Auch die Grenzen zwischen Tier- und Pflanzenwelt sind fließend. Sie geben etwa das Beispiel einer Qualle, die kein Gehirn besitzt.
Landläufig heißt es: Tiere haben ein Gehirn, Pflanzen haben keines. Aber es existieren Übergangswesen. Quallen haben eine Art Nervensystem, aber kein zentrales Gehirn. Sie haben einen diffusen Kommandobereich. Es gibt eine Arbeitsgruppe in Bonn - um Frantisek Baluska und Dieter Volkmann -, die sagt: Vielleicht haben Pflanzen nervenähnliche Strukturen, wobei sie gar keine eigenen Nervenzellen brauchen, weil ihr Gewebe - anders als das von Menschen und Tieren - sehr geordnet ist, sprich die Tuben senkrecht oder waagrecht aufeinanderstehen und die Leitungen entlang dieser Tuben gehen können. Wir brauchen extra Nervenzellen, weil wir so ein Durcheinander an Zellen haben. Pflanzen, mutmaßen sie, haben auch eine Art diffusen Kommandobereich, der Reize von außen wahrnimmt, darauf reagiert und sich immer wieder auf Neues einstellt - und der ist in den Wurzelspitzen.
Was würde sich ändern, wenn man mit einem Mal sicher davon ausgehen müsste, dass Pflanzen ein Nervensystem haben?
Das Bild der Pflanze stellt sich dadurch vom Kopf auf die Füße. Es macht einen großen Unterschied, ob ich die Pflanze als lebenden Automaten betrachte, der reflexartig reagiert, oder als ein Wesen, das etwas Analoges zu Nervensystem und Gehirn besitzt und vielleicht sogar empfindungsfähig ist.
Was glauben Sie?
Ich glaube, die Aussage, Pflanzen hätten kein Empfindungsvermögen ist genau so spekulativ wie das Gegenteil. Es gibt viele Indizien dafür, dass die Pflanze ein aktives Individuum ist. Es gibt Beispiele von Pflanzen, die lernen. Man hat junge Pflanzen in leicht salzhaltiger Nährlösung aufgezogen. Später konnten sie in einer salzhaltigen Umgebung überleben, in der andere Pflanzen längst eingegangen wären. Das heißt: Die Erfahrung der jungen Pflanze hat sich von der Wurzel auf die ganze Pflanze übertragen, die alte Pflanze hat sich quasi an ihre Jugend erinnert.
Das funktioniert auch über Generationen hinweg.
Das ist ein ganz aufregendes Gebiet: die epigenetische Vererbung. Die Baseler Biomedizinerin Barbara Hohn konnte diesen Effekt, den man von Tieren und Menschen kennt, auch bei Pflanzen nachweisen. Sie hat Ackerschmalwand-Pflanzen mit UV-Strahlen und der chemischen Substanz Flagellin, durch die ein Bakterienangriff simuliert werden kann, gestresst und dann beobachtet, dass es zu genetischen Veränderungen der Pflanze kam. Diese Stresserfahrung wurde bis in die fünfte Generation weitervererbt, obwohl die nächsten Generationen gar keinem Stress mehr ausgesetzt waren. So als würden sich die Gene der fünften Generation an die Erfahrungen ihrer Urahnen erinnern!
Was bedeutet all das für den Umgang mit Pflanzen?
Wir haben vor zwei Jahren mit Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen die sogenannten "Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen" zu erarbeiten begonnen. Wir haben darin auch Anspruchsrechte von Pflanzen formuliert, etwa das Recht auf Fortpflanzung. Gegen dieses Recht verstößt zum Beispiel die Terminator-Technologie, durch die Pflanzen mit Gentechnik steril gemacht werden. Wir haben auch ein Recht auf Eigenständigkeit formuliert. Da müsste man diskutieren, wie es mit der Hors-Sol-Tomate steht: Die wird bis zu acht Meter lang und erhält jeden Wasser- und Düngertropfen per Computer zugeteilt. Sie hat nicht den geringsten Spielraum, ein eigenständiges Leben zu führen.
Wo werden Pflanzenrechte noch verletzt?
Für uns wird bei der Patentierung von Pflanzen die Grenze ganz klar überschritten. Niemand hat sie erfunden, und niemand kann sie nachbauen. Also lehne ich Patente auf Pflanzen ab; auch aus sozioökonomischen Gründen, aber vor allem um der Pflanze selbst willen.
Wie steht es mit Beschneiden, Stutzen oder Pfropfen?
Das natürlich nicht. Es geht auch nicht darum, dass Pflanzen nicht gegessen oder anderweitig verwendet werden dürfen. Das war ja bei Tieren auch nie der Fall, dass man sie aus dem Ernährungskreislauf herausnimmt. Aber auch bei Pflanzen soll es Grenzen gegenüber einer totalen Instrumentalisierung geben. Doch es ist schwierig, diese Grenzen zu finden. Pflanzen lassen alles mit sich machen und geben uns keine Zeichen, wo die Grenzen überschritten sind. Die müssen wir selber finden.
Vor vier Jahren hat der Schweizer Bundesrat die Eidgenössische Ethikkommission für Biotechnologie im Außerhumanbereich, deren Mitglied Sie sind, beauftragt zu erkunden, was die Würde der Kreatur auf Pflanzen bezogen bedeutet.
Unser Grundlagenpapier wurde im Frühling der Presse vorgestellt. Natürlich sind wir verspottet worden,das war abzusehen. Das war bei Tieren anfangs nicht anders. Wir hatten eine Pressekonferenz, über die breit berichtet wurde. Für mich war das wichtigste Bild der Kiosk-Aushang einer der größten Schweizer Tageszeitungen. Da stand groß: "Pflanzen haben eine Würde." Das ist für die meisten ein derart ungewohnter Gedanke, dass es schon viel ist, wenn es einmal irgendwo steht.
Stimmt es, dass Pflanzen auch auf Streicheleinheiten reagieren?
Wissenschaftler haben schon vor 20 Jahren herausgefunden, dass durchs Streicheln die Stängel dicker werden. Das wurde immer als Esoterik belächelt. Dann fand die Molekularbiologie heraus, dass sich verschiedene Berührungsgene, die sogenannten "Touch Genes" anschalten, wenn Pflanzen gestreichelt werden, und eine ganze Kaskade von Wachstumsveränderungen einleiten. Plötzlich ist es nicht mehr esoterisch. Das gleiche gilt fürs Hören
Soll man Pflanzen zum besseren Gedeihen also doch Bach oder Mozart vorspielen?
Hören bedeutet, dass Pflanzen die Druckwellen, die auf die höchst sensiblen Membranen ihrer Zellen treffen, wahrscheinlich wahrnehmen. Natürlich nehmen sie nicht Bach als Bach oder Mozart als Mozart wahr, aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass bestimmte Frequenzen das Wachstum gefördert und andere es eher verlangsamt haben. So erklärt, ist das eigentlich eine ziemlich mechanische Sache. Aber da ist man noch sehr am Anfang. Derzeit finden wir mehr als wir verstehen können. Deswegen wird noch sehr viel mit Metaphern gearbeitet, die uns ein ganz neues Bild der Pflanze erst verstehen lassen.
Sprechen Sie mit Ihren Pflanzen?
Ja, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass das nur Selbstgespräche sind. Ich habe allerdings keinen wirklich grünen Daumen. Viel besser kann ich mich Pflanzen via Malerei annähern.
Interview: Julia Kospach
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen