Sie sind der Erfinder des Kriminalromans als Prosagedicht, glaube ich. Warum diese extrem verdichtete, rhythmisierte Sprache für ein solches Sujet?
Als Teenager habe ich sehr viele Gedichte geschrieben, und ich empfinde Lyrik noch immer als natürlichere Ausdrucksweise. Ich denke, in mancher Hinsicht ist Lyrik eine wahrhaftigere Abbildung unseres Lebens. Die Gesellschaft, der Alltag sind heute sehr fragmentiert. Der Roman repräsentiert die große Erzählung mit einem Anfang, einer Mitte, einem Ende, und ich kann diese großen Erzählungen nicht mehr erkennen. Unsere geistigen Prozesse sind fragmentiert, wir haben zum Beispiel gerade dieses Gespräch, wir haben Erinnerungen, Träume, im Hintergrund unterhält sich jemand anderer, es könnte auch noch ein Fernseher laufen - und das drückt man am besten durch Lyrik aus. In meinen Romanen versuche ich, die Geschichte auf diese Art zu erzählen.
David Peace, geboren 1967 in Ossett, West Yorkshire, wurde international bekannt durch sein nachtdunkles, kompromissloses "Red Riding Quartet", vier Bücher mit den Titeln "1974", "1977", "1980" und "1983" über den so genannten Yorkshire Ripper, einen Frauenserienmörder.
Tokio-Trilogie: Derzeit schreibt er am dritten Teil einer Tokio-Trilogie, von der auf Deutsch bisher vorliegt: "Tokio im Jahr Null" (aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind 2009, 416 Seiten, 22 Euro). Auf Englisch gibt es außerdem "Occupied City" (Faber) . ( sy)
Sie haben in einer Band gesungen, spielt das auch eine Rolle? Manche Zeilen durchziehen die Bücher wie Refrains.
Ich war nur Sänger in einer Band, weil ich so gern Texte schrieb. Ich lese auch mehr Lyrik als Prosa, T. S. Eliots "Das wüste Land" etwa hatte großen Einfluss. Dieses Buch ist gegen Ende zunehmend fragmentiert, es wird heute immer relevanter. Denn im Grunde ist der Roman eine falsche Form.
Sie haben auch eine sehr entschiedene Meinung darüber, ob Krimis humorvoll sein dürfen.
Verbrechen passieren überall um uns herum und werden zu Unterhaltung gemacht. Ich glaube, es liegt in der Natur des Kapitalismus, alles zu Entertainment zu machen. Meine Bücher sollen ein Widerstand dagegen sein.
Indem es anstrengend ist, sie zu lesen?
Wenn Sie wie ich auf Lesereise gehen, werben Sie für ein Buch, aber Sie wissen, dass dieses Buch, für das Sie werben, schwierig zu lesen ist. Das ist ein Dilemma. Ich glaube aber übrigens nicht, dass alle Leute nur wegen der Unterhaltung lesen, doch mehr und mehr wird nur Unterhaltung veröffentlicht. Freilich kann man nicht schreiben, um die Leute zu erziehen, man kann nur schreiben, um etwas zu verstehen.
Hat Unterhaltungsliteratur nicht auch eine Daseinsberechtigung?
Ich sage nicht, dass es keine Unterhaltung geben sollte, aber zunehmend werden nur Unterhaltungsbücher veröffentlicht und andere an den Rand gedrängt. Es gibt Zeiten, da will man sich nur unterhalten lassen, ich verstehe das, und dies wäre eine schreckliche Welt, wenn man nur Bücher lesen könnte wie meine.
Nachdem ich Ihre anderen Bücher in deutscher Übersetzung gelesen hatte, habe ich mir nun das neueste, "Occupied City", auf Englisch besorgt, und obwohl Ihr Übersetzer Peter Torberg sehr gut ist, ist das nochmal ein anderer Sound ...
Danke.
Ich hatte das Gefühl, ich muss aufstehen, hin und her gehen und laut lesen.
So schreibe ich meine Bücher. Ich schreibe mit der Hand, dann gehe ich auf und ab, lese laut, schreibe wieder .... Ich glaube tatsächlich, dass "Occupied City" laut besser klingt, als es sich leise liest.
Ich habe einen Text von Ihnen im Internet gefunden, in dem schreiben Sie, dass Yorkshire und der Yorkshire Ripper für Sie während der viele Jahre langen Arbeit am "Red Riding Quartet" fast eine Obsession waren. Jetzt arbeiten Sie seit geraumer Zeit an einer Tokio-Trilogie...
Ja, ich war zunächst besessen von Yorkshire, wo ich aufgewachsen bin, von meinem Heimatort, wie er damals war. Von der Geschichte auch, der politischen Geschichte vor allem.
Sie würden nicht über Yorkshire im Jahr 2009 schreiben wollen?
Über was würde ich schreiben? Ich habe zum Beispiel ein Buch mit dem Titel "GB84" geschrieben über den Streik der Bergarbeiter, das war 2003. Und ich glaube jetzt, dass ich dieses Buch zu früh geschrieben habe. Zwei Probleme gibt es, wenn man über die Gegenwart schreibt oder über gerade erst vergangene Geschichte: Erstens, wie definieren Sie "Gegenwart" überhaupt? Zweitens, um über die Vergangenheit schreiben zu können, müssen Sie eine bestimmte Perspektive erreichen, Sie brauchen Zeit, um darüber nachzudenken, Zeit, um es zu verstehen. Ich erinnere mich, nach 9/11 schrieben viele englische Kollegen über die Anschläge - aber warum? Man wusste doch nichts, man konnte nur reagieren. Man betreibt eine Art Journalismus. Das ist keine Literatur, es fehlt die Perspektive. Das heißt, natürlich können Sie so etwas schreiben, aber was würden Sie lernen, was Sie nicht aus der Zeitung erfahren können?
John Updike etwa versuchte, in seinem Roman "Terrorist" in die Haut eines jungen Muslims zu schlüpfen.
Ja, das machen Leute, aber ich denke nicht, dass sie Erfolg haben. Meiner Meinung nach erkennen Sie darin nur das Ego des Autors, er will sein Ego gegen die Gegenwart antreten lassen. Nehmen Sie den 11. September, diese Geschichte ist nicht vorbei. Gerade wieder wurden in Afghanistan fünf britische Soldaten getötet, sie sind nur wegen des 11. Septembers in Afghanistan. Nichts ist abgeschlossen, wie würden Sie also darüber einen Roman schreiben?
Müssen Dinge abgeschlossen sein, um sie zu verstehen?
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