Umweltschutz und Demokratie: In einer Demokratie muss Naturschutz populär sein
Joachim Radkau im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über kritische Stimmen, die sagen, mit Ökologie allein lasse sich der Umweltschutz nicht begründen und warum es sich unbedingt lohnt, den Menschen als Bewohner von Biosphärenreservaten anzuerkennen.
In Goi-Bodo im Niger-Delta brennt Öl, das aus einer lecken Pipeline austritt. Dass dadurch die Natur zerstört wird ist für Flora, Fauna und die Menschen gleichermaßen schlimm. Foto: rtr
In Goi-Bodo im Niger-Delta brennt Öl, das aus einer lecken Pipeline austritt. Dass dadurch die Natur zerstört wird ist für Flora, Fauna und die Menschen gleichermaßen schlimm. Foto: rtr
Herr Radkau, im Eröffnungsvortrag des Rachel Carson Centers for Environment and Society hat der Münchner Umwelthistoriker Christof Mauch die Disziplin Umweltgeschichte so charakterisiert: Sie sei trotz der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit eine Art Orchidee im Gewächshaus der Wissenschaften, „faszinierend und blühwillig, haltbar und exotisch, aber ohne Nutzen, so scheint es, und rar obendrein.“ Wo sehen Sie das Potenzial der Disziplin?
Keine Frage, die Umweltgeschichte als solche hat keine stoffliche Einheit. Verbunden wird sie lediglich über unseren fragenden Zugang – und ich lege großen Wert darauf, dass sie für mich auch die Natur des Menschen einbeziehen sollte. Auf welche Weise das geschehen könnte, habe ich in meiner Max-Weber-Biographie zu demonstrieren versucht. Daher sage ich ganz offen: Ich selbst möchte Umweltgeschichte zur big history machen, nicht zu einer neuen Spezial-, sondern zu einer integrativen Disziplin. In meiner aktuellen Studie „Die Ära der Ökologie“ geht es mir nicht zuletzt auch darum, das integrative Potenzial ökologischer Denkansätze herauszuarbeiten.
Wo sehen Sie denn gesellschaftliche Relevanzfelder der historischen Umweltforschung?
Da gibt es eine ganze Reihe. Auch im Naturschutzbereich werden kritische Stimmen lauter, die sagen, mit Ökologie allein lasse sich der Umweltschutz nicht begründen. Wenn wir Natur immer nur in begrenzten Reservaten getreu unseres Wildnis-Ideals Natur sein lassen wollen, laufen wir langfristig in eine Falle. Wir müssen vielmehr die gesamte Landschaft als Kulturlandschaft im Blick haben, einen kulturhistorischen Ansatz verfolgen. Allerdings finden Historiker gegenwärtig noch kaum Gehör: Die ganze Szene wird eben doch von Naturwissenschaftlern, Biologen und Ökologen beherrscht – und mit dieser Einschätzung stehe ich nicht allein.
Was ist daran so problematisch?
Oft herrscht dort ein zu rigides Denken. Wenn wir immer nur sagen, dieses Schutzgebiet ist absolut notwendig, weil nur hier allein diese spezielle Fledermausart anzutreffen ist und dergleichen mehr, dann machen wir uns die Bauern und Grundbesitzer etc. zu Feinden. Meistens hat jeder seinen speziellen Tick, seine spezielle zu schützende Art, die auch manchmal auf Kosten anderer Arten geschützt werden muss. Doch damit laufen wir sehenden Auges in eine Sackgasse. Ich denke, es müssen mehr Human- und Kulturwissenschaftler an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, die sich über den Konstruktionscharakter von Natur bewusster sind. Natur gibt es ja wirklich, aber wenn wir von Natur reden, dann meinen wir zumeist ein Konstrukt, das wir im Kopf haben – was durchaus auch seinen praktischen Wert hat: Man geht sensibler mit ihr um.
Könnten Sie das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?
Es gibt zum Beispiel den Nationalpark Wattenmeer, der zu heftigsten Kontroversen mit den dortigen Anwohnern geführt hat. Die politischen Entscheidungsträger aus Schleswig-Holstein sahen sich mit zahlreichen Widerständen konfrontiert. Die alten Kulturlandschaften mit den schönen Dithmarscher Bauernhöfen, auf die die Bauern dort so stolz sind, waren aber überhaupt kein Thema. Für die Initiatoren existierte ausschließlich das Biosphärenreservat, Wattvögel wie Austernfischer, Seeschwalben und Federhäubchen sowie wirbellose Lebewesen – die Deiche dagegen wurden als Naturzerstörung angesehen. Dabei pflegen die Dithmarscher ihre 500-jährige Tradition im Deichbau ganz bewusst. Ich bin der Überzeugung: Auf diese Weise manövriert man den Naturschutz in eine Sackgasse. Denn gerade in einer Demokratie muss Naturschutz auf lange Sicht populär sein.
