Todesangst und Todessehnsucht spielen eine beträchtliche Rolle in Ihrem Buch über Nietzsche. Beschäftigt Sie der Tod sehr?
Ich halte die Beschäftigung mit dem Tod für eine der Grundvoraussetzungen für ein gelungenes, erfülltes Leben. Das ist ein uralter Gedanke, den ich teile. Durch den Tod wird einem bewusst, dass man nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung hat. Außerdem kann man ihn ohnehin nicht ignorieren: Er klopft an die Tür, er taucht in Träumen auf. Jeder hat unerklärliche Gefühle angesichts eigener runder Geburtstage oder des Todes eines Freunds oder Verwandten.
Hat Ihnen die Auseinandersetzung geholfen, Ihre eigene Angst vorm Tod zu bewältigen?
Zweifellos. Als ich als Therapeut begonnen habe, wollte ich unbedingt mehr Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Ich habe also begonnen, unheilbar kranke Krebspatienten zu behandeln. Das war damals noch sehr ungewöhnlich, weil der Tod ein solches Tabu war. Ich habe dabei sehr viel gelernt - auch über meine eigene Angst.
Was bedeutet Ihnen der Nietzsche-Satz "Stirb zur rechten Zeit", den Sie auch zitieren?
Er bedeutet, dass man sein Leben auch tatsächlich führen, dass man es buchstäblich konsumieren und voll auskosten muss. Nur dann stirbt man, ohne noch sehr viel ungelebtes Leben mit sich herumzutragen. Niemand möchte am Ende seines Lebens feststellen, dass er immer nur auf dem Wartegleis gestanden ist.
Interview: Julia Kospach
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