Charlotte, haben Sie "Antichrist" eigentlich überstanden, ohne irgendwelche Schäden davon getragen zu haben?
Ich denke ja. Jedenfalls versuche ich mir das einzureden. Aber es war natürlich eine aufwühlende und verstörende Rolle. Während der Dreharbeiten bin ich zwei Monate lang blutüberströmt und schreiend durch einen Wald gelaufen. Ich war wie in Trance. Ich träumte viel in dieser Zeit, aber ich hatte auch Vergnügen an dieser Figur.
Charlotte Gainsbourg, 38, stand mit 13 Jahren das erste Mal vor der Kamera. Ein Jahr später erhielt sie bereits den César für die beste Nachwuchsdarstellerin.
Für die weibliche Hauptrolle in Lars von Triers umstrittenen Film "Antichrist" ist sie bei den 61. Filmfestspielen in Cannes in diesem Jahr als beste Darstellerin ausgezeichnet worden.
Die Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg hat auch zwei Platten aufgenommen. Mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Yvan Attal, hat sie zwei Kinder, Ben, 11, und Alice Jane, 6.
Das heißt, diese extreme aggressive Rolle hatte etwas durchaus Lustvolles für Sie?
Absolut. Ich habe das Schreien regelrecht genossen. Es war, als ob man mir erlaubt hätte, zwei Monate lang durch eine Krise zu gehen und mich vollständig gehen zu lassen. Diese Freiheit hat man im Leben nicht so ohne weiteres. Nicht mal Kindern erlaubt man, derart auszurasten. Ich habe mich in dieser Rolle vollkommen ausgetobt.
Wie haben sie diese Trauer so lange ertragen?
Nur, indem ich aus ihr ausgebrochen bin. Das hätte ich sonst nicht zwei Monate durchstehen können. Aber ich habe mich gern in der Atmosphäre des Filmes eingeschlossen. Wir waren vollkommen von der Welt abgeschnitten in einem Wald in der Nähe von Köln. Wir drehten in dieser sehr schönen Natur, aber wohnten in einem nagelneuen Hotel, das auf einen Golfplatz raus ging. Alles war sehr aseptisch. Es gab keine Lobby, keine Rezeption. Am Ende des Tages ging jeder sofort auf sein Zimmer. Obwohl diese Rolle auch etwas Euphorisierendes hatte, war ich nach zwei Monaten vollkommen erschöpft.
Antichrist, Trailer. Dänemark/Deutschland/Frankreich/Italien/Schweden 2009
Überall war zu lesen, dass "Antichrist" eine Zäsur in Ihrer Karriere markiert. Empfinden Sie das genauso, dass es ein "davor" und ein "danach" gibt?
Nachdem ich aus Cannes wiedergekommen bin, gratulierten mir alle und freuten sich mit mir, was mich sehr gerührt hat. Ich hatte das Gefühl, eine große sportliche Leistung vollbracht zu haben, als hätte ich die Fußballweltmeisterschaft gewonnen! Aber in Wahrheit hatte das "Danach" für mich zu diesem Zeitpunkt längst begonnen. Noch vor Cannes habe ich bereits wieder gedreht. Eigentlich, ohne mir die Zeit zu nehmen, vorher durchzuatmen. Während der Dreharbeiten von "Antichrist" hatte ich natürlich das Gefühl, dass der Film, der danach kommen würde, schwierig sein würde. Mir war bewusst, dass ich eine extreme Rolle spiele und dass man von mir vermutlich so schnell nicht wieder verlangen wird, so weit zu gehen. Ich musste extreme Sensibilität, extremes Leid, aber auch extreme Aggressivität zeigen und das alles in einem Gemisch aus Horror, Blut und Sex.
Es war das erste Mal, dass Sie mit Lars von Trier zusammengearbeitet haben...
Ja, und es war wie eine Offenbarung für mich. Auch eine große Begegnung mit einem Menschen, der mir, obwohl ich ihn bis heute nicht richtig kenne, sehr vertraut vorkommt und zu dem ich eine große Nähe empfinde.
Weil er Sie an Ihren Vater erinnert?
Ich bin sicher, dass das eine große Rolle gespielt hat. In seiner Art, provokativ und dabei sehr zerbrechlich zu sein. Auch unberechenbar. Wobei mein Vater eigentlich weniger unberechenbar war als Lars. Er hatte eine Form von Humor, die ich gut kannte, er provozierte - dann kam natürlich der Alkohol dazu, der alles extremer macht. Insofern hat mich Lars, der ähnliche Tendenzen hat, natürlich an meinen Vater erinnert. Aber eigentlich kam er mir noch weniger stabil vor. Es gab Tage, da ging es ihm so schlecht, dass wir Angst hatten, er würde alles hinschmeißen. Aber da erschöpft sich eigentlich auch schon der Vergleich, außer, dass ich in vielen Szenen so weit gehen konnte, weil ich ihm einfach gefallen wollte -genau so wie ich auch meinem Vater gefallen wollte.
Wo andere provozieren, um sich von ihren Eltern zu entfernen, nehmen Sie den Weg der Provokation, um sich ihnen anzunähern. Täuscht der Eindruck oder hat diese Rolle viel mit ihren Eltern zu tun?
Ich habe jedenfalls während der Dreharbeiten lange Unterhaltungen mit meiner Mutter per SMS geführt. Ich hatte das Gefühl, eine Grenze zu übertreten: Es ging mir wie einem Kind, das provozieren will. Aber ich musste mir dabei selbst etwas Gewalt antun, obwohl es mir im Grunde auch Spaß machte. Vielleicht, weil ich einmal nicht das liebe, brave Mädchen sein wollte, als das mich alle Welt sieht. Ich wollte überraschen, zeigen, wozu ich fähig bin. Mich beweisen. Ich hatte nämlich während der ganzen Dreharbeiten das Gefühl, eine Art Notnagel zu sein, weil der Film nicht für mich geschrieben worden ist und Eva Green eigentlich die Rolle der Frau hätte übernehmen sollen. Ich fühlte mich deshalb von Anfang an wie ein Eindringling und musste zeigen, wozu ich imstande bin, musste mir und anderen beweisen, dass ich diese Rolle wirklich verdient hatte.
Lars von Trier wird vorgeworfen, einen frauenfeindlichen Film gemacht zu haben, weil er diese extrem empfindsame, extrem aggressive Frau zeigt, die am Ende wie eine Hexe verbrannt wird. Können Sie diese Vorwürfe nachvollziehen?
Nein. Für mich hätte diese Frau auch ein Mann sein können. Ich habe mir während der Dreharbeiten eigentlich immer vorgestellt, dass ich Lars selbst spiele. Alle Angstkrisen, die ich spielen musste, hatte ich vor Augen. Was man im Nachhinein über seine vermeintliche Frauenfeindlichkeit gesagt hat, kann ich nicht nachvollziehen. Denn was er der Frauenfigur in diesem Film zumutet, steht er selbst durch. Natürlich spielt seine Angst vor Frauen da mit rein, seine Angst vor seiner Mutter, sein Verhältnis zu Kindern. Obwohl er ein Mann ist, besteht zwischen ihm und dieser Frau eine enge Verbindung durch den Schmerz. Sie empfindet, was er empfindet. Deswegen habe ich ihn auch nicht als außen stehenden Zuschauer, sondern als einen Verbündeten wahrgenommen, der mich durch die Rolle durchgeführt und verstanden hat.
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