Zur Person
Klimawandel
Foto: ZDF
Joachim Radkau ist Professor für neuere Geschichte an der Universität Bielefeld.
Sein Buch „Natur und Macht“ (C. H. Beck 2000) prägte die deutsche Umweltgeschichtsforschung. Nach einer bedeutenden Max-Weber-Biografie (Hanser Verlag 2005) liegt jetzt sein neues Buch „Die Ära der Ökologie“ vor (C.H. Beck).
Die Welt erlebt immer mehr Stürme, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen. Kippt das Klima der Erde - und ist der Mensch schuld? Diskussion, Hintergründe, Studien, Umweltszenarien, interaktive Grafiken, Videos, Fotostrecken, Karikaturen und mehr...
Worin sehen Sie die Ursachen für diese Stagnation innerhalb des ökologischen Meinungsaustauschs?
Das ist es ja gerade! Über einen längeren Zeitraum betrachtet ist der ökologische Diskurs an sich nicht starr – es hat schon viele Themenwechsel gegeben. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Umwelt-Diskurse über lange Zeiträume zu verfolgen. International gesehen ist von Starrheit ohnehin gar keine Rede, dafür gibt es viel zu viele völlig unterschiedliche nationale Profile.
Wie sieht denn das Profil Deutschlands aus?
Betrachten wir einmal die Entwicklung seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre: Damals standen die Kernenergie und die Diskurse über Endlager absolut im Vordergrund, dann kam 1981 der große Waldsterben-Alarm auf die Agenda, der die Fronten durcheinander gewirbelt hat: Plötzlich waren die Kernkraftwerke – sehr zur Freude ihrer Betreiber – aus der Schusslinie heraus. Es folgte dann 1986 der erste große Klimaalarm, alle Wut richtete sich auf CO2, ehe die aufkommende Gentechnik ins Visier rückte; wieder ein ganz anderes Thema, auf das jedoch lange etablierte Kampfmuster aus der Auseinandersetzung mit der Kernenergie übertragen wurden.
Ihr Durchlauf wirkt wie eine sprunghafte Fokussierung auf Einzelphänomene…
Durchaus. In den einzelnen Etappen wirken diese Ökodiskurse oft recht starr und in sich geschlossen, aber genau da sehe ich auch einen Vorteil der historischen Perspektive, denn auf die Länge der Zeit erschließen sich erst die Themenwechsel. Auch der ökologische Diskurs folgt eben nicht einer reinen Diskurslogik. Stattdessen brechen auch immer wieder neue Erfahrungen ein, neue Szenen, andere Mentalitäten.
Ein Tourist fotografiert die Ruine eines Hauses, das vor 50 Jahren auf den Grund des Eucumbene-Stausees in Australien verschwand. Seit das Wasserreservoir trocken gefallen ist, erlebt das Städtchen eine eigenartige Renaissance als Plünderstätte für Souvenirjäger.
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Australien wird seit Jahren von einer anhaltenden Dürre heimgesucht. Hier besucht Bauer Bill Finlayson ein leeres Wasserreservoir auf seinem Grund, 800 Kilometer nordwestlich von Sydney (2002).
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In Brewarrina, 800 Kilometer nordwestlich von Sydney, hat es seit sieben Jahren nicht mehr richtig geregnet. Einst waren hier grüne Weiden, doch mittlerweile verdurstet das Vieh trotz Unterstützung der australischen Regierung.
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Nicht nur in Australien, auch in der südwestlichen Provinz Sichuan in China gibt es eine Dürrekatastrophe, von der über 4,8 Millionen Menschen leiden. Im Bild der Bauer Liu Zushou (79), der sich auf seinem verdorrten Feld am Rande von Suining im Südwesten von Sichuan ausruht.
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Die Bewohner von Suining, Provin Sichuan, erwarten die Wasserlieferung der Regierung. In der Region gibt es keine ausreichende Wasserversorgung mehr.
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Eine einsame Blüte blüht auf dem Grund eines ausgetrockneten Tümpels am Rande von Kunming, im Südwesten von China (Provinz Yunnan).
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Eine Motorradfahrerin schützt ihr Gesicht mithilfe eines Schals gegen den Staub an einem windigen Tag im Mai in Shenyang, der Hauptstadt der Provinz Liaoning. In Nordchina gibt es aufgrund der Dürre im Frühjahr immer öfter Sandstürme. Von der Trockenheit im Norden seien etwa 16,3 Millionen Hektar Ackerland betroffen, mehr als zwölf Prozent der landesweiten Gesamtfläche. Die Trinkwasserversorgung für 14 Millionen Menschen ist gefährdet.
