Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

22. Januar 2016

Interview: Kriminelle Flüchtlinge integrieren statt ignorieren

 Von 
Die neue Frauengeneration in Algerien: Eine Mutter gratuliert ihrer Tochter, die soeben ihre Polizeiausbildung erfolgreich abgeschlossen hat.  Foto: REUTERS

Was die Reaktion auf die Übergriffe in Köln über unsere Sicht auf arabische Staaten sagt, erklärt Sozialwissenschaftler Sascha Pommrenke erklärt im Interview. Und warum wir nicht drum herum kommen, auf die Täter zuzugehen.

Drucken per Mail

Herr Pommrenke, in den Erklärungen für die Kölner Silvesternacht wurde schnell eine bestimmte Tätergruppe ausgemacht und deren Verhalten mit der kultureller Herkunft begründet. In der medialen und politischen Debatte herrscht ein Konsens darüber, dass der maghrebinische Mann qua seiner Abstammung das Problem ist. Sexuelle Übergriffe gebe es ja schließlich auch in Ägypten, Tunesien, Marokko. Aber wird man zum Sextäter dadurch, dass man in Marokko aufwächst?
In der Frage stecken im Prinzip schon die Probleme der Diskussion drin. Was ist denn der „kulturelle Hintergrund“? Was bedeutet nordafrikanisch? Was bedeutet arabisch? Was bedeutet muslimisch? Je nachdem, wie wir das Thema eingrenzen haben wir einige Staaten, einige Millionen Menschen oder über eine Milliarde Gläubige einer bestimmten Religion, des Islam.

Kein kultureller Einfluss also?
Wenn wir schon eine kulturelle Erklärung suchen, dann müssten wir über eine bestimmte Tradition innerhalb eines Landes, innerhalb einer bestimmten Gruppe sprechen. Es sollte doch klar sein, dass nicht alle Marokkaner Frauen überfallen. Es gibt natürlich eine Traditionsströmung, die patriarchal ist, die androzentrisch ist, das heißt die männliche Herrschaft in den Vordergrund stellt. Diese Männergruppen begreifen Frauen als Objekte. Aber dieses Weltbild unterscheidet sich nicht qualitativ von dem Bild vieler Europäer. Die meisten europäischen Männer fassen vielleicht den Frauen nicht mehr so freizügig zwischen die Beine, überspitzt gesagt. Aber dass die Frauen als Sexobjekte betrachtet und sexuell bedrängt werden, das gibt es hier genauso. Wir haben das bisher nur nicht als Gruppenphänomen.

Vielleicht geht es genau darum: In Köln trat eine Gruppe auf, die scheinbar homogen ist, einen kulturellen Hintergrund hat und eine bestimmte Strategie angewendet hat.
Da würde ich korrigieren: Diese Gruppe wird homogenisiert. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten – das sind unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Geschichten. Deswegen ist der Versuch, eine Kultur zur Erklärung heranzuziehen, falsch. Die Männer, die aus diesen Ländern hierher kommen, geraten hier in die gleiche Situation, das ist das, was sie gemeinsam haben. Aber es ist nicht deren Kultur, die sie zusammenbringt, sondern unsere Kultur. Denn wir verweigern diesen Leuten den Status des Asylanten, wir dulden sie hier, weil sie nicht abgeschoben werden können. In der Folge rutschen sie in eine Situation, aus der sie nie mehr herauskommen.

Ist es nicht zu simpel, eine Tätergruppe zu einer Opfergruppe umzudeuten? Es dürfte den illegalen Zuwanderern aus Nordafrika klar sein, dass deren Perspektiven hier schlecht sind. Damit kann deren Kriminalität nicht gerechtfertigt werden.
Erklärungen sind auch keine Rechtfertigungen. Es ist ja keine bewusste Entscheidung, Krimineller zu werden. Es gibt sehr junge Migranten, die hier eigentlich nicht arbeiten dürfen, aber hergeschickt werden, um Geld zu verdienen. Sie rutschen dann in bestimmte Szenen hinein, dealen mit Drogen, schmuggeln und entwickeln dann Schritt für Schritt eine kriminelle Karriere. Ein Teil dieser Gruppe, über die wir reden, wählt nicht freiwillig seinen Lebensweg. Es gibt unter diesen Geduldeten auch viele, die nicht gewalttätig werden, die nicht sexuell belästigen.

