Man kann darüber schreiben, ja, aber wie ich schon sagte: Ich weiß nicht, was die Absicht dahinter sein sollte. Außer, dass Schreiben eine Art von Eitelkeit ist.
Nach Yorkshire haben Sie sich Tokio zugewandt, wir sitzen ja eigentlich hier, weil der erste Band Ihrer Tokio-Trilogie auf Deutsch erschienen ist. Aber wie kamen Sie da an alte Mordfälle, etwa aus dem Jahr 1948?
Durch ein Buch, das "Schockierende Verbrechen im Nachkriegs-Japan" heißt. Ich habe 15 Jahre lang in Tokio gelebt und wohnte dort im Osten, in einem Stadtteil, der im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört worden war durch Bomben, das war im März 1945. Meine Kinder wurden in Tokio geboren, ihre Mutter ist Japanerin. Und wir sind dort herumgelaufen, in einem Gebiet, in dem in einer Nacht 100000 Menschen starben - aber es gibt keine Spur mehr davon. Überall stehen moderne Gebäude, es herrscht Wohlstand. Ich wollte wissen, wie diese Stadt, die 1945 zerstört wurde, sich wiederaufgebaut hat. Ich wollte es wissen, weil ich meine Kinder die Geschichte des Ortes lehren wollte, an dem sie geboren sind. Und weil sie das in der Schule nicht lernen. Die Schulen unterrichten nicht die Geschichte der ganz normalen Leute. So suchte ich nach Verbrechen, die es mir erlauben würden, eine Zeit und einen Ort zu erforschen. Ich interessiere mich nicht für Serienkiller oder Vergewaltiger, was mich interessiert ist: Was erzählt das Verbrechen über diese Zeit und diesen Ort?
Wie tut es das?
Kodaira, den es ja gab (der Serienmörder aus "Tokio im Jahr Null", d. Red.), konnte seine Opfer nicht in die Falle locken, ohne ihnen Essen oder Arbeit zu versprechen. Im Jahr 2009 wäre das nicht möglich, die Leute haben Essen, sie haben Arbeit. Außerdem war er ein ehemaliger Soldat, im Krieg in China hatte er vergewaltigt und gemordet, da war er ein Held. In Tokio war er ein Krimineller. Ich hatte das Gefühl, er wurde von der politischen Situation hervorgebracht, seine Opfer waren Gefangene der politischen, ökonomischen, sozialen Situation. Dieses Verbrechen ist also interessant, weil es erlaubt, die Fragen der Zeit zu erforschen.
Diese Zeit muss doch, gerade für einen Europäer, sehr weit weg und schwer zu verstehen sein.
Ein Problem ist, dass Politiker und Medien immer den Eindruck erwecken, es gebe eine japanische Psyche. Natürlich sind Menschen beeinflusst von der Geschichte, in der sie aufwachsen. Aber ich kenne viele Japaner, und jeder ist einzigartig. Mein japanischer Herausgeber hat mir mit den Fakten geholfen, aber ich habe auch unheimlich viel gelesen. Ich habe 2005 angefangen zu schreiben, da hatte ich bereits zehn Jahre in Japan gelebt. Dennoch war es schwierig. Besonders, weil die europäische Kultur so beeinflusst ist von christlicher und griechischer Philosophie. Es ist sehr schwer, Figuren nicht so handeln zu lassen, dass ihre Handlungen von christlichen Moralvorstellungen beeinflusst sind.
Auch wenn Sie nicht über Zeitgenössisches schreiben wollen: Ich würde von Ihnen gern einen Roman über eine Amokläufer lesen, diese Art von Verbrechen würde doch viel über unsere Zeit sagen.
Vielleicht mach ich das ja später mal.
Von Ihrem Verlag habe ich gehört, dass Sie nach zwölf Büchern aufhören wollen.
Ich will nicht mit dem Schreiben aufhören, ich will mit dem Romanschreiben aufhören. Es ist sehr schwierig, Lyrik in Prosa einzuarbeiten, ich würde mich gern auf die Lyrik konzentrieren. Ich will nicht immer und immer weitermachen und in eine Situation kommen, in der ich denke: Okay, dieses Buch ist nicht so gut, das nächste wird besser. Ich habe zwölfmal die Chance, den bestmöglichen Roman zu schreiben. Jeder dieser Romane muss so gut sein, wie er nur sein kann. Keine Abkürzungen, keine Nachlässigkeit. Vielleicht werden es ja aber gar keine zwölf.
Interview: Sylvia Staude
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen