Ein Interview mit Deutschlands berühmtestem Schriftsteller ist ein Kampf gegen die Redeflut, mit der dieser erstaunlich vitale Mann, der am 16. Oktober zweiundachtzig wird, den Interviewer schier überschwemmt. Denn was er sagt, kennt man schon alles. Eingesunken sitzt er mir in seinem Lübecker Büro, dem "Grasshaus", das von Hilke Ohsoling, einer spritzigen Sylterin mittleren Alters, verwaltet wird, gegenüber. Zuvor hat mich die lebhafte Dame kundig durch die zwei Etagen geführt, in denen ich die Lithographien, Skulpturen und Entwürfe des, wie man weiß, nicht nur schreibenden, sondern auch bildenden Künstlers besichtigen durfte, Pilze und Kochmützen als Phalli, liegende Knaben mit hochaufgerichtetem Glied, in Bronze gegossene Buchseiten, Selbstporträts, tanzende Paare.
Günter Grass, ungefärbt schwarzhaarig, präsentiert sich unübersehbar als ein Ausbund an Sinnlichkeit. Helmut Frielinghaus, sein Lektor, dessen Vermittlung ich das Treffen verdanke, hatte mir, dem vor der Begegnung mit dem Literaturgiganten Bangenden, beruhigend versichert: "Keine Angst, er spricht gern." Aus den zwei Stunden, die mir für das Interview versprochen waren, wurden fast fünf. Als ich längst keine Fragen mehr hatte und meine Widerstandskraft gegen die redselige Lebensfreude des um zwanzig Jahre Älteren allmählich erlahmte, kam aus einem Nebenraum seine Ehefrau Ute, die ihn chauffiert hatte, da er keinen Führerschein besitzt. Grass wohnt zurückgezogen in Behlendorf, fünfundzwanzig Kilometer von Lübeck entfernt. Das Frühjahr verbringt er in seinem Haus in Dänemark, den Herbst in Portugal.
André Müller, Jg. 1946, ist österreichischer Journalist und Schriftsteller. Bekannt wurde er einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Interviews mit prominenten Zeitgenossen wie Claus Peymann, Arno Breker, Loriot, Joschka Fischer, Thomas Bernhard, Leni Riefenstahl, Karl Lagerfeld, Harald Schmidt , Peter Handke, Rainer Werner Fassbinder und Alice Schwarzer, die teilweise auch als Buch erschienen sind. Im Jahr 2000 erhielt Müller den Ben-Witter-Preis.
Nun spielte man einander zu Weißwein und der obligaten Pfeife, die immer wieder erlosch, da man nicht gleichzeitig sprechen und rauchen kann, Anekdoten zu: "Erzähl du! Du kannst das besser." Ein Beispiel: In Danzig, dem Geburtsort des Dichters, sollte ihm ein Denkmal errichtet werden, gegen das er sich, da er noch nicht tot sei, verwahrte. Als Ersatz schlug er vor, die Wohnungen jener Altbauten, in denen es immer noch von mehreren Mietparteien zu benutzende Etagenklos gebe, mit eigenen Toiletten auszustatten, die man zum Gedenken an den großen Sohn als "Grasstoiletten" bezeichnen möge.
Besonders liebt er es, mit Kollegen verwechselt zu werden. Nach einer Lesung im Berliner Theater am Schiffbauerdamm drei Tage vor dem Interview bat ihn eine junge Dame um ein Autogramm. Sie sei zwar gerade auf dem Weg, sich in die Kondolenzliste für den verstorbenen Michael Jackson einzutragen. "Aber Sie leben ja noch, Herr Wallraff." Großes Gelächter.
Ausführlich berichtete Grass auch über seinen nächsten Roman ("Grimms Wörter"), der in einem Jahr erscheint, ließ mir aber nach dem Gespräch ausrichten, ich solle das bitteschön nicht verwenden, damit keine unerwünschten Nachfragen kämen. In den opulenten, mit hocherotischen Zeichnungen ausgestatteten Gedichtband "Letzte Tänze" schrieb er mir: "Für André Müller nach einem vergnüglichen Gespräch ...". Als ich im Grass-Buchladen, der sich im Parterre befindet, dem Verkäufer gegenüber meine Bewunderung für die enorme Produktivität seines Herrn ausdrückte, riet mir der launige Buchhändler: "Rauchen Sie Pfeife und trinken Sie Rotwein! Vielleicht funktioniert´s". Günter Grass aber, so hatte er mir versichert, trinkt beim Schreiben ausschließlich Tee.
Sie werden im Herbst zweiundachtzig. Ihre Schaffenskraft ist ungebrochen.
Ja, gegen alle Widerstände.
In Ihrem autobiografischen Roman "Die Box" wundern sich Ihre Kinder, Zitat, "wie er das jedes Mal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten". Eine Erklärung dafür haben die Kinder nicht.
Ich habe auch keine Erklärung. Ich bin ja selbst überrascht, aber auch dankbar. Bei meinen Lesungen sitzen drei Generationen im Saal, das freut mich. Meine Söhne und Töchter, die inzwischen alle erwachsen sind, schütteln manchmal den Kopf über mich, weil ich immer noch weitermache. Die sind der Meinung, dass ich mich jetzt mehr zurücknehmen und ruhiger werden und das Alter genießen sollte. Aber es hilft nichts. Ich kann nicht anders als schreiben.
Als Sie Ihren ersten und bis heute berühmtesten Roman "Die Blechtrommel" begannen, der vor fünfzig Jahren erschien, hat Sie, so sagten Sie, die Sprache "als Durchfall erwischt". Ja, und der Durchfall hält an, wenn Sie so wollen. Man ist verblüfft und auch erschrocken als Autor, wenn man sich bei schreibender Arbeit plötzlich wie ein Instrument fühlt. Die Figuren gewinnen eine Selbstständigkeit, und man erkennt, dass die Literatur ein Eigenleben entwickelt.
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