Ihr erstes Werk hat einen Skandal ausgelöst. Sie wurden öffentlich gedemütigt, Ihre kaum begonnene Karriere war erstmal zu Ende. Wie schlimm war das für Sie?
Ach, mir sind schon schlimmere Dinge in meinem Leben passiert. Es war eine surreale, schwierige Zeit, aber ich möchte sie nicht missen. "Tausend kleine Scherben" hatte ich als Literatur gedacht. Es sollte ein radikales, provokantes Kunstwerk werden und es sollte der Selbsthilfe-Industrie ins Gesicht spucken. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde es jedoch von genau dieser Industrie vereinnahmt. Die ganze Kontroverse hat es dann wieder in das zurückverwandelt, was es ursprünglich sein sollte - eine Provokation.
Ein selbstbewusster Mann ist dieser James Frey. Sein erster Roman "Tausend kleine Scherben" brachte ihm zwar viel Ärger ein, hat ihn aber auch sehr reich gemacht. 4,5 Millionen Mal soll sich "A Million Little Pieces" verkauft haben. Nun ist der dritte Roman des 1969 in Cleveland geborenen Autors erschienen: "Strahlend schöner Morgen" will anhand von L.A. den Städte-Roman neu erfinden:
James Frey: Strahlend schöner Morgen. Deutsch von Henning Ahrens. Ullstein Verlag, 590 Seiten, 22,90 Euro.
Lag das Problem wirklich nur in der Vermarktung?
Es ist belegt, dass ich das Manuskript dem Verleger als Roman angeboten habe. Der Verlag hat entschieden, es als Memoiren zu vermarkten, und ich habe da dummerweise mitgemacht.
Wann ging es wieder bergauf für Sie?
Seit meinem Zusammentreffen mit Norman Mailer kurz vor seinem Tod. Mailer ist der einzige amerikanische Schriftsteller, der genauso schlimm den Arsch versohlt bekommen hat wie ich. Ich konnte neun Monate lang nicht mehr auf die Straße gehen. Es gab 18 Klagen gegen mich, eine davon über 100 Millionen Dollar. Ich hatte keinen Agenten mehr und keinen Verleger. Es war eine komplette Katastrophe, ich hätte in dieser Situation keine Zeile schreiben können. Und dann kam dieser Anruf von einem Freund, dass Mailer sich mit mir treffen will - einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts! Mailer hat mir gesagt, dass er das Konzept von Memoiren insgesamt für großen Unfug hält. Ich solle das alles vergessen und mich auf meine Arbeit konzentrieren, darauf, große Literatur zu produzieren.
Hat er Ihnen geholfen, Ihre Identität als Schriftsteller wiederzufinden?
Instinktiv habe ich diese Dinge natürlich gewusst, aber wenn Norman Mailer einem das sagt, dann bestärkt das ungemein.
Warum werden Bücher so gerne als Memoiren vermarktet und gelesen?
Das ist etwas sehr Amerikanisches, eine merkwürdige Obsession mit der Wahrheit, mit Erlösungs- und Erweckungsgeschichten. Die Leute glauben, dadurch einen tieferen Bezug zu dem herstellen zu können, was sie lesen, als wenn es "nur" Literatur wäre.
Aber Wahrhaftigkeit anzustreben erfüllt doch einen Zweck, selbst wenn sie letztlich unerreichbar ist.
Nein, ich glaube, Wahrhaftigkeit ist irrelevant. Mailer hat gesagt, dass alle Fakten subjektiv sind, dass es keine uninterpretierten Tatsachen gibt. Mir bedeuten Fakten nichts. Für mich liegt die Wahrheit nicht in Tatsachen, sondern in Stimmungen und Sinneseindrücken.
Sind deshalb die Lexikoneinträge über Los Angeles in Ihrem neuen Roman zum Teil erfunden?
Ja, das mache ich aus Trotz. Ich wollte meine Informationen in "Strahlend schöner Morgen" so präsentieren, dass es unmöglich ist festzustellen, was erfunden ist und was nicht. Dadurch wollte ich dem Leser ganz klar machen, dass Tatsachen völlig irrelevant sind. Es verändert den Eindruck von Los Angeles nicht im Geringsten, wenn der Leser weiß, welche Beschreibung der Wahrheit entspricht und welche nicht.
Ich bin sehr stark von der bildenden Kunst beeinflusst, da sind Spiele mit Identität und Authentizität viel üblicher als in der Literatur. Literatur könnte viel mehr von diesem Spiel mit Masken gebrauchen. In den USA ist die Ausbildung zum Schriftsteller zu stark formalisiert, die lernen nicht mehr, radikal neue Sachen auszuprobieren. Dabei sollte es doch der Anspruch des Schriftstellers sein, Regeln zu brechen statt nur zu befolgen.
"Strahlend schöner Morgen" ist ein Roman über die Stadt Los Angeles. Haben Sie zur Vorbereitung "Berlin Alexanderplatz" gelesen, einen der großen Klassiker der Städteliteratur?
Nein, ich schaue nicht nach anderen. Ich glaube daran, meine eigene Tradition zu begründen. Ich möchte die Leute beeinflussen, die nach mir kommen, nicht umgekehrt. Ich wollte den Städteroman neu erfinden und den ultimativen L.A.-Roman schreiben.
Warum gab es den noch nicht?
Die Leute nehmen Los Angeles als Stadt nicht ernst, sie sehen darin einen seelenlosen, absurden Ort. Ich denke, L. A. hat den Versuch verdient, dass man ein Buch über die Stadt als Ganzes schreibt und es überrascht mich, dass es vor mir noch niemand versucht hat. Andere Schriftsteller konzentrieren sich auf spezielle Aspekte der Stadt: Raymond Chandler und James Ellroy auf das Verbrechen, Charles Bukowksi auf die Gestrandeten, Bruce Wagner auf Hollywood. Da die Stadt so amorph ist, fällt es schwer einen Weg zu finden, über sie als Ganzes zu schreiben. Man muss dazu formal neue Wege gehen.
Haben Sie mit der Collage-Technik und den scheinbar voneinander unabhängigen Erzählungen einen neuen Weg entdeckt?
Ja, ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, über die merkwürdig korrupte Geschichte der Stadt zu schreiben, ihre Geographie zu beschreiben, ihre wichtigsten Kulturen zu zeigen. Ich habe versucht, die Form des Buches der Stadt anzugleichen. Alles in meinem Buch kann auch für sich stehen - die enzyklopädischen Fakten, die Essays, die kleineren Erzählungen, die historischen Passagen - genau wie Los Angeles eine Ansammlung unzusammenhängender Orte ist. Trotzdem bilden diese Orte zusammen irgendwie dieses Ding.
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