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Interview: "Ich bin desillusioniert"

Die Grande Dame des französischen Films, Jeanne Moreau, über das Alter, die Schönheit, die Gesundheit im Gespräch mit Martina Meister

Jeanne Moreau, die Grande Dame des französischen Films.
Jeanne Moreau, die Grande Dame des französischen Films.
Foto: afp

Madame Moreau, Sie haben vergangenes Jahr Ihren 80. Geburtstag gefeiert, außerdem 60 Jahre Karriere, Sie sind mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet worden. Haben Sie das Gefühl, eine Art lebendes Monument geworden zu sein?

Wenn man so ein hohes Alter erreicht wie ich, dann ist das ganz normal, dass man ständig einen Preis oder einen Orden bekommt. Mein Vater hat immer gesagt: "Besser ein Kompliment als einen Tritt in den Hintern!"

Zur Person

Jeanne Moreau, 81, wurde in der Rolle der Catherine in François Truffauts Film "Jules und Jim" weltberühmt. Sie hat in ihrer mehr als sechs Jahrzehnte währenden Karriere in weit über 100 Kino- und Fernsehproduktionen mitgewirkt.

In der Verfilmung des Fred-Vargas- Krimis "Der vierzehnte Stein", die am Sonntag, 22 Uhr, im ZDF ausgestrahlt wird, spielt Jeanne Moreau eine Hackerin, die Geld zu den Armen "verschiebt".

Bis heute steht Moreau unablässig auf der Bühne oder vor der Kamera. Vor vier Jahren hat sie eine eigene Filmakademie gegründet, "Les Ateliers d’Angers", die jungen Filmemachern den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll. (mm)

Stört es Sie wirklich nicht, dass man in Ihnen mehr den Mythos als den Menschen sieht?

Nein. Am Ende ist man doch mit sich allein, mit seinem Körper, seinem Seelenleben. Der Blick der anderen ist eine Sache. Der eigene eine andere. Und der meine auf mich selbst ist inquisitorisch.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie nicht mehr vor der Kamera stehen können?

Ausgeschlossen! Das wird mir nie passieren, das kann mir nicht passieren. Ich höre erst auf, wenn ich tot bin.

Das Kino ist Ihre große Liebesgeschichte?

Eher meine Lebensgeschichte. Aber nicht nur das Kino, auch das Theater. Schließlich hat alles auf der Bühne begonnen. Energie kommt aus Aktivität, nicht aus Passivität. Ich habe seit fünf Jahren keinen Urlaub genommen. In den nächsten Tagen muss ich nach Brasilien aufbrechen, was nicht heißt, dass ich nicht müde wäre. Ich spüre die Erschöpfung wie jeder andere auch, aber ich freue mich bereits darauf, dass ich wieder neue Menschen kennenlernen werde. Ich bin nach wie vor sehr neugierig.

Wenige erhalten sich die Neugierde im Alter. Warum werden manche bitter, andere nicht?

Ehrlich gesagt, ich empfinde das Alter als Gewinn. Man versteht die Menschen und die Welt besser, viel besser. Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass man voll und ganz für sein Leben verantwortlich ist. Man kann nicht irgendjemand anderem die Schuld geben. Vorwürfe sollte man nur sich selbst machen. Aber auch das sollte man nicht übertreiben. Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln, das übernimmt schon das Leben für einen.

Sie haben sich als junges Mädchen allen Hindernissen zum Trotz für die Schauspielerei entschieden...

Nicht zum Trotz, dank der Hindernisse!

Die Hindernisse haben Sie angestachelt?

Sie haben mich stark gemacht. Sie zwingen einen dazu, sich seiner Sache wirklich sicher zu sein. Man muss die ganze Energie zusammen nehmen, Anlauf nehmen und rüber springen. Hindernisse sind etwas Wunderbares...

Wie Elias Canetti hat man auch Ihnen die Bücher verboten. Sie mussten zu Nachbarn gehen, um zu lesen...

So sind wir Menschen: Alles, was verboten ist, ist interessant. Denken Sie an die Prohibition in Amerika, wo man heimlich in den Hinterzimmern spielte und soff. Nie hat das Geschäft mit dem Alkohol so floriert wie damals! Was für den einen die Flaschen, sind für mich die Bücher gewesen.

Heißt das, wir sollten unseren Kindern das Lesen verbieten?

Das ist gar keine so schlechte Idee. Im Ernst.

Gibt es Entscheidungen in Ihrem Leben, die Sie bereuen?

Der amerikanische Produzent Mike Medavoy, der gerade in Paris war, weil er mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet worden ist, hat mich bei dieser Gelegenheit daran erinnert, dass ich Mike Nichols für "Einer flog übers Kuckucksnest" einen Korb gegeben habe. Außerdem habe ich die Rolle der Mutter in seinem Film "Die Reifeprüfung" abgelehnt (lächelt und schweigt). Ja, das wäre bestimmt sehr schön gewesen - aber es hat nicht sollen sein.

