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24. Februar 2009

Integration: Die ungewürdigte Leistung

 Von Navid Kermani
Navid Kermani, Publizist, Schriftsteller und Regisseur (Archivbild).  Foto: ddp

In Deutschland vollzieht sich die Integration von Migranten viel entspannter und erfolgreicher, als es die aufgeregte Debatte suggeriert. Beobachtungen und Erfahrungen. Von Navid Kermani

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Der Autor

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist Publizist, Schriftsteller und Regisseur. Er hat in Köln u. a. Philosophie und Islamwissenschaften studiert. Kermani hat die iranische und die deutsche Staatsbürgerschaft.

In der aktuellen Debatte um Integration plädiert er für einen differenzierten Blick auf Religionen und ihre Bedeutung im Alltagsleben. Die fundamentalistische, weil verzerrte Auslegung des Koran kritisiert er ebenso wie das Vorurteil vom per se anti-modernistischen Islam.

Der hier abgedruckte Text ist seinem gestern erschienenen Buch "Wer sind wir? - Deutschland und seine Muslime" entnommen, C.H. Beck Verlag München 2009, 173 Seiten, 16,90 Euro.

http://www.navidkermani.de/

Deutschland ist heute ungleich offener als noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Und dass heute intensiv über Einwanderung debattiert wird, ist auch ein Beleg dafür, dass sie endlich wahrgenommen wird. Ein Dauerthema ist neuerdings die mangelnde Integrationsbereitschaft der Türken. Als Beleg dafür wird angeführt, dass Türken eher untereinander heiraten würden. Man mag von dem Argument halten, was man will, aber die Iraner in der Generation meiner Eltern, die eine deutsche Frau geheiratet haben, hatten damals enorme Schwierigkeiten, als Schwiegersöhne akzeptiert zu werden.

Viele der deutschen Frauen, die sich in Freunde oder Verwandte meiner Eltern verliebt hatten, wurden von ihren Familien regelrecht verstoßen und sind es zum Teil immer noch. Das klingt heute merkwürdig, zum Glück, aber das war in dem Deutschland, in das meine Eltern einwanderten, eher die Regel als die Ausnahme. Und das ist nicht mehr so, schon gar nicht mehr in der Generation meiner Töchter, wo es selbstverständlich geworden ist, dass man zu Deutschland gehört, aber Marica heißt oder Merve.

Ich selbst merke, dass ich immer seltener gefragt werde, wann ich denn zurückgehen werde in meine Heimat. Bis vor einigen Jahren war das eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wurde: Wann gehen Sie zurück? Ich fand die Frage gar nicht diskriminierend, ich fand sie auch nicht beleidigend. Ich fand die Frage vor allem kurios. Zurück - das wäre in meinem Fall Siegen in Südwestfalen, und dorthin möchte ich nun wirklich nicht zurück. Ich fragte mich immer, wann verstehen denn die Deutschen, dass wir nicht zurückgehen werden? Ich glaube, allmählich begreifen sie es, sogar in der Politik: So kritisch ich die jüngsten Gesetze zur Einwanderung und zum Flüchtlingsschutz bewerte, so bin ich doch im Großen und Ganzen einverstanden mit beinahe allen Maßnahmen, die von der Bundesregierung oder auch von vielen Landesregierungen zur Sprachförderung bei Einwandererkindern, der Integration in den Schulen oder zum Schutz von Frauen beschlossen wurden. Insgesamt ist die Politik hier seit einigen Jahren - spät zwar, aber immerhin - auf einem guten Wege, der allerdings noch entschlossener und selbstbewusster begangen werden müsste.

Die Diskrepanz aber zwischen medialer und gesellschaftlicher Realität ist mir am stärksten aufgefallen im Zuge der Diskussionen um den Bau einer Moschee in Köln. Wenn man manche Feuilletons las, musste man den Eindruck gewinnen, dass da ein gewaltiger Kulturkampf tobe und es massenhafte Proteste gäbe gegen eine repräsentative Moschee. Die Diskussion vor Ort, die ich als Kölner sehr genau wahrgenommen habe, wurde viel gelassener geführt, auch von denjenigen Bürgern, die den Bau mit Skepsis betrachten.

