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Interview mit Botschafter Wu Hongbo: "Wie viele Deutsche kennen China?"

Der chinesische Botschafter Wu Hongbo im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die Bedeutung der Frage "Hast Du schon gegessen?", die Ambitionen der Volksrepublik und sein Verständnis von Meinungsfreiheit.

Alles mal 1,3 Milliarden ist immer sehr viel. Blick auf eine Turnhalle in der Universitätsstadt Wuhan, wo Eltern von Erstsemestern übernachten, um    die  Hotelkosten zu sparen.
Alles mal 1,3 Milliarden ist immer sehr viel. Blick auf eine Turnhalle in der Universitätsstadt Wuhan, wo Eltern von Erstsemestern übernachten, um    die Hotelkosten zu sparen.
Foto: dpa

Wu Hongbo: Haben Sie genug Platz auf dem Band?

Arno Widman: Sechs Stunden.

Zur Person

Wu Hongbo (57) ist Mitte August vom Präsidenten der Volksrepublik

China, Hu Jintao, zum neuen Botschafter Chinas in der Bundesrepublik Deutschland ernannt worden. Wu Hongbos Karriere begann 1976. In den neunziger Jahren gehörte er dem britisch-

chinesischen

Koordinations-komitee an, das

die Wiedereingliederung Hongkongs in den chinesischen Staat vorbereitete. Seit dem Jahre 2007 war Wu assistierender Außenminister. awi

Wu Hungbo ist der Botschafter Chinas in der Bundesrepublik.
Wu Hungbo ist der Botschafter Chinas in der Bundesrepublik.
Foto: dpa

Das wird reichen. Seien Sie herzlich willkommen. Sie sind ein wenig älter als ich. Sie haben also mehr Erfahrung als ich. Ich werde von unserem Gedankenaustausch sicher profitieren. Vielleicht können wir mit diesem Gespräch einen fruchtbaren West-Ost-West-Ost-Dialog beginnen.

Vielen Dank. Aber ich habe meine Jahre vertan, bin also viel unerfahrener als Sie. Darum stelle ich auch die Fragen. Haben Sie schon gegessen?

Ja. Sie wissen, dass man in China früher zur Begrüßung nicht fragte: "Wie geht´s", sondern "Hast Du schon gegessen?" Heute macht man das nicht mehr. Die Chinesen haben heute, wenn sie aus dem Haus gehen, schon etwas zu sich genommen. Das war früher ganz anders. Keine der vielen Dynastien, die über China herrschten, hat jemals die Ernährungsfrage gelöst. Für die Mehrzahl der Chinesen war über Jahrtausende die zentrale Frage, genug zu essen zu bekommen. Wer fragte: Haben Sie gegessen?, der zeigte, dass er sich um den anderen kümmert. Für meine Generation, ich bin 1952 geboren, ist es normal, dass jemand fragt: Haben Sie schon gegessen? Für die Jüngeren ist das eher komisch. Sie haben gegessen. Sie haben immer gegessen.

Das ist ein Fortschritt.

Das ist ein großer Fortschritt. Nicht nur für China. Denn wenn wir Chinesen unsere Angelegenheiten gut geregelt haben, dann ist das schon an sich ein großer Beitrag für die Welt.

Chinas Problem ist leicht zu beschreiben. Alles mal 1,3 Milliarden ist immer eine Riesensumme, aber geteilt durch 1,3 Milliarden schrumpft alles auf eine Winzigkeit zusammen.

Sie haben sehr schön unseren Ministerpräsidenten zitiert.

Ertappt. Wo er Recht hat, hat er Recht. Sie haben bei Ihrer Rede zum 60. Jahrestag der Volksrepublik gesagt: Man könne voller Stolz auf die Vergangenheit und voller Zuversicht in die Zukunft sehen. Nur Zuversicht? Machen Sie sich gar keine Sorgen?