Zur Person

Sascha Pommrenke ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er forscht zu Gewalt und Beziehungen zwischen Etablierten und Außenseitern. In Kürze erscheint im VSA Verlag das Buch „Wie Eliten macht organisieren. Bilderberg & Co.: Lobbying, Think Tanks und Mediennetzwerke“, an dem er als Autor und Mitherausgeber wirkt. (vf)

Im vergangenen Jahr kamen rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland, nun hat eine kriminelle Gruppe von Männern, von denen einige auch Flüchtlinge waren, die Stimmung gegen alle anderen Flüchtlinge angeheizt. Es ist wieder die Rede von einer Leitkultur, der sich die Fremden anpassen sollen und es wird gefragt, ob sie überhaupt in unsere zivilisiertere Welt hineinpassen. Welche Funktion hat diese Abgrenzung zwischen „wir“ und den „Fremden“?
Vereinfacht gesagt, werden hier die Reihen geschlossen, als eine Art Abwehr gegen vermeintliche Eindringlinge. Man kann das effektiv tun, wenn man das Gruppencharisma der vorherrschenden Mehrheitsgesellschaft anspricht, wenn man von bestimmten Werten spricht, wenn man eine nicht näher definierte Leitkultur in die Verfassung aufnehmen will. Auf der einen Seite sind da die guten, redlichen, rechtschaffenen, friedfertigen Deutschen, auf der anderen Seite die unzivilisierten Nordafrikaner, die sich nicht beherrschen können, die kriminell sind. Das Entscheidende ist aber, dass das gute Gruppencharisma immer mit Gruppenschande einhergeht. Man kann nicht vom Guten sprechen, ohne das Schlechte mitzumeinen. Wenn wir über unsere vorbildliche Leitkultur reden, dann werten wir damit automatisch andere ab, pauschal.

Welches Risiko steckt in so einer undifferenzierten Diskussion?
Für radikalere Stimmen, Nationalisten und Kulturrassisten wird es dann einfacher, eine ganze Gruppe zu stigmatisieren. Was wir erleben, ist eine perfekte Pars-pro-toto-Verzerrung: Die Meinung über eine kleine kriminelle Gruppe, die mit den anderen Flüchtlingen nichts zu tun hat, wird auf alle anderen Flüchtlinge, auf Muslime überhaupt, übertragen.

Die implizite Frage in der Debatte lautet, wie sich eine Million Flüchtlinge integrieren sollen, wenn es zwei, drei Tausend Geduldete nicht schaffen? Die meisten Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan stammen ja aus patriarchal geprägten Regionen.
Ja, diese Traditionen gibt es in einigen arabischen Staaten. Aber eine aktuelle Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter muslimischen Migranten in Deutschland zeigt, dass 80 Prozent von ihnen Gleichberechtigung für wichtig erachten. Viele Muslime haben ein deutlich moderateres Islam-Verständnis, als wir es glauben.

Ist unsere Angst also bedingt durch unser Unwissen, unsere mangelnde Erfahrung mit den Menschen aus Tunesien oder Marokko oder Syrien?
Das ist nett ausgedrückt. Ich glaube aber viel eher, dass der Bundesrichter und „Zeit“-Kolumnist Thomas Fischer hier den Punkt trifft: Diese Menschen haben uns noch nie interessiert. Und sie interessieren uns auch jetzt nicht. Sie stören uns jetzt, nur deswegen beschäftigen wir uns mit ihnen. An diesem Beispiel zeigt sich übrigens auch der Widerspruch, wenn die Rede von dem höheren Zivilisierungsgrad ist. Zivilisiert bedeutet auch, Mitgefühl mit anderen, mit Fremden zu haben. Doch vielen in Deutschland ist das Schicksal der Flüchtlinge gleichgültig. Und wenn jetzt Forderungen nach Internierung von vermeintlich unzivilisierten, kriminellen Fremden erhoben werden, dann ist hier die Rede von Lagern. Wir sprechen damit nicht nur Menschen das Menschsein ab, sondern verrohen dabei auch selbst.

Wie soll der Staat diesen kriminellen Underdogs begegnen, wie soll ein friedliches Zusammenleben erreicht werden?
Wenn wir über die wenigen Tausend reden, die hier illegal leben und kriminell sind, dann müssen wir uns fragen, was besser ist: ignorieren oder fördern. Wer produktiv sein kann, muss nicht destruktiv sein. Um intensive soziale Arbeit kommen wir nicht herum. Wir brauchen deswegen dringend politische Entscheider, die die Diskussion beruhigen. Sie haben die Aufgabe, Maßnahmen zu treffen, die die Mehrheit der Gesellschaft aktuell nicht treffen kann, weil die Stimmung so aufgeladen ist. Einen Teil der Jugendlichen kriegen wir vielleicht nicht integriert, dann hilft nur noch Repression, um die Bevölkerung zu schützen. Aber einen Teil erreichen wir. Es ist ja nicht so, dass Kriminalität ein Spaß an sich ist. Für diese Außenseiter ist Kriminalität und Aggression auch ein Weg, Anerkennung zu bekommen.