Sind Sie ein melancholischer Mensch?

Nein, melancholisch bin ich nicht. Sagen wir: Ich bin dunkel. Mit den Jahren wächst nämlich die Sensibilität, auch das Einfühlungsvermögen. Empathie nennt man das, und das geht weit über das hinaus, ob man jemanden sympathisch oder unsympathisch findet. Manch einer, der mir nicht gefällt, mag anderen gefallen. Es geht um die Tatsache, dass ich mit der Zeit die verrücktesten und schrecklichsten Dinge verstehe. Ich verstehe die Not der anderen, ihre größte Verwirrung. Und weil wir in einer Welt leben, die uns mit Informationen zuschüttet, haben wir ein entsetzliches Bild von der Wirklichkeit. Das ist es, was mich dunkel macht.

Es geht also über einen düsteren Gemütszustand hinaus?

Richtig. Mit Depressionen hat das nichts zu tun. Es ist die Feststellung der eigenen Ohnmacht. Die Erkenntnis, dass man sich einer Macht zu unterwerfen hat, auch wenn man in einer Demokratie lebt. Wir dürfen wählen, aber wir wählen Menschen, deren einziges Ziel es ist, an der Macht zu bleiben. Ich gebe zu, dass ich desillusioniert bin, vollkommen ernüchtert. Wissen Sie, ich mag das Wort Résistance sehr, Widerstand. Ich bin gerne Teil des Widerstands.

Und wie leistet der Normalmensch Widerstand?

Der muss es machen wie ich: Entscheidungen treffen, Nein sagen. Denn wir reden hier ja nicht von der Kunst als einem Privileg, sondern von einer Berufung. Es gibt Taxifahrer, Verkäufer, Ladenbesitzer, die genauso leben wie ich. Widerstand ist kein Privileg der Künstler.

Ekelt Sie unsere Epoche ein wenig an?

Ekel würde ich das nicht nennen. Ich bin nur klarsichtig und mache mir keine Illusionen.

Wieso ist Ihnen der Ruhm nie zu Kopf gestiegen?

Was heißt schon Ruhm? In Frankreich ist das sowieso nicht so schlimm wie in Amerika. Man setzt eine Sonnenbrille auf und hat seine Ruhe. Ich habe mich wirklich nie in meinem Leben verstecken müssen. Einmal, ich entsinne mich, war ich mit Pierre Cardin unterwegs und die Paparazzi haben uns verfolgt. Also haben wir angehalten und gesagt: "Los, macht schnell eure blöden Fotos!" Danach hatten wir Ruhe. Inzwischen ist der Ruhm ein Spiel, bei dem sogar die Politiker mitmischen wollen.

Schämen Sie sich für Nicolas Sarkozy, Frankreichs Präsidenten?

Nein, ich habe ihn nicht gewählt und deshalb ist er auch nicht mein Präsident. Er ist Präsident der Republik. Berlusconi, Sarkozy sind allesamt Darsteller, aber schämen muss ich mich nicht für sie, schämen sollten sie sich selbst.

Sarkozy hat sich inzwischen auch besser unter Kontrolle...

Sagen wir so: Angela Merkel wird nicht verfolgt, weil sie nicht sehr schön ist. Das ist doch der eigentliche Skandal dabei. Wenn ein Politiker hässlich und schmerbäuchig ist, interessiert man sich nur für seine Eskapaden. Wenn er auch noch gut aussieht, wird sein ganzes Leben zum Thema.

In Frankreich wurde das bislang besser behandelt, man wusste Bescheid und schwieg...

Das gilt aber nur für Männer! Da lacht man sich eins ins Fäustchen. Je mehr Mätressen ein Mann hat, desto toller ist er. Von Sarkozy erzählt man sich ja auch, dass er bereits Mätressen hat. Jetzt schon! Als wäre das ein zwingendes Kennzeichen der Macht. Alles läuft durch den Schwanz! Er ist und bleibt das zentrale Organ.

Glauben Sie, mit Ihren Filmen, aber auch mit Ihrem Leben dazu beigetragen zu haben, dass sich die Stellung der Frau verbessert hat?

Natürlich haben die Filme etwas verändert. Als Feministin würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Vor allem deshalb nicht, weil ich nicht gern Teil einer Gruppe bin. Ich mag den politischen Aktivismus einfach nicht, das ist nicht mein Ding. Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich versucht, an einer Demo teilzunehmen. Simone Signoret hatte mich mehr oder minder dazu gezwungen. Sie hatte mich angerufen und gesagt: "Jeanne, ich befehle es dir!" Ich habe zugesagt, war vorher noch beim Friseur, Rue de Bourgogne, und als ich mit zehn Minuten Verspätung auf der Esplanade des Invalides ankam, war niemand mehr da, nur eine Einheit der Gendarmerie. Ich fragte denjenigen mit dem höchsten Dienstgrad: "Monsieur le Brigadier, in welche Richtung sind die Demonstranten gelaufen?" Er blickte mich streng an und antwortete: "Aber Mademoiselle Moreau, da gehören Sie wirklich nicht hin! Gehen Sie besser nach Hause."