Hassprediger berichteten über den Moscheen-Bau in Köln, die Bürger selbst blieben gelassen

Im Laufe der Kontroverse hat sich deutlich gezeigt, dass es in Köln eine breite gesellschaftliche und politische Unterstützung für den Bau gibt, so strittig viele Fragen im Detail sind, Fragen nach der Größe des Gebäudes, nach der sozialen Mischung im Viertel, auch nach den Finanziers und der Rolle des türkischen Staates - völlig legitime Fragen.

So hatten die Hassprediger zwar hier und da die Hoheit in der Berichterstattung, aber in Ehrenfeld selbst, bei der zentralen Bürgerversammlung, hatten sie keine Chance. Drei, vier Vertreter der rechtsextremistischen Partei Pro Köln wurden wegen ihrer Pöbeleien des Saals verwiesen, die anderen von der Mehrheit der 800 Bürger übertönt. Und im vergangenen September demonstrierten in Köln 50,000 Menschen nicht etwa gegen die Moschee, sondern für die Solidarität mit ihren muslimischen Mitbürgern.

Dieses Land, die Bundesrepublik, hat eine gewaltige Integrationsleistung vollbracht. Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte fundamental verändert, ohne dass es zu sozialen Spannungen großen Ausmaßes gekommen wäre, vergleichbar etwa den Konflikten, die die Vereinigten Staaten mit den Hispanics haben, die Franzosen mit den Nordafrikanern oder etwa die türkischen Städte mit den Landflüchtlingen.

Einwanderung solchen Ausmaßes verläuft niemals glatt, sie ruft immer Spannungen hervor, Ängste, die berechtigt, Konflikte, die real sind. Dies berücksichtigt, ist die Eingliederung von Millionen Menschen aus einer größtenteils sehr fremden, ländlich-islamisch geprägten Welt in Deutschland vergleichsweise gut gelungen - und das, obwohl es über Jahrzehnte keinerlei Integrationspolitik gab. Während die konservativen Parteien bis zum Ende der Kohl-Ära die Einwanderung schlicht leugneten, wurde sie von vielen Linken verklärt, nach dem Motto: Ausländer, befreit uns von den Deutschen! Aber kein Mensch auf der Welt ist deshalb schon gut, weil er kein Deutscher ist, nicht einmal der Ausländer. Probleme der ländlichen Einwanderer wie krasse Unbildung, mangelnde Deutsch-Kenntnisse oft noch in der zweiten, dritten Generation, das sehr patriarchalische Weltbild sowie die Benachteiligung der Frauen wurden vielfach ignoriert.

Und dennoch ist die soziale Wirklichkeit, wie ich sie täglich wahrnehme, bemerkenswert entspannt; und ich lebe mitten in der multikulturellen Realität, wo anders als in den bürgerlichen Wohnsiedlungen die Toleranz täglich erprobt und auf die Probe gestellt wird, in einem Viertel, in dem viele Migranten leben.

Genoss ich als Student die Vielfalt, die unser Viertel bietet, habe ich als Vater keine Chance mehr, die Probleme der multikulturellen Gesellschaft zu ignorieren. So habe ich auch höchstes Verständnis dafür, wenn eine Schule zum Beispiel beschließt, dass auf dem Hof nur noch Deutsch gesprochen werden darf.

Wir selbst haben unsere Tochter nicht in den nächstgelegenen Kindergarten geschickt, weil wir nach ein, zwei Besuchen befürchteten, dass sie dort eher Türkisch als Deutsch lernen würde. Es wäre verhängnisvoll, würde man solche und noch weit größere Konflikte, die das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in unseren Städten mit sich bringt, nicht offen aussprechen. Nur so können sie so engagiert angegangen werden wie in der katholischen Grundschule, wo wir unsere Tochter später einschulten. Dort lag der Migrantenanteil immer noch bei über 50 Prozent - aber wie Lehrer, Eltern und Kinder es gemeinsam geschafft haben, die Vielfalt nicht nur zu bewältigen, sondern ins Positive zu wenden, ja, selbst den alt eingesessenen Deutschen als Bereicherung vorzuführen, das hat mich oft erstaunt.

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