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Kultur
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31. August 2010

Interview: Mit den Toten reden

Moskau in den 1930er Jahren: Diese Besucher einer Flugshow hatten sicher viel zu erzählen.  Foto: Getty Images

Der Historiker Karl Schlögel spricht mit Walter Sperling und Alexander Kraus über die Vergegenwärtigung von Geschichte und die Verantwortung seiner Zunft; er plädiert für geschichtliches Wissen und kommunikative Kompetenz.

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In Ihren Vorträgen, Essays und vor allem in Ihrem Buch „Im Raume lesen wir die Zeit“ fordern Sie die Historiker auf, die Augen aufzureißen und die Dinge neu zu erkennen. „Augenarbeit“ scheint bei Ihnen eine Metapher zu sein, die nicht nur für den Raum gilt. Schreiben Historiker ihre Geschichten blind?

Blind nicht, aber mit verschiedenen Augen und Sehschärfen und verschiedenen Perspektiven. Wenn ich mich dafür stark mache, die Sinne ins Spiel zu bringen, die Augen und Ohren aufzumachen, dann ist es eigentlich ein sehr starkes Plädoyer für die Herstellung einer unmittelbaren Beziehung zwischen dem Historiker und seinem Gegenstand. Kritiker könnten sagen, das sei eine Fetischisierung, eine naive Vorstellung von Herstellung einer unmittelbaren Beziehung. Ich bleibe jedoch dabei und spreche jetzt einfach nur von meiner Erfahrung, weil sie allein für mich ausschlaggebend ist, dafür, wie weit man kommt, um sich bestimmte Dinge klar und eine Geschichte plausibel zu machen. Ich bin der Auffassung, dass tatsächlich die Herstellung – oder fast der Kampf um die Herstellung – einer unmittelbaren Beziehung zwischen dem Historiker und der Zeit, den Epochen, den Personen, den Gegenständen von zentraler Bedeutung ist und dazu eine der schwierigsten Angelegenheiten überhaupt.

Handelt es sich also um ein hoffnungsloses Unterfangen?

Das stimmt. Aber ich meine damit folgendes: Ich glaube, von Fichte gibt es diesen Satz, der ungefähr so lautet, ich habe ihn nicht genau im Kopf: Die Philosophie eines Menschen ist so, wie dieser Mensch geschaffen ist. Auch die Geschichten, die einer produziert, sehen meiner Meinung nach so aus wie der Mensch, der sie schreibt. Und das heißt, seine Art, wie er mit den geschichtlichen Gegenständen umgeht, wird in gewisser Weise in der Zeit, in der der Historiker lebt, produziert, konditioniert und geformt.

Und wie muss eine Geschichte beschaffen sein, um die Vergangenheit adäquat abzubilden?

Es gibt da Register von Abstufungen, Fähigkeiten, Beschränkungen und so weiter. Für mich ist zum Beispiel Reichtum ein wichtiges Kriterium für geschichtliche Wahrnehmung. Ob eine Wahrnehmung reich ist oder arm, ob sie sich nur an einem Text festmacht oder ob sie verschiedene Formen der geschichtlichen Wirklichkeit ins Spiel bringt. Alles an einer Sache aufzuhängen, ist natürlich auch möglich und wird auch mit sehr großem Gewinn betrieben. Aber für mich sind Reichtum und Komplexität der Darstellung ganz wichtige Kategorien. Das ist das, was Fichte meinte, also die Fähigkeit, die historische Welt in ihrer Totalität wahrzunehmen. Und das bildet sich im Umgang mit der jetzigen Welt aus.

Die Geschichte und Gegenwart von Historikern spiegelt sich also in den Geschichten, die sie erzählen. Dass Geschichtsschreibung über die Fragen und Probleme der Gegenwart ihre Themen findet, steht außer Frage. Doch läuft man als Historiker nicht Gefahr, Geschichte zu sehr mit den Eindrücken der Gegenwart zu überdecken?

Mein Umgang mit den historischen Personen, vielleicht wird Sie das erstaunen, bildet sich im Hier und Jetzt aus, im Umgang mit den jetzt Lebenden. Ob ich gegenüber den vergangenen Generationen sozusagen von oben herab spreche oder sie zu Wort kommen lasse, ob ich mir sie anhöre oder belehre, bildet sich in der Gegenwart aus. Für mich ist das eine ganz zentrale philosophische Angelegenheit. Ich gehe mit dem historischen Personal so um, wie ich in der Gegenwart mit Personen umgehe. Das heißt, es gibt einen herrschaftlichen Umgang, von oben herab, eine Stimme, die ständig belehrt und alles weiß, besser weiß. Es gibt aber auch einen Umgang von unten nach oben. Ich würde ihn den subalternen Blick nennen, der sich nicht zutraut, von Gleich zu Gleich zu sprechen.