Wir haben, das ist der erste Grund für unsere Zuversicht, den Weg für die Entwicklung Chinas gefunden. 1949 hieß es, China sei unregierbar. Das Land sei zu groß, zu arm und die Chinesen zu undiszipliniert. Das ist widerlegt. Der zweite Grund für unsere Zuversicht ist die Unterstützung der Bevölkerung. 1911 wurde die Qing- Dynastie gestürzt. Danach wurden unterschiedliche Regierungsformen ausprobiert, auch die parlamentarische Demokratie. Es gab eine Zeit, da gab es in China landesweit mehr als 130 Parteien. Das Ergebnis war die Spaltung Chinas, Bürgerkriege und die japanische Invasion. Schon damals hatten die Chinesen im Wesentlichen nur zwei Wünsche: Die Befreiung Chinas und ein reiches und starkes China. Es war die Kommunistische Partei Chinas, die 1949 den Wunsch der Bevölkerung nach der Befreiung des Landes erfüllte. In den vergangenen Jahren haben wir uns darum bemüht, Schritt für Schritt China zu einer reichen und starken Nation zu machen. Wir nähern uns jetzt auch der Erreichung des zweiten Zieles.

Schritt für Schritt? Gab es nicht auch einen Großen Sprung nach vorn? Eine Kulturrevolution? Die positive Bilanz kann sich doch nur auf die letzten 30 Jahre beziehen.

Ich sehe die Sache so: Die vergangenen 60 Jahre sollten als Ganzes betrachtet werden. Ohne die Erfahrungen der ersten 30 Jahre, ohne die damals gelegte industrielle Grundlage wären die Erfolge der letzten 30 Jahre nicht möglich gewesen. Wir haben Fehler gemacht. Der Große Sprung nach vorn war einer. Die Kulturrevolution war ein anderer. Ich habe beide persönlich miterlebt. Wir Chinesen betrachten aber die Dinge dialektisch. Wir sehen die positiven und die negativen Seiten. Wir sind auch in der Lage, aus Negativem positive Lehren zu ziehen. Stellen Sie sich vor, es hätte nicht die Katastrophe der Kulturrevolution gegeben, der Widerstand gegen die Öffnungspolitik wie sie Deng Xiaoping 1978 formulierte, wäre riesig gewesen. Auch kluge Regierungen machen Fehler. Aber sie verstehen es, die richtigen Lehren aus ihren Fehlern zu ziehen. Das ist der dritte Grund für meine Zuversicht.

Der Fehler - wie Sie es nennen - der Kulturrevolution hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Kann man da nur analysieren? Muss man da nicht auch trauern? Wut haben?

In der Weltgeschichte ist vieles passiert, das nicht passieren sollte. Auch in der chinesischen Geschichte. Ich darf Ihnen sagen, auch meine Eltern waren Opfer der Kulturrevolution. Auch sie "hockten", wie man sagt "im Kuhstall". Ich war damals 16 Jahre alt.

Und haben das Rote Buch geschwungen?

Ich konnte wegen meiner Klassenzugehörigkeit nicht bei den Roten Garden sein. 1968 - ich war 16 und in der siebten Klasse - kam ich aufs Land. Fünf Jahre blieb ich dort. Zum Arbeiten. Eine Schule durfte ich nicht mehr besuchen. Erst 1973 bekam ich wieder eine Chance zu lernen und konnte an die Universität. Meines Erachtens verdienen alle, die in der Kulturrevolution oder in einer anderen politischen Bewegung ungerecht ums Leben kamen, dass ihrer gedacht wird. Einer meiner Onkel war während der Kulturrevolution Rektor einer Universität in Peking. Er wurde damals erschlagen. Die Kulturrevolution war eine Katastrophe für die ganze Nation. Aber wir Chinesen dürfen, wenn wir der Opfer gedenken, nicht nur trauern. Mit Trauer allein kommt man nicht voran. Trauer schafft keine Hoffnung. Deutschland hat Vergleichbares erlebt. Zwei Weltkriege! Aber danach ist das deutsche Volk wieder aufgestanden. Das Land besser aufzubauen, ist die beste Form der Opfer zu gedenken. Eine Nation, die ausschließlich in der Vergangenheit lebt, hat keine Hoffnung. Eine Nation muss weit nach vorne schauen, um voranzukommen. Nur die Menschen, die in den Himmel und auf die Sterne sehen, haben Hoffnung. Unser Ministerpräsident Wen Jiabao, schreibt kaum Gedichte, aber das hat er doch einmal geschrieben: "Ich blicke hinauf in den sternenübersäten Himmel / Er ist tief und weit und verspricht letztendliche Wahrheit / Ich bin ein Suchender, verfolge neue Ziele, jeder Schritt davon von Schmerzen gezeichnet." Eine Nation braucht Ambition. Wenn sie nur dem nachläuft, was vor ihrer Nase liegt, erreicht sie nichts.

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Datum:  12 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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