Aus Rücksicht auf Muslime im Kindergarten nicht mehr Advent zu feiern, ist das falsche Signal
Gelernt habe ich allerdings auch, dass Integration dort gelingt, wo die heimische - also auf der Schule meiner Tochter: katholische und kölsche - Kultur nicht schamhaft in den Hintergrund gerückt, sondern gepflegt und selbstbewusst vertreten wird. Aus Furcht vor den Reaktionen muslimischer Eltern nicht mehr Advent zu feiern, wie es in manchen Kindergärten oder Schulen geschieht, ist mit Sicherheit das falsche Signal. Es geht nicht darum, sich selbst zu verleugnen, sondern den anderen zu achten. Wer sich selbst nicht respektiert, kann keinen Respekt erwarten.
Gewiss gibt es viele Gegenbeispiele, Schulen, an denen das Miteinander weniger gut funktioniert. Und doch kann die Schule meiner Tochter kein Einzelfall mehr sein, wenn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2006 der Anteil von Migranten mit Abitur mit 21 Prozent erstmals höher war als der Anteil von Deutschstämmigen, von denen nur 18 Prozent Abitur hatten.
Bevor ich nun noch davon schwärme, wie stolz meine Tochter war, dass ihre Klasse auf der Weihnachtsfeier ein persisches Lied vortrug (damit also ihr Anderssein anerkannte), und am Ende alle Kinder, Lehrer und Eltern, Kopftuch hin oder her, in der überfüllten Turnhalle als Höhepunkt "O Tannenbaum" sangen, sollte ich lieber zu den Schwierigkeiten zurückkehren. Selbst in einer katholischen Schule kann nicht jeden Tag Weihnachten sein.
Einmal, es war kurz vor eins, bat mich Frau Euskirchen aus der Mittagsbetreuung telefonisch, rasch in die Schule zu kommen, weil meine Tochter auf dem Schulhof verprügelt worden sei. Als ich eintraf, fand ich meine Tochter umringt von ihren Freundinnen aus der 2. Klasse und einigen älteren Mädchen. Immerhin, sie weinte schon nicht mehr, aber der Schrecken stand ihr ins Gesicht geschrieben. Der Junge hatte sie zweimal mit aller Kraft in den Bauch geboxt. Jetzt stand er verlegen in der Ecke. Er schien ein türkischer Junge zu sein, vielleicht auch ein Kurde, jedenfalls ein Ausländer, wie selbst wir sagen, mag er auch in Köln geboren sein.
Frau Euskirchen beteuerte, wie leid es ihr täte. Sie hätten sich in der Schule immer bemüht, dass alles friedlich bliebe. Sie hätten Kinder aus so vielen Ländern, und es sei doch alles immer harmonisch gewesen. Aber jetzt sei sie so hilflos. Der Junge sei ein Problem. Kaum älter als meine Tochter sei er, acht oder neun. Schon mehrfach habe er Kinder geschlagen, aber noch nie so brutal. So etwas habe sie unter ihren Kindern noch nie erlebt. Und sie fühle sich doch verantwortlich für alle Kinder, auch für meine Tochter. Dennoch habe sie die Gewalt nicht verhindern können. Jetzt schossen ihr Tränen in die Augen. Sie wolle nicht so eine Brutalität unter den Kindern. Aber der Junge würde einfach nicht hören auf sie, auf keine von den Betreuerinnen.
Kulturelle Prägung und Gewalt: Der Gedanke ist manchmal da, aber man spricht ihn nicht aus
"Bitte reden Sie mit ihm", sagte sie und schaute mich beinahe flehend an. - "Das mache ich", sagte ich und meinte zu erraten, was wir beide dachten: Muslimische Jungen sind ein Problem, sie neigen zur Gewalt und hören schon deshalb nicht auf ihre Lehrerinnen und Betreuerinnen, weil es Frauen sind. Dann hoffte ich, Frau Euskirchen würde bedenken, dass der Mann, den sie um Vermittlung bat, ebenfalls Ausländer war und seine muslimische Tochter nun wirklich nicht als Problemkind gelten könne mit ihrem sonnigen Gemüt, ihren musischen Interessen, der Teilnahme an der Kölsch-AG. Und Karnevalsprinzessin wäre sie auch gern einmal. Ich hoffte, dass Frau Euskirchen nicht alle muslimischen Kinder für gewalttätig und schwer integrierbar halten würde.
Schnell wurde mir klar, dass es Unsinn war, was ich dachte. Wie konnte ich mir nur einbilden, dass Frau Euskirchen, die jeden Tag mit Kindern aus unterschiedlichen Ländern zu tun hatte, nicht zu differenzieren wusste. Ich selbst war mir bewusst, dass es schwierige Kinder gibt, die blond sind, und schwarzhaarige, die beim Lesewettbewerb ganz vorne landen. Und doch hatte die Gewalttätigkeit mit ihrer kulturellen Prägung zu tun. Das dachten wir beide, ohne es auszusprechen. Erst überlegte ich, den Jungen nach Hause zu begleiten, um mit dem Vater zu sprechen, aber ich befürchtete, dass der Junge vielleicht Prügel bekommen würde, sobald er mit dem Vater allein wäre. Ich nahm meine Tochter und den Jungen mit in ein leeres Klassenzimmer, wo wir uns an einen Tisch setzten. Ich forderte sie auf, mir jeweils ihre Sicht des Vorfalls zu schildern. Sie waren sich nicht uneinig. Der Junge leugnete nichts. Er sagte nur, dass meine Tochter im Weg gestanden habe, als er die Treppe hinab zum Schulhof stürmte, und nicht weggegangen sei, als er sie dazu aufforderte. Ja, richtig, später sei er noch einmal wiedergekommen und habe sie wieder geboxt, weil er das doof fand von ihr.
Ich fragte ihn, ob er das in Ordnung fände, was er da gemacht hatte. - "Nee, war nicht in Ordnung", sagte er: "Tut mir leid."
Ich erklärte dem Jungen, dass man sich manchmal ärgert über andere Kinder, dass man auch mal motzen oder im Notfall schreien könne, aber schlagen, das sei absolut verboten, verboten, verboten. Ich wiederholte das Wort dreimal. Und schon gar nicht ein Mädchen. Und schon gar nicht ein Mädchen, das kleiner ist. Das sei nicht nur blöd, sondern auch noch absolut feige.
Ich war mir durchaus bewusst, dass ich an einen Ehrenkodex appellierte, den ich eigentlich ablehnte, aber spontan fiel mir kein anderes Argument ein, um den Jungen zu überzeugen. - "Wenn ich noch einmal höre, dass du irgend jemanden schlägst, egal wen, kriegst du richtig Ärger", sagte ich mit ruhiger Stimme und schaute ihm so grimmig in die Augen, wie ich es aus US-Filmen kenne. Anfangs senkte er den Blick. Dann schaute er mich an und nickte: "Ist in Ordnung. War doof von mir. Mach ich nicht mehr." - "Und was tust du jetzt?" - "Ich entschuldige mich bei ihr." - "Dann tus auch." Er gab ihr die Hand. - "Tut mir leid." - "Okay", sagte meine Tochter.
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