Innerhalb der eigenen Gruppe?
Nicht nur. Es geht um Anerkennung und Wahrnehmung überhaupt, egal von wem. Man muss sich einfach mal vorstellen, was in einem jungen Mann vor sich geht, der mit 18 oder 20 Jahren denkt: Das war’s, mehr kannst du vom Leben nicht erwarten, du bekommst keine Chancen mehr. Das Problem aber ist, dass wir Menschen zum psychischen Überleben Anerkennung benötigen. Und weil es keine legalen Perspektiven gibt, werden andere Wege genommen. Wer nichts werden kann, kann immer noch Räuberhauptmann werden.

Politische Stimmen, die Integrationshilfe und mehr soziale Arbeit für die Maghreb-Jugendlichen fordern, sind derzeit eher selten oder werden nicht gehört.
Wir sind jetzt in der Phase der Schreihälse, der Scharfmacher. Wir sind gefangen in Angst und führen eine Debatte, in der viele nationalistische und rassistische Töne angeschlagen werden – ohne, dass widersprochen wird. Und das Besondere ist, dass diese Stimmen vom rechten bis zu linken politischen Rand reichen.

Was sagt das über Deutschland aus, einem Land, das reich ist, sich wirtschaftlich stabil entwickelt, wenige Arbeitslose hat …
Vor allem sagt es, dass der Firnis der Zivilisation sehr dünn ist.

Wir reden die ganze Zeit über nordafrikanische oder arabische Männer. Was ist eigentlich mit den Frauen in den Ländern? Vor vier, fünf Jahren spielten sie noch eine wichtige, emanzipatorische Rolle bei den Aufständen. Jetzt heißt es, sie sind Opfer einer Belästigungstradition.
Als erstes: So wie das hier oft dargestellt wird, gibt es diese Belästigungstradition nicht. Das Beispiel, das immer wieder vom Tahrir-Platz in Kairo gebracht wird, verzerrt etwas. Die Übergriffe auf Frauen bei der Revolution in Ägypten waren vom Militär und der Polizei organisiert oder geschürt, weil sie die Frauen als protestierende Kräfte unterdrücken wollten. Es war eine Waffe, die politisch, nicht sexuell motiviert war.

Was ist mit den Frauen im Maghreb?
Es gibt dort deutliche Emanzipationsbewegungen. Es gibt Frauen, die protestieren und den Männern sagen, dass sie über ihr Leben selbst bestimmen. Wichtig ist aber zu sehen, dass deren Forderungen nach Angleichung der Machtverhältnisse auf Widerstand stoßen. Niemand gibt gern Macht ab. Wenn die Frauen nun Mitsprache fordern, verteidigen die Männer ihre Vorherrschaft, sie setzen dazu Gewalt und auch sexuelle Gewalt ein.

Das ist auch keine gute Nachricht.
Nun, das Positive ist, dass Frauen dort einen Demokratisierungsprozess erzwingen. Und das wird wieder für Deutschland interessant: Die Emanzipation der Frauen führt zu einer Zivilisierung des Mannes, diese müssen mehr Impulskontrolle leisten, auf jegliche Gewalt verzichten. Sie müssen lernen zu diskutieren, statt zuzuschlagen. Das Verantwortungsbewusstsein bildet sich besser heraus.

Wenn in Köln eine Gruppe am Werk war, die ohne Perspektive ist, die stigmatisiert wird und deren Angehörige vielleicht auch keine Liebesbeziehungen kennen, welche Auswege gebe es denn für diese Männer? Es kann doch nicht sein, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die sich angegriffen fühlt, Verantwortung für die Angreifer übernimmt!
Doch. Das ist genau der Punkt. Diese Männer haben ganz klar Defizite, sie sind emotional nicht in der Lage, sich unseren Normen gemäß zu benehmen. Sie sind oftmals psychisch auf der Entwicklungsstufe von 13- oder 14-Jährigen. Wir müssen für sie genauso eine Schutzverantwortung übernehmen, wie wir das für unsere Jugendlichen tun. Denn was wäre denn die Alternative? Dass es so weitergeht, oder sogar noch schlimmer wird? Wenn wir Bürgerwehren auf die Straße lassen, weil wir Angst haben, dann werden die sich auch organisieren, werden sich vielleicht auch bewaffnen. Wir dürfen eines nicht vergessen: Nicht nur wir haben Angst, auch sie haben Angst. Wir stehen vor einer Gewalteskalation. Und es ist die Mehrheitsgesellschaft, die sie verhindern kann.

Interview: Viktor Funk

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Times mager

Gerda

Hühner sollen Götter besänftigen können, glauben Bewohner der Insel Java. Deshalb werfen sie beim Kassadafest Hühner in einen Vulkan.

In der Huhn-Gerda-Affäre wäre viel eher zu fragen gewesen: Wer hat sich eigentlich dümmer verhalten, Huhn oder Mensch?  Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 25. Juli

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 25. Juli 2016 Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps