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01. September 2009

Interview mit dem chinesischen Verleger Li Pengyi: "Meine Mutter kann nicht lesen"

Auf einem Markt in Peking im schönen Mai 2006: Einer von 1,3 Milliarden Chinesen. Foto: afp

Li Pengyi, führender Kader der KP China und Chef eines der größten Verlage der Volksrepublik spricht mit der Frankfurter Rundschau darüber, wie er im Autrag der Partei ein Staatsunternehmen fit für den Markt macht.

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Uns interessiert die Idee, dass Sie eine sozialistische Industrie in ein kapitalistische Industrie verwandeln sollen.

Das ist ihr Verständnis der Sache. Aber wir sind immer noch ein sozialistisches System. Glauben Sie nicht? Das Fundament ist immer noch sozialistisch, aber es hat chinesische Eigenschaften. So hat Deng Xiaoping das vor etwa zwanzig Jahren genannt. Und wir glauben das. Wir sind noch immer auf einem sozialistischen Weg, aber eben mit einigen chinesischen Eigenschaften. Was heißt das? Marxismus oder Leninismus sagen, sozialistische Gesellschaften können nicht den Weg Richtung Marktwirtschaft einschlagen. Aber genau das machen wir. Das ist ein neuer Ansatz. Wir machen hier Geschichte.

Sie haben Marxismus-Leninismus studiert. Sie sind ein Partei-Mann...

...ja, wir werden immer noch von der Partei geführt.

Vor 30 Jahren wurden Menschen, die eine Art sozialistische Marktwirtschaft einführen wollten, von Ihrer Partei Revisionisten genannt.

Ja.

Und Sie haben da ihre Meinung geändert.

Ja. Wir haben unsere Meinung geändert. Oder eher: Die Partei hat ihre Meinung geändert. Diese Meinung hat dazu geführt, dass die chinesische Wirtschaft sich fortentwickelt hat. Jetzt, nach dreißig Jahren einer Politik der Öffnung, können Sie die Ergebnisse und Erfolge sehen.

Sie wollen also ihren Verlag fit für den Markt machen?

Nicht nur diesen Verlag. Die Zentralregierung will alle Verlage marktwirtschaftlich machen, bis auf vier: Peoples Press, der Verlag für Politik und Marxismus. Publishing House for Tibetan Studies, drittens, Verlag für ethnische Minderheinte, und der Verlag für die Blinden. Diese vier Verlage brauchen Unterstützung der Regierung. Alle anderen werden marktwirtschaftlich werden.

Aber ihr persönlicher Job ist, diesen Verlag zu reformieren.

Ja. Ich bin der Parteisekretär und Vize-Präsident des Verlages. Wir haben auch einen Präsidenten, der stellvertretender Parteichef ist. Wir haben also zwei Bosse neben einander, wobei der Präsident die Nummer eins ist.

Was sind denn die Hauptmaßnahmen, die Sie ergreifen müssen, um marktwirtschaftlich zu werden?

Die Organisation dieses Verlags ist schon selbst eine Maßnahme für den Gang in diese Richtung. Vor sieben Jahren war der Verlag ein Arm der Regierung, Teil von GAPP (General Administration of Press and Publication). Vor sieben Jahren beschloss die Regierung, die China Publishing Group zu gründen, damit die Verlage die GAPP verlassen können.

Aber Sie sind doch noch hier - als Partei-Mann.

Ja, viele von uns sind Parteimitglieder. Ich sage ihnen die Wahrheit: Alle Mitglieder unseres Vorstands sind Parteimitglieder. Wir haben in China über 70 Millionen Parteimitglieder.

Es ist also unmöglich, etwas ohne die Partei zu machen.

Ja, das ist unser System. Der Parteisekretär Hu Jintao ist auch Präsident des Landes und Oberbefehlshaber der Armee.

Und die zweite Maßnahme.

Die Trennung zwischen Regierung und Verlagen. Wir heißen China Publishing Group. Für die ersten fünf Jahre war es kein Unternehmen. Sondern es war weder Regierungsinstitution noch Unternehmen. Erst ab 2007 wurde es ein richtiges Unternehmen, das als solches registriert ist im Handelsregister. Seitdem sind wir ein richtiges Wirtschaftsunternehmen.

Was heißt das? Machen Sie Profite?

Ja, natürlich.

Aber sie machen Profite, weil Sie ein Monopol haben, auf ein wichtiges Lexikon.

Das ist kein Monopol. Alle Verlage können Lexika herausgeben.

Aber alle Schüler in China müssen Ihr Lexikon kaufen.

Nein, sie müssen nicht. Das ist ein falscher Eindruck. Weil unsere Lexika sehr gut sind, werden sie von vielen Lehrern empfohlen. Sehen Sie, ich bin erst seit zwei Jahren Vize-Präsident dieses Verlags. Vorher war ich bei einem anderen Verlag, der sehr groß ist. Er heißt Foreign Language Teaching and Research Press. Dort war ich 15 Jahre lang Präsident. Wir waren scharfe Wettbewerber von Commercial Press.

Commercial Press hat Sie also abgeworben, um Ihr Wissen über den Konkurrenten zu bekommen?

So können Sie das verstehen. Aber bevor ich hierher gekommen bin, habe ich bei FLTRP ein anderes Lexikon herausgegeben, das heißt Standard Modern Chinese Dictionary. Das von Commercial Press heißt Modern Chinese Dictionary. Wir sind sehr scharfe Konkurrenten.

Aber wie funktioniert der Wettbewerb? Da die Lehrer ihren Schülern ein Lexikon empfehlen, bearbeiten sie die Schüler, nicht die Lehrer?

Erstens geben wir viel Geld aus. Vor zehn Jahren haben wir bei FLTRP fünf Millionen RMB ausgegeben, um das Recht zu bekommen, das Lexikon herauszugeben. Das war für die Autoren. Wir haben damals vor allem Bücher in ausländischen Sprachen herausgegeben, insgesamt über vierzig. Aber wir wollten nicht nur ein Fremdsprachenverlag sein, sondern auch auf chinesisch veröffentlichen. Wir wollten auch Wissenschaftstexte verlegen usw. Aber weil unsere Marke für den chinesischen Markt nicht so gut war, haben wir ein chinesisches Lexikon herausgegeben. Die Autoren glaubten nicht, dass wir das schaffen könnten. Als das Lexikon dann herauskam, mussten wir Marketing machen. Zwei Jahre bin ich selbst in viele Provinzen, Städte, an Universitäten und in Schulen gegangen, um das Lexikon zu vertreiben. Im ersten Jahr verkauften wir 200.000 Exemplare. Das war nicht schlecht, aber weil das Lexikon von Commercial Press so etabliert war, konnten wir damit nicht mithalten. FLTRP verkauft sein Lexikon immer noch. Und ich bin immer noch Ehren-Präsident von FLTRP.

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