kalaydo.de Anzeigen

Ina Rudolph im Gespräch: "Ich mag das Unerwartete"

Wenn man aufmerksam ins ganz normale Leben schaut, dann passiert allerhand: Ein Gespräch mit Schauspielerin Ina Rudolph.

Ich habe gerade Andreas Eschbach entdeckt. Science Fiction. Fantasy. Das hat mich nie interessiert. Aber jetzt lese ich ein Bändchen mit Erzählungen von ihm über Teufel, den Weltraum - phantastisch.

In Ihren eigenen Erzählungen dagegen schrumpft der Weltraum zusammen auf Ihre unmittelbare Umgebung.

Zur Peron

Ina Rudolph wurde 1969 in Brandenburg geboren. Von 1979 bis 1989 lebte sie am Alex, gleich neben der Kongresshalle. Danach in München, Paris und ein wenig überall auf der Welt. Seit 1994 lebt sie wieder in Berlin. Sie arbeitet heute vor allem als Fernsehschauspielerin. Unter anderem in der Serie "Hinter Gittern". 2008 erschien "Sommerkuss", ein Band mit Erzählungen im Verlag Neue Literatur. (fr)

Ich brauche nicht viel, keine großartigen Ereignisse, keine Weltuntergänge, keinen Raketenabsturz. Wenn man aufmerksam ins ganz normale Leben schaut, dann passiert allerhand. Das ist doch genug. Ich finde es traurig, dass wir uns so wenig die Zeit dafür nehmen, genau hinzusehen. Die Details sind doch gerade interessant.

Als wir telefonierten, fragte ich. Sie antworteten. Dann gab es eine Pause. Ich war unsicher und sagte einfach irgendetwas. Bei der nächsten Pause sagte ich dann nichts mehr. Bis ich meinte: Immer diese Pausen. Sie antworteten: Pausen sind doch auch mal ganz schön.

Viele Menschen erlauben sich nicht, Pausen entstehen zu lassen. Dabei gehören die doch zum Leben dazu. Ich liebe Gespräche, die atmen. Viele Gesprächspartner warten nur darauf, dass ich fertig bin, um sofort etwas von sich zu erzählen. Nur sehr selten passiert es, dass man auf einander eingeht oder einen Moment überlegt, etwas bedenkt, weil man eben gerade noch keine Antwort hat. Stattdessen greift man nach Worten wie man nach einer Zigarette greift, nur um irgendetwas zu tun. Immer diese Pausenfüller! Ich finde es geil, wenn man es erträgt, es aushält, einmal nichts zu sagen, nichts zu tun, wenn man das Leben mal nicht vollstopft.

Teilen Sie die Menschheit ein in solche, die Pausen aushalten und solche, die sie zustopfen?

Nein. Sprüche, die mit "Es gibt zwei Arten von Menschen beginnen", sind doch immer Blödsinn. Aber es gibt Menschen, die lassen Sachen erst einmal entstehen. Die geben sich und den anderen Zeit. Schauspieler sollten solche Menschen sein. Theaterschauspieler insbesondere. Sie riskieren etwas, trauen sich. Sie probieren etwas, machen Fehler. Im Fernsehen muss alles so schnell gehen.

Sie haben Gesang studiert. Da spielen Pausen eine zentrale Rolle. Wie Sie sagten: zum Atmen.

Ja, aber die sind vorgeschrieben. Ich meine Pausen, die entstehen, weil man aus der Regel ausbricht, weil man gegen die Vorschriften verstößt. Ich mag das Unerwartete, die Überraschung. Wäre ich während meines Gesangstudiums schon die gewesen, die ich heute bin, ich hätte weitergemacht. Aber damals glaubte ich, ich müsste alles genau so machen, wie mein Lehrer es mir sagte. Wenn es eine Achtel-Note war, durfte ich keine Sechzehntel singen. Ich ärgere mich heute, dass ich immer nachgegeben habe. Ich hätte mir einen anderen Korrepetitor nehmen und ausprobieren sollen wie das Lied à la Ina klingt. Was wäre schlecht daran gewesen? Aber ich traute mich nicht.

Was sangen Sie?

Schubert, Schumann, Wolf.

Wie alt waren Sie, als Sie merkten, dass es falsch war, auf die Lehrer zu hören?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich jetzt vierzig bin. Das macht ja doch etwas aus. Es wird einem klar, dass nichts Großartiges mehr von außen kommt. Das ist jetzt seit einer Reihe von Jahren vorbei. Wenn etwas geschehen soll, muss man es selbst tun. Dazu kommt: Man muss es jetzt tun. Denn wenn nicht jetzt, wann dann? Vor einigen Jahren hatte ich das noch nicht. Diese Situation zwingt mich, auf den Punkt zu kommen. Auch bei ganz kleinen Schritten. Zum Beispiel als ich das Buch fertig hatte. Ich wollte Corinna Harfouch um einen Kommentar bitten. Ich habe es getan. Mein Herz schlug. Aber ich habe es getan.

Von oben herab!

Nein, gar nicht. Ich verehre sie.

Sie sind viel größer als sie.

Wir saßen. Ich dachte, wenn ich es nicht versuche, werde ich mich Jahrzehnte lang ärgern. Ich habe mir überlegt, von wem hätte ich denn gerne ein paar Worte auf dem Cover? Ich hatte eine lange Liste. Über der saß ich tagelang. Aber es kam immer wieder heraus: Corinna Harfouch. Ich kannte sie nicht. Aber ich bewundere sie. Von ihr hätte ich gerne etwas gewusst über mein Buch. So brütete ich. Das ist toll. Wie eine Soße, die langsam einkochen muss, damit sie Geschmack bekommt. Dann war es so weit: Ich druckte die Seiten aus, tat sie in einen Umschlag, setzte mich zu ihr. Es war wie beim Casting. Ich hatte drei Minuten, sie davon zu überzeugen, meine Geschichten zu lesen.

Ihr Lebenslauf erweckt nicht den Eindruck, dass Sie an Feigheit leiden.

Feigheit kann sehr unterschiedlich sein. Manche stürzen sich von Bergen hinunter, aber öffnen nicht den Brief vom Finanzamt. Niemand ist generell mutig.

Sie haben offenkundig kein Problem damit, sich zu exponieren.

Doch, das habe ich.

Sie machen es trotzdem. Genau das nennt man Mut.

Ich will mir von meiner Scheu nicht das Leben versauen lassen.

Wann kamen Sie zu der Einsicht?

In Wellen. Als Kind war ich sehr mutig. Bis man mir beigebracht hatte, vorsichtiger zu sein. Dann war ich eine Weile sehr zurückhaltend. Als Jugendliche war ich wieder mutiger. Als ich erwachsen war, gab es wieder eine Zeit, in der ich unsicher war und mir wenig zutraute. Damals dachte ich, es wäre gut, hier und da ein wenig zu kuschen. Vielleicht war ich damals immer noch aufrechter als manche andere. Aber ich empfand es als kuschen.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  9 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.