Haben Pflanzen eine Würde?
Würde klingt so religiös und auf Menschen bezogen. Es kann aber auch einfach ein Zeichen sein, dass andere Wesen - Tiere oder Pflanzen - einen Wert an sich besitzen, für den sie respektiert werden müssen. Das ist der rote Faden meines neuen Buchs "PflanzenPalaver". Ich beobachte, dass Menschen und zum Teil auch Tiere der mechanistischen Falle entronnen sind und nicht mehr als lebende Maschinen gelten, die prädeterminiert auf Inputs und Umwelteinflüsse reagieren. Auch für Pflanzen gilt, dass sie aktiv sind, ein Selbst haben, sich anpassen, interpretieren und planen.
Die Schweizer Biologin und Chemikerin Florianne Koechlin, geboren 1948, wurde als Gentechnikkritikerin und Autorin verschiedener Bücher und Artikel bekannt. Sie ist Geschäftsführerin des Baseler Blauen-Instituts und beschäftigt sich seit Jahren mit Alternativen und Erweiterungen zum bestehenden, allzu einseitigen Wissenschaftsverständnis - besonders auch im Zusammenhang mit Pflanzen.
Florianne Koechlin ist Stiftungsrätin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, der Swissaid sowie Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Außerhumanbereich. Ihr Buch "Zellgeflüster" (Lenos Verlag, Basel) erschien vor drei Jahren und stellt sich der Herausforderung, ein neues Bild der Pflanze beim Menschen zu erzeugen. Ihr jüngstes Buch heißt "PflanzenPalaver. Belauschte Geheimnisse der botanischen Welt" und ist Anfang September erschienen (Lenos Verlag, 256 Seiten mit Farbfotos, 19,90 Euro).
Woher kommen diese Erkenntnisse?
Vor allem aus der Molekularbiologie. In den letzten 20 Jahren hat man unglaublich viel entdeckt und festgestellt, dass die Pflanzen den Tieren und uns Menschen sehr viel ähnlicher sind als wir je gedacht haben. Das ist vielleicht gar nicht so erstaunlich, wenn wir an die Evolution denken. Pflanzen, Tiere und Menschen haben als gemeinsame Vorfahren die Einzeller, die sich über drei Milliarden Jahre entwickelt haben. Demgegenüber sind Pflanzen und Tiere, die es erst seit 300 bis 400 Millionen Jahren gibt, relativ jung. Auf der Zellebene gibt es verblüffend viele Ähnlichkeiten. Wir finden bei Pflanzenzellen die gleichen Neurotransmitter und die gleichen Aktionspotenziale zur Informationsweiterleitung wie bei tierischen Zellen. Pflanzen besitzen ein Immunsystem, Pflanzenwurzeln können zwischen Selbst und Nicht-Selbst unterscheiden; etwas, das normalerweise als Merkmal einer Hirnleistung gilt.
Wie funktioniert das?
Das weiß die Wissenschaft noch nicht genau. Es gibt einige Versuche, zum Beispiel bei Erbsenpflanzen. Da kann man beobachten, dass die Wurzeln einer Erbsenpflanze nicht gegen sich selber konkurrieren. Sie suchen in verschiedene Richtungen, weil sie alle für die gleiche Pflanze Nährstoffe bereitstellen.
Sehr wohl aber konkurrieren sie mit den Wurzeln anderer Pflanzen?
Genau. Wenn diese Erbsenpflanze gesplittet wird, also zwei genetisch gleiche Klone erzeugt werden, dann beginnen nach kurzer Zeit die Wurzeln des einen Klons ins Revier des anderen hineinzuwachsen - als wüsste die Pflanze sehr schnell, dass das jetzt nicht mehr ihr Selbst, sondern ein Anderer ist. Soweit ist man, und man denkt auch, dass dieser Erkennungsprozess zu schnell funktioniert, als dass er rein nur genetisch determiniert sein könnte.
Das Kommunikationsgenie unter den Pflanzen scheint die Limabohne zu sein.
Wahrscheinlich kommunizieren andere Pflanzen genauso viel und genauso differenziert über Duftstoffe wie die Limabohne. Sie ist jedenfalls gut erforscht.
Worüber und mit wem kommuniziert sie?
Die Limabohne weiß nicht nur, dass sie von einem Schadinsekt angegriffen wird, sondern auch, von welchem. Sie schmeckt das am Speichel. Wird sie von Spinnmilben angegriffen, produziert sie einen Duftstoff, der Raubmilben herbeilockt, bei Raupen-Angriff einen, mit dem sie Schlupfwespen anlockt, die die Raupen parasitieren. Sie ruft quasi den geeigneten Bodyguard - je nachdem, wer an ihr frisst.
Kritiker würden sagen, die Limabohne weiß den Unterschied zwischen Raupe und Milbe nicht. Ihre Reaktion ist ein Reflex auf einen chemischen Vorgang.
"Wissen" meine ich metaphorisch. Aber die große Frage ist doch: Machen die Pflanzen einfach einen auf Reflexen basierenden Informationsaustausch oder agieren sie aktiv? Diese Frage habe ich mit dem Salzburger Sprachwissenschaftler und Biosemiotiker Günther Witzany diskutiert, der sich sehr mit diesem Thema beschäftigt hat und meint, dass die Pflanze wirklich kommuniziert.
Ein Beispiel?
Wenn eine Tomate von Raupen angegriffen wird, produziert sie Abwehrstoffe, aber auch Duftstoffe, nämlich Methyljasmonate, die die anderen Pflanzenteile und die Nachbarpflanzen warnen, dass Gefahr im Anzug ist. Die Nachbarinnen beginnen dann ebenfalls mit der Abwehrproduktion.
Die Kunst der Pflanzenkommunikation liegt also weniger in der Abwehrreaktion als im Informieren anderer Pflanzenteile und Nachbarn?
Es braucht beides. Die Nachbarin der angegriffenen Tomate lebt ja immer in einer Wolke von sehr vielen verschiedenen Duftstoffmolekülen. Jetzt kommt dieses Methyljasmonat neu dazu. Das muss sie erst erkennen. Dann muss sie interpretieren, dass dieses Molekül in der aktuellen Situation Gefahr bedeutet, und schließlich muss sie reagieren, indem sie Abwehrstoffe produziert. Sie muss aktiv werden. Das geht weit über die reflexartige Signalübermittlung hinaus. Weiters hat mir der Jenaer Forscher Wilhelm Boland erzählt, dass Methyljasmonat in verschiedenen Umgebungen ganz verschiedene Wirkungen und Bedeutungen haben kann - auch bei ein und derselben Pflanze.
Das gegnerische Hauptargument bliebe sicher trotzdem: hoch entwickelte Reflexe, aber unterhalb des Bewusstseins.
Ich behaupte nicht, dass Pflanzen ein Bewusstsein haben. Das wissen wir nicht. Es gibt wohl auch unterschiedliche Stufen von Lern-, Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, und wie viel davon bei Pflanzen vorhanden ist, bleibt ein Rätsel. Was heißt überhaupt Bewusstsein? Inzwischen bestreitet niemand mehr, dass auch Menschenaffen ein Bewusstsein haben. Die Grenzen werden auf allen Ebenen aufgeweicht.
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