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20. August 2009

Interview mit Herta Müller: "Die Sprache sollte schön sein"

Die rumänisch-deutsche Schriftstellerin Herta Müller. Foto: dpa

Herta Müller spricht mit der Frankfurter Rundschau über ihren Roman "Atemschaukel" und ihre Arbeit mit dem Lyriker Oskar Pastior, der als Rumäniendeutscher in einem russischen Lager interniert war.

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Zur Person

Herta Müller wurde im deutschsprachigen rumänischen Banat geboren. Nach dem Abitur studierte sie an der Universität des Westens Timişoara Germanistik und rumänische Literatur. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde allerdings 1979 nach ihrer Weigerung, mit der rumänischen Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit zeitweiliger Lehrtätigkeit in Schulen und Kindergärten sowie mit privatem Deutschunterricht.

Ihr erstes Buch Niederungen konnte 1982 in Rumänien, wie alle Publikationen, nur in zensierter Fassung erscheinen.

1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus. In den folgenden Jahren erhielt sie eine Reihe von Lehraufträgen als "Writer in residence" an Universitäten im In- und Ausland. 2005 war sie "Heiner-Müller-Gastprofessorin" an der Freien Universität in Berlin, wo sie heute lebt.

Warum war die Deportation der deutschen Minderheit ein Tabuthema in Rumänien?

Es geht vom Zweiten Weltkrieg aus, Rumänien war zeitweilig an der Seite Hitlers, kurz vor Kriegsende hat es die Seiten gewechselt. Nach dem Krieg wurde die rumänische Geschichte gefälscht: man hat nur von der siegreichen Sowjetarmee gesprochen, als ob das andere nicht stattgefunden hätte. Die Sowjets verlangten von Rumänien für die Beseitigung der Kriegsschäden die deutsche Minderheit, obwohl die rumänische Armee auch in Stalingrad war. Weil das Thema an diese Verstrickung mit Hitler erinnerte, wollten die Rumänen nichts davon wissen. In der Ukraine wussten die Leute auch nicht, dass es diese Arbeitslager gab. Die Sowjets hatten alle Spuren beseitigt, auch die Friedhöfe.

Wie lief eure Zusammenarbeit ab? Gab es manchmal Meinungsverschiedenheiten?

Oskar Pastior hat erzählt, ich habe aufgeschrieben. Ich wollte wissen, was ein Mensch in so einer Situation fühlt und habe nach den winzigsten Kleinigkeiten gefragt. Oskar Pastior hat das Lager und das Kokswerk auch aufgezeichnet. Er hat sich an alle Details erinnert, schon damals muss seine Wahrnehmung sehr genau gewesen sein, denn man erinnert ja nichts, das einen in der Zeit des Erlebens nicht beschäftigt hat. Seine Fantasie hat ihn im Lager gerettet. Einerseits sah er mehr, das Unerträgliche wurde damit stärker, aber er konnte sich auch als Einzelner bewahren. Seine detaillierten Erinnerungen waren ein Glücksfall, denn die anderen Überlebenden, die ich befragt habe, konnten nicht über sich reden, sie hatten keine Sprache für ihre Gefühle. Es kamen immer nur Klischees: Man hätte gelitten, was haben wir durchgemacht... Klischees, mit denen man nichts anfangen kann.

Natürlich hatte Oskar Pastior ein anderes Vokabular als ich, und seine Situation war anders: Er musste beim Erzählen aus dem Lager heraus, ich musste hinein. Er hat oft gezögert, Dinge so zu schreiben, dass sie dem Text zugute kommen, denn er sah die Personen, um die es ging, ja konkret vor sich. Die Ich-Person durfte auch nicht besser dastehen als die anderen, was er eigentlich nicht wollte, aber dann doch ein bisschen. Ich wusste nicht, dass Prosa so schwer ist, hat er öfters gesagt.

Er ging mit seiner Homosexualität immer sehr diskret um. Störte es ihn, dass die Hauptfigur homosexuell ist?

Es sollte vorkommen, Oskar Pastior hat nur gesagt: nicht zu viel. Ich hoffe, das habe ich eingelöst. Im Lager durfte er das nicht zeigen, die Mitdeportierten hätten ihn gelyncht. Natürlich hat es trotzdem eine Rolle gespielt, davor und danach. In Rumänien kam man ins Gefängnis dafür. Nach fünf Jahren Lager kommt er aus diesem Grenzzustand nach Hause und muss das Privateste weiter verstecken. Das war auch ein Grund, warum er die Deportation anfangs als Abenteuer empfand: Er wollte von zu Hause und aus der Kleinstadt weg.

2004 habt ihr eine Recherche-Reise in die Ukraine gemacht. Wie war das?

Ich hatte Angst, dass Oskar Pastior es nicht aushält, aber er war wie ein Heimgekehrter, der von "unserem Lager" sprach, "meinem" sogar. Er hat uns alles gezeigt, sogar den Zeppelin, das Liebesversteck, gab es noch. Aber alles war wieder kaputt - meine Arbeit hier war umsonst, sagte Oskar Pastior traurig. Er hat sich stark mit dem Ort identifiziert und unglaublich viel gegessen, trotz seiner Diabetes. Auf dem Basar kaufte er Unmengen Süßigkeiten, weil er "dem Essen die Ehre erweisen" müsse. "Ich habe meine Seele gefüttert", meinte er. Er wurde auch nicht müde, ist den ganzen Tag herumgelaufen und konnte es nicht erwarten, morgens weiterzufahren, zum Beispiel nach Jassinowataja, wo seine Lieblingskohle herkommt. Es war eine Unruhe, ein fieberndes Erwarten.

Nur weil ich diese Landschaft gesehen hatte, konnte ich die Situationen erfinden. Oskar hatte keine Beziehung zu Pflanzen, er hat immer von Lavendel gesprochen - das war aber Vogelwicke. Und er hatte ein Gebirgsvokabular, wenn er Landschaften beschrieb. Aber dort gibt es keine Berge, nur Abraumhalden.

Wie war das Gefühl beim Schreiben jetzt?

Es war immer der Tod von Oskar Pastior präsent, das habe ich mitgeschrieben. Ich konnte die Notizen lange Zeit nicht anschauen, weil diese Nähe zu ihm unerträglich war. Als ich mich nach einem dreiviertel Jahr aufgerafft und die Hefte wieder angeschaut habe, war mir klar, dass ich mich aus dem WIR heraus begeben muss, sonst geht gar nichts. Ich weiß nicht, wie es geworden wäre, wenn Oskar Pastior nicht gestorben wäre - wir hätten keinen Roman schreiben können, das wäre zu zweit nicht gegangen. Die meisten Dinge, die ich jetzt gemacht habe, sind nicht teilbar, auch für Oskar Pastior wären sie nicht teilbar gewesen. Er hat manchmal gesagt, jetzt mach du mal - dann haben wir doch wieder zusammen geschrieben. Nicht, weil wir uns gestritten haben, sondern weil wir an Grenzen gestoßen sind. Ich war natürlich auch nicht so frei, man hat immer den direkten Blick des Anderen dabei und kann sich daraus nicht lösen. Das ist auch ein Hemmschuh. Es gab ganz verschiedene Stücke: kurze, durchgearbeitete, dort habe ich nur ein bis zwei Sätze eingeschoben, aber die längeren Abschnitte waren oft nur Notizen und es gab keine durchgehenden Personen. Oft wusste ich über eine Figur oder eine Situation nur einen Satz. Ich habe dann versucht, zwischen den Personen eine Beziehung herzustellen, Spannung aufzubauen.

Dieser Roman ist viel lyrischer, strenger und knapper als die früheren. Hängt das, neben Oskar Pastiors Stimme, auch mit der Collagen-Arbeit zusammen?

Ganz bestimmt. Ich habe durch das Ausschneiden einen unmittelbaren Kontakt zum einzelnen Wort. Weil ich Texte auf kleine Karteikarten klebe, gibt es nur den streng bemessenen Platz. Es ist eine Schule des Kürzest-Schreibens, ich muss ja etwas bauen, das in sich geschlossen ist. Im Buch sind oft Formulierungen aus den Collagen aufgetaucht, diese Wörter sitzen im Kopf, und wenn ich an einem größeren Text arbeite, kommen sie wieder und verbinden sich mit anderen. Die Zumutung und die Katastrophe, die das Lager bedeuteten, sollten in der Sprache sichtbar werden; und die innere Verfeinerung der Person, die durch diese äußere Grobheit der Fakten stattfindet. Außerdem sollte die Sprache schön sein. Ich wollte diesem Ich so viel wie möglich geben, es sollte sich im Text behaupten - damit Oskar vielleicht sagen würde: ja, so war es. Oder: das tut mir gut.

Interview: Nicole Henneberg

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