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Interview mit Boris Groys: Revolutionäres Disneyland

Boris Groys, einer der besten Kenner der Sowjetart, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über den "Hof für die Pachteinnahme" und warum es in der Sowjetunion nichts vergleichbares gibt.

Wieder wird eine Familie auseinandergerissen...
"Wieder wird eine Familie auseinandergerissen..."

Gab es in der Sowjetunion etwas, das mit dem Hof für Pachteinnahme zu vergleichen ist?

Ich sehe eine große Differenz zur sowjetischen Kunst. Die sowjetische Kunst hat das Leiden des Volkes eigentlich nie dargestellt. Die sowjetische Kunst war auch nicht expressiv. Sie war monumental. Sie war positiv. Das Leiden des Volkes war schon Thema der bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhunderts gewesen. Die Peredwischniki, die so genannten Wanderer, die ins Land unter die Leute gingen und dort Landschaften und Menschen porträtierten, waren berühmt dafür. Die sowjetische Malerei setzte sich gerade gegen diese bürgerliche Kultur der Leidensschilderung ab. Sie pflegte den Kult des proletarischen Helden.

Die Erinnerung an die angeblich vergangenen Leiden des Volkes gehörte dazu, um klarzumachen, dass kämpfen muss, wer seine Lage verbessern möchte. Der Zyklus endet darum mit heroischen Kämpfern.

Das ist klassischer sozialistischer Realismus. Hier ist der sowjetische Einfluss immens. Aber so vertraut einem diese Einzelszenen auch aus Russland vorkommen mögen, sie sind Teil einer ganz und gar unsowjetischen Dramaturgie. Hier beim Hof für die Pachteinnahme geht es darum, dass durch die Unterdrückung das Rachebedürfnis der Unterdrückten wächst. Das ist ganz und gar unsowjetisch. Rache war in der Sowjetkunst kein Thema. In der sowjetischen Ideologie ging es nicht darum, sich zu rächen für Leid, das einem angetan worden war. Die sowjetische Idee war, dass Bauern und Arbeiter erfüllt sind von der Vision einer besseren Zukunft, von der Vision des Kommunismus. Wer dem im Wege steht, wird beseitigt. In Russland geht es nicht um die Vergangenheit. Es geht um die Zukunft. Das ist alte russische Tradition. In der orthodoxen Überlieferung spielt die Leidensgeschichte Christi kaum eine Rolle. Ihr geht es vor allem anderen um Ostern. Um den Triumph. Um den Sieg über den Tod, um die Auferstehung und das zukünftige Leben im Paradies. Der leidende, der gefolterte Christus kommt fast nicht vor. Die Figuren des Hofs für die Pachteinnahme erinnern an den russischen Realismus des 19. Jahrhunderts, aber auch an die mittelalterliche deutsche oder auch spanische Kultur. Leiden und Verzücken.

Chinesisch wirkt der Hof für die Pachteinnahme auch nicht.

Nein, es sind Figuren und Köpfe dabei wie von Breughel.

Der Hof für die Pachteinnahme entstand im Jahre 1965. Also gerade mal 16 Jahre nach der Revolution. Gab es auch 16 Jahre nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion keinen Kult der Erinnerung an die Leiden im Zarismus?

Nein! Die 20er und 30er Jahre war die Zeit der Avantgarde, des Konstruktivismus, die Zeit des Aufbruchs. Die Vergangenheit war vergessen. Die Russen vergessen und blicken in die Zukunft. Heute machen sie Kapitalismus. Sie denken nicht mehr drüber nach, was früher war.

Das sind dieselben Leute, die den Sozialismus gemacht haben...

Im Fernsehen sieht man oft alte russische Mütterlein, die Babuschkas, wie sie die Ikonen küssen. Als sie junge Frauen waren, halfen sie, die Kirchen zu verbrennen und die Ikonen zu zerstören. Jetzt gehen sie in die Kirche und beten inbrünstig, aber nicht, weil sie alt geworden sind, sondern weil die Regierung ihnen klarmacht, dass das jetzt zu tun sei. Diese Babuschkas haben sich nicht geändert. Sie tun, was zu tun ist, was an der Zeit ist, was die Gesellschaft für richtig hält. So waren sie immer. Sie tun das, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist die russische Mentalität, das hat nichts mit dem Rachegedanken des Hofs für die Pachteinnahme zu tun. Nehmen Sie diese Szene hier: Da durchbohrt eine Kommunistin einen alten Mann. Das ist undenkbar in der sowjetischen Kunst. Jeder hätte empört aufgeschrien und gesagt: So darf man alte Leute nicht behandeln. Diese Art Kunst wäre in der Sowjetunion sofort verboten worden.

Manche Gruppe wirkt wie eine Theaterszene.

Ja. Es gibt zum Beispiel den einen Bauern, der den Fuß abspreizt, wie man es aus der Pekingoper kennt. Der Hof für die Pachteinnahme ist sehr interessant, ein wunderbares Werk, wirklich sehr originell. Man hat hier ja alle möglichen Geschichten und Kunststile, sozialistische und westliche - im Versuch einer Synthese.

Es wirkt auch wie in einem alten, europäischen Kolonialmuseum, in dem die Vertreter der Völker dargestellt werden...

Es hat eine ethnographische Dimension. Aber hier ist Klassenkampf und Spannung. In den Sammlungen der Völkerkundemuseen gab es keine Konflikte. Da herrschte das Idyll. Alles wurde so dargestellt, als sei es immer und bleibe immer so. Hier aber, beim Hof für die Pachteinnahme, geht es um Kampf und Veränderung. Es geht um Geschichte und Revolution. Es hat etwas von Disneyland. Aber es ist ein revolutionäres Disneyland. Ein revolutionärer Themenpark.

Thema 1: Pächter bei der Pachtabgabe bis zum 6. Thema: Machtergreifung.

Man geht von einen Thema zum anderen. Das Ganze ist sehr narrativ. Die sowjetische Kunst war nicht narrativ. Das europäische Mittelalter war es. Man geht durch die Kirche und beobachtet eine Szene nach der anderen, das Leben Christi, das Leben der Heiligen...

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Datum:  23 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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