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Paradoxerweise gibt es in China derzeit nicht nur eine Dürre, sondern auch eine Flutkatastrophe: Am Drei-Schluchten-Staudamm muss das Wasser des Yangtze-Fluss in die niedrigere Staustufe abgelassen werden. Der Stausee hatte am 22. Juli 2007 seinen bisher höchsten Wasserstand. Grund dafür waren sintflutartige Niederschläge in der Provinz Hubei in Zentralchina.
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Das Tiefland entlang des Yangtze wird im Sommer durch starke Regenfälle regelmäßig überschwemmt. Die Aufnahme des Rettungstrupps der Bewohner von Jintang, Sichuan Provinz, aus den Fluten rettet, datiert auf Juni 2004.
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Die Gassen von Chongqing im Südwesten Chinas verschwinden unter Wassermassen. 15 Menschen wurden am 17. Juli 2007 von einem 16-stündigen Sturm getötet, der eine Flutkatastrophe zur Folge hatte.
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Auch in Indien sind die Auswirkungen der globalen Erderwärmung deutlich zu spüren. Die Regionen im Norden und Westen des westindischen Bundesstaats Gujarat leiden seit mehr als zehn Jahren unter einer Dürre. Stauseen, Brunnen und Tümpel sind längst ausgetrocknet, die Temperaturen steigen auf über 44 Grad im Schatten. Das Bild zeigt Menschen, die von weit her kommen, um am riesigen Brunnen im Dorf Natwargadh im Gujarat Wasser zu holen.
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Im Westen des Gujarat treibt ein Hirte seine unterernährten Kühe. Über die Hälfte der Dörfer beklagen in der Region akuten Wassermangel, von dem knapp 10 000 Menschen betroffen sind. 2006 ist der Monsoon, die jährliche Regenzeit gänzlich ausgefallen.
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Während manche Provinzen im Gujarat völlig ausgetrocknet sind, benutzen Einwohner der Stadt Surat ein Schlauboot als Verkehrsmittel. Im August 2006 ertranken 291 Menschen in Folge von Überschwemmungen während der Regenzeit. 50 000 Menschen mussten evakuiert werden.
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Einwohner der Stadt Surat erwarten auf den Dächern ihrer Wellblechhäuser auf Hilfe. (August 2006) 650 000 Menschen verloren durch schwere Regenfälle in den indischen Bundesstaaten Gujarat, Andhra Pradesh und Maharashtra ihr Zuhause.
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Eine zerstörte Brücke nahe dem Dorf Gudhikhal im Bezirk Balasore, 250 Kilometer nördlich von Bhubhaneshwar, Gujarat. 107 Opfer hat der Monsoon 2007 in der Region gefordert.
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Ein Obst- und Gemüseverkäufer verkauft seine Waren auf der überschwemmten Straße in der Stadt Dhadhuka, Gujarat. Ende Juni 2007mussten in der Region 2500 Menschen evakuiert werden.
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Der Klimawandel macht vor Staatsgrenzen nicht halt und unterscheidet auch nicht zwischen armen und reichen Ländern: Im August 2002 erlebte Dresden die schlimmste Flut seit mindestens 150 Jahren, als die Elbe über ihre Ufer trat. Im Osten Deutschlands mussten Zehntausende Menschen ihr Zuhause verlassen.
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Eine Frau sitzt auf einem notdürftig aus Sandsäcken errichteten Damm im Dresdener Stadtteil Laubegast. Im August 2002 wurde hier der Ausnahmezustand ausgerufen, mindestens sechs Menschen fielen der Flut zum Opfer.
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Der Bundesgrenzschutz evakuiert Einwohner von Pirna an der Elbe, 40 Kilometer südlich von Dresden, während der Jahrhundertflut 2002.
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Da der Zwinger von der Flut verschont blieb, wurden hier alte Gemälde in Sicherheit gebracht.
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Die - nicht zuletzt durch den Klimawandel bedingte - Wasserknappheit wird mehr und mehr zu einem Hauptproblem der Menschheit. Im Bild eine Sudanesin, die aus dem Krisengebiet Darfur geflohen ist, sammelt Regenwasser, um es zum Trinken und Kochen zu verwenden. Sie lebt in ein
Doch scheint es, als bestünde das gesellschaftliche Interesse nicht kontinuierlich: Wie Sturmfluten brechen neue Themen über die Gesellschaft herein und weichen ebenso schnell wieder zurück. Woran liegt das?
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