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23. Juni 2008

Interview: Lasst uns aufhören, über Religion zu reden!

Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum (CNRS) in Paris.Foto: rtr

Olivier Roy sieht die Gründe für fundamentalistischen Terrorismus nicht im Islam, sondern in Politik und generationsabhängiger Radikalisierung.

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Zur Person

Olivier Roy, geboren 1949, ist Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum (CNRS) in Paris. Er gilt als einer der aufmerksamsten Beobachter des islamischen Fundamentalismus.

Auf Deutsch erschien bei Siedler gerade Roys Buch "Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens", 191 S., 19,95 Euro.

Herr Roy, beruhen die kulturellen Differenzen zu den in Europa lebenden Muslimen auf einer unzulässigen Vereinfachung?

Ja, zumindest auf einer Vereinfachung. Das gewöhnlich vom Islam gezeichnete Bild ist das einer muslimischen Gemeinschaft - in der alle gleich sind in der Einhaltung des Islam -, welche die westlichen Werte ablehnt und ins Zentrum Europas die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens hineinträgt. Tatsächlich ist die muslimische Population in Europa sehr unterschiedlich, nicht allein wegen unterschiedlicher Wurzeln, sondern weil ihre Mitglieder unterschiedliche, komplexe und oftmals auch einander entgegengesetzte Entscheidungen treffen.

Moschee in Birmingham: Die muslimische Mittelschicht will nicht als fremde Kultur gesehen werden.
Moschee in Birmingham: "Die muslimische Mittelschicht will nicht als fremde Kultur gesehen werden."
Foto: rtr

Einige versuchen so weit wie möglich eine unberührte Kultur - wie ihre Sprache, Fasten oder Heiratsbräuche - zu bewahren, andere spielen mit der Säkularisation, sprechen besser Französisch oder Deutsch als Arabisch oder Türkisch und versuchen, sich zu integrieren. Wieder andere - weitestgehend verwestlichte - versuchen eine rein religiöse Praxis in ein westlich-säkulares Umfeld umzuformen, indem sie sich an den Modellen protestantischer und jüdischer Formen der Religion orientieren. Und schließlich gibt es einige "Neugeborene", die von Konvertiten begleitet werden, welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam - gemeint ist der Salafismus - fasziniert. Er kritisiert die traditionellen muslimischen Kulturen in ähnlicher Weise wie die westlichen Kulturen.

Kann den Muslimen in Europa ein Gefühl der Heimat vermittelt werden - als europäische Muslime? Können sie dann eine kulturelle und ökonomische Bereicherung sein?

Wir müssen unterscheiden zwischen Glaubensgemeinschaften und ethnischen Gemeinschaften. Integration wird üblicherweise geleistet auf Kosten traditioneller ethnischer Kulturen. Aber der Islam kann und sollte als Glaubensgemeinschaft umgestaltet werden und auf dem gleichen Fuß wie andere Religionen stehen. Praktizierende muslimische Gläubige fordern Gleichheit und nicht den Status als kulturelle Minderheit. Dennoch werden sie systematisch als fremde ethnische Kultur zurückgesetzt. Die emporstrebende muslimische Mittelschicht im Westen will als eine westliche Glaubensgemeinschaft beachtet werden und nicht etwa als fremde Kultur. Das Markenzeichen religiöser Praxis und Wahrnehmung wird gewöhnlich durch eine wachsende gebildete Mittelschicht verteidigt, die ein wichtiger Faktor ökonomischen Wachstums ist.

Wenn das nicht gelingt, sehen sich die Europäer einer Explosion gegenüber, wie einige befürchten?

Die Situation ist nicht so dramatisch. Die Frage gilt nicht so sehr den muslimischen Migranten versus "weiße Gesellschaft", denn zu viele Muslime sind bereits integriert, auch wenn ihre Integration nicht genügend anerkannt wird. Sollten wir scheitern, werden gewiss drei Weisen der Radikalisierung anstehen: eine Randgruppe einer zweiten Generation Jugendlicher, ungeachtet ihres ökonomischen und sozialen Hintergrundes, wird durch eine gewalttätige islamistische Radikalisierung in Versuchung geführt; die Masse der jungen, nicht wahlberechtigten, joblosen Schulabbrecher wird den Kleinverbrechen und der Schattenwirtschaft frönen, mit Auswüchsen von Zusammenstößen mit der Polizei, allerdings ohne religiöse Dimension. Schließlich werden einige traditionell konservative Milieus sich in kulturelle und religiöse Ghettos abschotten.

Ist die Begegnung zwischen Europa und Islam Teil eines Kampfes der Kulturen?

Die Debatte über die dänischen Cartoons, über Gotteslästerung und Freiheit der Kunst wird nicht zwischen einem liberalen Westen und einem obskuren Osten geführt. Die meisten religiösen Konservativen Europas befürworten eine Begrenzung der Freiheit des Ausdrucks - so gewann die französische katholische Kirche vor zwei Jahren eine Gerichtsschlacht, in der es um die Verbannung einer Darstellung des "Letzten Abendmahles" ging. Die Apostel waren darauf durch halbnackte Frauen ersetzt. Die meisten katholischen Bischöfe sind gegen die Schwulen-Hochzeit. Und nebenbei gesagt, haben viele Muslime eine sehr kritische Sicht zu der fehlenden Freiheit und Demokratie in arabischen Staaten, deren Regime von uns, dem Westen, unterstützt werden wie beispielsweise Tunesien oder Ägypten. Es ist keine Debatte zwischen Kulturen, wohl aber eine zwischen Werten. Zudem ist es eine Debatte, die innerhalb der Grenzen Europas geführt wird: Sollten wir etwa die katholische Kirche Spaniens als muslimisch bestimmen, nur weil sie die Säkularisation ablehnt, wie auch die Trennung von Kirche und Staat, die Schwulen-Hochzeit und die absolute Freiheit der Religion? Die modernen Merkmale des Fundamentalismus sind nicht Produkte traditioneller Kulturen, sondern im Gegenteil Erzeugnisse einer Krise der traditionellen Kulturen, das Produkt der De-Kultivierung und Globalisierung. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen - und sind nicht deren Ausprägung.

Was soll der Westen gegen El Kaida und den Islamismus tun?

El Kaida und der Islamismus sind nicht dasselbe. Nicht alle Fundamentalisten sind politische Radikale, und es steckt tatsächlich eine kleine Religion in El Kaida. Fundamentalismus ist ein permanenter Trend in jeder Religion und es ist sinnlos, von außerhalb einen "guten Islam" zu befördern; der Fundamentalismus wird immer einige Leute erreichen. Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom des Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.

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