Wie lässt sich dieser subalterne Blick vermeiden?

Ich denke, dass es eine der größten Schwierigkeiten für Historiker ist, eine Position herzustellen, von der aus man mit den vergangenen Generationen auf einer Ebene sprechen kann. Das ist ein ganz großes Problem der historischen und intergenerationellen Kommunikation. Ich würde sagen, es gehört fast ein Historikerleben dazu, diese Umgangssicherheit mit den Toten zu gewinnen, mit ihnen von Gleich zu Gleich zu sprechen. Nicht von oben herab und nicht von unten herauf. Nicht herrschaftlich und nicht subaltern. Ja, und die Schwierigkeit, das wissen Sie, besteht darin, dass wir die Aktiven mimen, die Toten aber zum Schweigen verurteilt sind. Sie schweigen, sie hängen davon ab, ob wir sie zu Wort kommen lassen oder nicht. Wenn wir das nicht tun, fallen sie einfach raus. Dies ist ein Privileg der Macht, das wir einfach dadurch besitzen, dass wir leben. Mit den Toten verantwortlich umzugehen, ist einer der ganz wichtigen Aspekte dessen, was ich als historische Kultur bezeichne oder als Kultur des historischen Umgangs.

Sie haben die Notwendigkeit angedeutet, eine möglichst unmittelbare Beziehung zur Vergangenheit herzustellen, und über die Verantwortung der Historiker gegenüber den Toten gesprochen. Doch wann weiß man, dass man den Ton getroffen hat? Letztendlich führt doch jeder Historiker einen permanenten Dialog mit sich selbst, prüft, ob er den Bogen nicht überspannt hat, ob das, was er niedergeschrieben hat, seine Quellen greift. Ob der Ton stimmt, kann häufig ja kein anderer Historiker besser beurteilen als man selbst.

Nein, ich würde sagen, man ist in erster Linie mit den Anderen, nicht mehr Lebenden, im Dialog, man arbeitet sich an diesem Anderen ab, mit dem man ja eine Gesprächsebene finden muss. Dann ist für mich auch der Ton getroffen, wenn ich mit dem Anderen vis-à-vis bin, wenn wir uns auf Augenhöhe wiederfinden. Dazu gehört sehr viel, dazu gehört Kompetenz, also wenn ich mit diesem Toten rede, dann muss ich mich in der Zeit auskennen, muss die Begriffe, die in dieser Zeit vorherrschend waren, kennen; ich kann da nicht als ahnungsloser Mensch auftreten, wenn ich ihm gerecht werden will. Die Anstrengung ist eine des Zugehens, des sich Hineinarbeitens in diesen Anderen und seine Welt. Mit Empathie allein ist es nicht getan, sondern es geht um geschichtliches Wissen und kommunikative Kompetenz. Ich habe keine Ambitionen gegenüber diesem Anderen, ich möchte ihm nichts beibringen. Mein Ziel ist eigentlich eine gemeinsame Sprache mit dem Anderen zu finden.

Inwieweit geht es dabei um eine Belehrung des Lesers?

Ich möchte auch dem Leser nichts beibringen, ihn nicht belehren, aber nicht deswegen, weil ich ihn nicht belehren möchte, sondern weil das nicht mein Job ist. Mein Job ist nicht, eine Lehre zu vermitteln, sondern mir eine Situation zu vergegenwärtigen. Es geht um Vergegenwärtigungsarbeit. Das ist eigentlich für mich der Zentralbegriff. Für die meisten Historiker ist das zu wenig. Sie wollen immer eine Generalisierung. Sie wollen eine Schlussthese, sie wollen eine Einsicht, die man sozusagen mitnehmen kann, aber das ist für mich nicht primär. Meine Hauptanstrengung geht auf Vergegenwärtigung und Erschließung des Zeit- und Erfahrungshorizonts, aus dem wir qua Geburt ausgeschlossen sind.

Was ist dann die eigentliche Arbeit des Historikers?

Mir kommt es so vor, als ob die Arbeit von Historikern darauf hinausläuft, eine Kommunikation über die Generationsdifferenz hinweg herzustellen, also eine Kommunikation über die Zeit hinweg. Diese Vergegenwärtigung, das intergenerationelle Gespräch, verläuft nicht ohne Anstrengung, wir verbrennen dabei. Unsere ganze Lebensenergie geht dabei drauf. Wir verausgaben in dieser Anstrengung unsere Lebenskräfte.

Herr Schlögel, Sie haben gesagt, man verbrennt bei der Vergegenwärtigungsarbeit.

Ja, ich glaube das wirklich.

Interview: Walter Sperling und Alexander Kraus

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