es zu viel wurde. Ich habe den Tod, das Abschiedswerk, das „zum letzten Mal“, „zum Raum wird hier die Zeit“, vielleicht zu ernst genommen.

Inwiefern?

Ich habe dieses Weltabschiedswerk in Bayreuth näher an mich herangelassen, als es mir zuträglich war. Man braucht dafür eine gewisse Reife. Die hatte ich nicht. Ich hatte auch keinen Schutzpanzer im Umgang mit der Oper, ich hatte sozusagen ungeschützten Verkehr mit diesem Werk.

Sie meinen, dass Sie sich Richard Wagners Abschiedswerk „Parsifal“ so zu Herzen genommen haben, dass daraus ein todbringender Teil Ihres Körpers wurde?

Ich glaube, dass das zu einer Form von Entartung geführt hat, so heißt das ja auch bei diesen Zellen. Es geht mir dabei aber nicht um etwas Esoterisches. Ich werde von Schulmedizinern behandelt. Ich bin mir dabei sicher, wie viele Schulmediziner auch, dass es in 20 Jahren Gelächter geben wird, wenn man sich daran erinnert, dass man früher Krebs mit Chemotherapie behandelt hat. Ich glaube, dass dieser Weg inkonsequent ist. Das Immunsystem, das beim Krebs nicht mehr funktioniert, ist ein wesentlicher Bestandteil meines Ich, es hat etwas mit meiner Stärke zu tun. Dass der Mensch sein Immunsystem entscheidend schwächt, wenn er gegen sein Naturell handelt, wird aber von der Medizin nicht in die Behandlung einbezogen. Irgendwann in der Zukunft wird sie einsehen, dass sie das individuelle Immungesicht jedes einzelnen Menschen bei der Therapie von Krebs nicht berücksichtigt hat. Ich merke, dass ich Klarheit darüber brauche, was ich getan habe, das meinem Naturell widersprochen hat, um weiter bestehen zu können. Da habe ich mich in ein Fahrwasser begeben, das mir nicht entsprach und dem Krebs eine Tür geöffnet. Der Krebs hat ein Gesicht, dieses Gesicht hat mit mir zu tun, und ich muss mir selber in die Fresse schauen, um zu wissen, wann ich mir etwas leisten darf und wann nicht. Aus Angst habe ich damals Dinge getan, die ich mir bis heute vorwerfe. Ich habe auf Kosten anderer Menschen gelebt und ich mich damals nicht lieb genug gehabt. Das hat mich in einen Zustand permanenter Angst versetzt. Jetzt schätze ich das Normale viel mehr.

Welches Normale?

Zum Beispiel wenn ich mit meiner Freundin Aino Laberenz spazieren gehe. Ich kann nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen. Auch Bilder von vor der Krankheit werden jetzt anders aufgetankt, ich schaue mir Bilder aus Nepal an und sehe in ihnen das, was dann später passiert ist. Dort habe ich z. B. in das Gästebuch eines Kinderkrankenhauses den Satz geschrieben: „Auf dass die kreisenden Gedanken einen Grund finden.“

Und was ist der Grund?

Drei Tage später habe ich das Bild von meiner Lunge mit dem Karzinom in die Hand bekommen. Nun kann der Krebs ja nicht der Grund sein. Aber der Zweifel an der Kunst, der Zweifel an meiner Kunst, kam immer wieder. Dass da etwas fehlt. Dass alles Simulation ist. Aber dieses Röntgenbild war mehr als ein Bild. Die Diskrepanz zwischen dem, was jemand vorgibt, und dem, was dahinter steckt, ist auch in der Kunst oft ziemlich groß. Und das betrifft auch mich.

Wenn Sie jetzt näher an dem sind, worum es Ihnen geht, was ist das dann?

Ich habe lernen müssen, auf dem Sofa zu liegen und nicht mehr zu tun, als Gedanken zu denken. Die Zeit hat sich gedehnt. Das sehe ich auch bei anderen: Der Kranke und damit Langsame hat in einer schnellen Welt keinen Wert, das kranke Kind kommt als Kraft nicht vor, es gibt keine Währung dafür. Aber es hat eine Kraft.

FR vom 13. August 2008.

Datum:  22 | 8 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.