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Interview mit David Fincher: Das Leben ist keine Immobilie

Der Hollywood-Avantgardist über "Der seltsame Fall des Benjamin Button", die Allgegenwart des Todes und das schnelle Altern der Filmtechnik.

Der US-Filmemacher David Fincher (46) begann als Trickfilmzeichner und drehte unter anderem Musikvideos für Michael Jackson und Madonna. Er gehörte dann zu den ersten Künstlern, die vom Videoclip zum Spielfilm wechseln konnten.  Seit seinem ersten Spielfilm Se7en kombiniert er visuelle, oft surreale Stilmittel mit gesellschaftskritischen Thriller-Elementen. Sein Film Fight Club gehörte damit zu den stilbildenden Filmen des letzten Jahrzehnts.
Der US-Filmemacher David Fincher (46) begann als Trickfilmzeichner und drehte unter anderem Musikvideos für Michael Jackson und Madonna. Er gehörte dann zu den ersten Künstlern, die vom Videoclip zum Spielfilm wechseln konnten. Seit seinem ersten Spielfilm "Se7en" kombiniert er visuelle, oft surreale Stilmittel mit gesellschaftskritischen Thriller-Elementen. Sein Film "Fight Club" gehörte damit zu den stilbildenden Filmen des letzten Jahrzehnts.
Foto: rtr

Diese Geschichte eines Mannes, der immer jünger wird, handelt wie viele Ihrer Filme von Abschied, Verlust und Tod. Hat der Tod Ihres Vaters während der Arbeit am Film Ihre Herangehensweise verändert?

Der Tod ist in jeder Einstellung des Films präsent, vielleicht auch, weil wir uns in Amerika so viel Mühe geben, seine Existenz zu verbergen. Als mein Vater an Krebs starb, ließ man uns im Krankenhaus gerade fünf Minuten Zeit, um uns von ihm zu verabschieden. Aber eigentlich geht es um universelle, nicht um spezifische Erlebnisse. Für Eric Roth war die Idee der schicksalhaften Fügung vielleicht etwas wichtiger als für mich. Mich interessierte mehr, dass man das Bedauern und den Schmerz der Figuren spürt. Aber wir beide wollten erzählen, dass die Erfahrung von Verlust unausweichlich ist. Das Leben ist keine Immobilie. Nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität, die Kostbarkeit des Moments.

F.Scott Fitzgerald hatte seinerzeit große Schwierigkeiten, seine Kurzgeschichte zu verkaufen. Es hat mehr als 15 Jahre gedauert, bis der Film fertig wurde. Was macht diesen Stoff so schwierig?

Ich glaube, es dauerte so lange, weil ein solcher Film teuer ist. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber als Ron Howard und Steven Spielberg daran saßen, war sogar von 300 Millionen Dollars die Rede. Da zögern die Studios schon. Die Ironie dabei ist, dass dieser Film in zehn Jahren wahrscheinlich nur die Hälfte kosten würde: Anfangs konnten wir nur davon träumen, was die Computer fünf Jahre später für uns leisten würden.

"Benjamin Button" mutet zunächst wie ein untypischer David-Fincher-Film an. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Das Drehbuch von Eric Roth. Schon die erste Fassung hat mich überzeugt, und die späteren wurden noch reicher und poetischer. Auf den ersten Blick ist es eine klassische Hollywoodromanze, eine Ballade über die Abhängigkeit von zwei Menschen, die einander ebenbürtig sind. Mich hat einfach die Tragik der Ungleichzeitigkeit gepackt. Die Begegnung in Paris ist eine Schlüsselszene: Er sagt ihr all die Dinge, die sie schon immer hören wollte, aber es ist der falsche Ort und der falsche Zeitpunkt.

Mussten Sie hart kämpfen, um die Laufzeit von 166 Minuten durchzusetzen?

Nein, die beiden Studios hatten ja grünes Licht für ein Drehbuch gegeben, das 204 Seiten lang war. Die gingen offenen Auges daran, hofften vielleicht, dass man den Film mit einem Voice-over-Kommentar noch 20 Minuten kürzer bekommt. Im Endeffekt haben wir sechzig Seiten gekürzt. Die Studios hatten Vertrauen, dass ich ihnen einen Film mit akzeptabler Länge abliefere. Man bekommt nicht mehr als 100 Millionen von einem Studio für etwas, das sie eigentlich gar nicht machen wollen.

Wenn man so lange an einem Film arbeitet …

Vergessen Sie aber nicht, dass ich zwischendurch noch "Zodiac" gedreht habe!

Benjamin ist eher ein Beobachter des Lebens. Nicht zu passiv für einen Star wie Brad Pitt?

Mir gefällt die Ironie, dass Benjamin ein Jedermann ist, der eben von einem Brad Pitt gespielt wird. Ich glaube, das Buch ist ihm im Laufe der Jahre mindestens fünfmal angeboten worden. Aber vor zehn Jahren wäre er noch nicht bereit gewesen. Er hätte sich nicht zugetraut, mit solcher Ruhe und Zurückhaltung zu spielen. Wie bei der Technik hat auch hier die Zeit hat für uns gearbeitet.

Wie muss man sich die Filmregie mit Computertricks vorstellen?

Einerseits hat man selbst den Lehm in den Händen, aus dem man dann die Skulptur formt. Andererseits fände ich es verantwortungslos, nicht zu verstehen, wie diese Dinge funktionieren. Die Vorstellung, man habe die vollständige Kontrolle über einen Film, ist lächerlich. Der Computer ist nur eine andere Art von Tierdressur.

Sie orientierten sich an den Gemälden von Andrew Wyeth. Die Stadtszenen erinnern aber auch Edward Hopper und Norman Rockwell.

Sie haben recht, er ist ein eher kleinstädtischer Maler. Hopper war sicher auch eine Referenz. Aber er ist impressionistischer, bei ihm spielt das Licht eine größere Rolle. Natürlich hat auch Wyeth ein Gespür für das Licht, aber bei ihm ist der Kontext, sind die Umgebung und Architektur wichtiger. Zugleich spürt man in seinen Kompositionen die Einsamkeit der Figuren. Sie wirken gedankenverloren, sind im Anschnitt oder der Rückenansicht zu sehen.

Interview: Gerhard Midding

Datum:  29 | 1 | 2009
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