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05. Februar 2010

Intergration in Deutschland: Vergesst die Burka!

 Von Arno Widmann
Wie viele Burka-Trägerinnen es in Deutschland gibt, weiß niemand. Foto: dpa/fr

Die Integrationsunwilligen sind wir. Nicht die Ausländer. Wäre uns wirklich an Integration gelegen, würden wir uns nicht über Burka-Trägerinnen aufregen, sondern das Wahlrecht für Migranten einführen. Von Arno Widmann

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Selbstverständlich erschwert die Burka die Sicht, selbstverständlich dient sie dazu, die Persönlichkeit der einzelnen Frau verschwinden zu lassen, sichtbar soll nur bleiben, aber das wie eine riesige Blinkanlage: eine Frau, eine Frau, eine Frau.

Als halbwegs vernünftiger Mensch - in Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien - will man dergleichen nicht sehen. Darum greifen die Verteidiger der Burka auf religiöse Argumente zurück. Sie zu akzeptieren ist niemand gezwungen, es sei denn die eine oder andere Frau, deren Mann, deren Familie, ihr die Burka aufzwingt.

Aber die Zeit der Kleiderordnungen sollte vorbei sein. Der Staat soll uns nicht vorschreiben, was wir an- oder ausziehen. Wenn mich der Anblick der Burka stört, muss ich - falls mir mal eine über den Weg laufen sollte - einen Moment wegsehen. Nicht wegsehen sollte ich, wenn ich Zeuge werde, wie die Frau gedemütigt oder misshandelt wird. Sei es von ihrem Mann oder von Burkagegnern.

Selbstverständlich ist der Islam eine Gewalt predigende Religion. Selbstverständlich hat er sich in kürzester Zeit nicht friedlich auf dem Erdball verbreitet, sondern mit Feuer und Schwert. Selbstverständlich beriefen und berufen sich Gewalttäter auf Mohammed und den Koran. Selbstverständlich haben sie dafür gute Gründe und plausible Textstellen.

Aber ebenso selbstverständlich gibt es auch ganz andere Textstellen. Und ganz andere Muslime. Die bilden sogar die überwältigende Mehrheit. Niemandes Verhalten lässt sich aus einem alten Buch ableiten. Das eines türkischen Opelarbeiters in Bochum so wenig wie das seines neben ihm stehenden deutschen Kollegen. Der Christengott hielt fast 2000 Jahre lang - glaubt man seinen Gläubigen - nichts von Demokratie, Toleranz, Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit. Als diese Begriffe aufkamen, galten sie einem Großteil der protestantischen und katholischen Kirchenvertreter für Teufelswerk.

Unsere westlichen Werte sind sehr jungen Datums. Noch vor 65 Jahren zogen Deutsche durch Europa und ermordeten nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch Belgier, Franzosen, Polen, Griechen, Ungarn, Tschechen usw. usw. Und außerdem noch wohl über zwanzig Millionen Russen. Die westlichen Werte, von denen wir so gerne sprechen, haben wir nicht, es sei denn wir setzen uns für sie ein. Das tut, wer dafür sorgt, dass misshandelten Frauen - christlichen, muslimischen, buddhistischen - Auswege geschaffen werden. Das tut, wer mithilft, der Diskriminierung von Ausländern ein Ende zu machen.

Dass wir die Burka zum Problem machen, ist das Problem. Neun Prozent der bundesrepublikanischen Bevölkerung sind Ausländer. Das sind so wenige, dass keine der im Bundestag vertretenen Parteien einen Sinn darin sieht, sich zu ihrem Sprecher zu machen. Wie viele Burka-Trägerinnen gibt es? Sie mögen mir oder Ihnen ein Ärgernis sein, ein Problem sind sie nicht.

Das Problem sind nicht die Ausländer. Das Problem sind wir. Wenn man schon pauschal redet, dann muss man sagen: Integrationsunwillig sind wir. Nicht die Ausländer. Wir sind aufgewachsen in einer Bundesrepublik, die so rein deutsch war wie noch nie irgendein Deutschland in der deutschen Geschichte. Dafür hatten Hitler und seine Helfershelfer, all die Täter und Zuschauer gesorgt. Dieses Erbe der Nazis hielten wir für normal. Halten viele von uns noch immer für normal. Es war aber nichts anderes als das Resultat einer gewalttätigen ethnischen Säuberung.

Spanien hat 9,9 Prozent Zugewanderte - 11 Prozent davon übrigens aus Rumänien -, Frankreich 9,6 und die Bundesrepublik 8,9. Deutschland ist wieder angekommen in der europäischen Normalität. Wenn uns wirklich an Integration gelegen wäre, dann würden wir uns nicht über die paar Hundert, paar Tausend - niemand weiß es - Burka-Trägerinnen aufregen oder uns über angeblich fundamentale kulturelle, religiöse, mentale Unterschiede auslassen, sondern wir würden dafür sorgen, dass z. B. das Ausländerwahlrecht endlich eingeführt wird.

Wer hier lebt, sollte mitbestimmen können darüber, wie hier gelebt wird. Das scheint mir der innerste Kern unserer westlichen Werte. Gegen ihn stimmten zuletzt am 29. Mai 2009 im Bundestag die Abgeordneten von CDU/CSU, SPD und FDP, als sie das Wahlrecht für Migranten ablehnten. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert verweigern wir den hier lebenden Ausländern das demokratische Grundrecht. Wir sollten uns schämen. Wir sollten tätig werden. Wir sollten anfangen, unsere viel beschworenen Werte zu leben. Das ist das beste Mittel, sie attraktiver zu machen.

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