Haben Sie einen Beitrag zur Befreiung der Frauen geleistet?

Das zu behaupten würde ich mir niemals anmaßen. Aber bis heute habe ich keine Rolle angenommen, die das Bild der Frau in irgendeiner Weise beschädigen könnte. Wissen Sie, wenn die Frau einmal in den Wechseljahren ist, wenn sie keine Kinder mehr kriegen kann, wenn man sie nicht mehr ins Bett kriegen will, wenn sie deprimiert ist, dann auf einmal bietet man ihr Rollen von Alkoholikerinnen und Selbstmörderinnen an, von Frauen, die eifersüchtig auf ihre jungen Töchter sind. All das will ich nicht. Es gibt im Kino heute keine Heldinnen mehr.

Im Gegensatz zu damals, als Sie "Jules und Jim" drehten?

Mein Glück war, dass berühmte Regisseure mit mir arbeiten wollten in einer Zeit, als diese noch die Frage beschäftigte: Was ist eine Frau, worin besteht ihr Geheimnis? Der Lebenssinn bestand darin, die ideale Liebe zu finden oder zumindest eine ausreichend faszinierende Frau. Aber mit den gesellschaftlichen Veränderungen, mit 68, dem Vietnamkrieg, der sexuellen Befreiung ist das alles verschwunden.

Ihnen hat man immer wieder die Rollen der Frauen, die Sie gespielt haben, vorgeworfen...

Vorgeworfen ist das falsche Wort. Man hat mich als Nutte beschimpft. Das war eben damals so, wenn eine attraktive, junge Frau Liebhaber hatte und Filme drehte, in denen sie sexy war. Ich hätte die strahlende Schönheit der Bardot haben müssen, um dem zu entkommen. Sie war ein Sonnenwesen, das man niemals als Nutte beschimpft hat. Ich dagegen repräsentierte eher die Seite des schwarzen Mondes...

Heute sind wir umgeben von Frauen, die nicht altern wollen. Ärgert Sie der Jugendwahn?

Wieso sollte er? Das ist doch ganz normal, dass man sein Äußeres pflegt. Ich habe mir mein Gesicht bislang noch nicht aufspritzen lassen, aber ich werde es demnächst tun. Es spricht doch wirklich nichts dagegen. Ich hatte zugenommen und habe danach wieder abgenommen, jetzt hängt alles, das sieht wirklich nicht schön aus...

Ich meine die Fünfzigjährigen, Frauen wie Madonna, Sharon Stone, Demi Moore, die heute besser aussehen denn je. Das macht doch Angst, oder?

Wieso? Die sind doch allesamt wunderschön.

Weil es eine artifizielle Schönheit ist, die sich eben nicht jede Frau leisten kann, die dann aber an diesen Ikonen gemessen wird...

Nein, heute schafft man das auch ohne OP. Schauen Sie mich an, ich bin über 80 und habe in meinem Leben noch keine Schönheitsoperation gemacht. Sehe ich entstellt aus? Die Lebensweise hat sich verändert und das hat große Auswirkungen auf das Aussehen.

Wie ist Ihre?

Ich nehme nur homöopathische Medikamente. Das hat mir irrsinnig gut getan. Mit den Jahren weiß man außerdem, welches Essen man gut verträgt und welches man besser weglässt. Auch die Seele spielt eine wichtige Rolle. Wenn die Menschen in der Gesellschaft keine Aufgabe mehr haben, wenn sie ihre Neugierde nicht erhalten, dann hat das Folgen. Eine tiefe Traurigkeit nimmt von einem Besitz. Daher die Bitterkeit und Härte vieler Menschen in meinem Alter. Und das ist schlecht für die Gesundheit. Ich habe darüber mit Experten und Krebsforschern diskutiert und wir sind uns einig gewesen: Die Seelenverfassung macht sehr viel aus.

Das heißt, man kann dem Krebs ein Schnippchen schlagen, wenn man Ziele hat?

Und ob man das kann!

Die meisten Ärzte würden Ihnen da widersprechen...

Im Gegenteil. Jeder Arzt wird Ihnen das bestätigen. Aber keiner würde sich erlauben, einem Durchschnittspatienten das ins Gesicht zu sagen, dass er sein Leben verwirkt, nichts zustande gebracht hat, dass er krank geworden ist, weil er sich für nichts mehr interessiert und nichts mehr gemacht hat.

Rauchen Sie noch?

Natürlich. Wenn ich jetzt aufhören würde zu rauchen, da bin ich ganz sicher, wäre ich sofort krank.

Sie haben das Leben mal mit einem Garten verglichen. Was ist in dem Garten wichtiger, das Gemüse oder die Blumen?

Das hängt von jedem selbst ab. Das Wichtigste ist nur, nichts, aber auch gar nichts brachliegen zu lassen.

Interview: Martina Meister

Datum:  1 | 10 | 2009
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