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28. Mai 2009

Interview mit Jim Jarmusch: "Kino als Liebeserklärung an die Künstlichkeit"

Guter Stil, wenn Form und Inhalt zusammenfinden.  Foto: getty

Jim Jarmusch hat einen surrealen Thriller über Kunst gedreht: Eine Begegnung mit dem Regisseur von "The Limits of Control".

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Glücklich ein Filmfestival, dass auf einen neuen Jarmusch verzichten kann. Fest eingeplant für das Filmfestival von Cannes, fehlte Jim Jarmuschs neuer Film überraschend auf dem Spielplan. So findet die europäische Premiere eben in Deutschland statt, warum nicht? "The Limits of Control" ist ein film noir aus dem sonnigen Spanien. Ein wortkarger, heimatloser Killer (Issaac de Bankolé) reist zu immer neuen Aufträgen, über die ihn kleine Zettel in Streichholzschachteln informieren. Wahrhaft verzetteln könnte er sich eher in die Kunstdebatten, die ihre Überbringer immer wieder anschneiden - darunter Tilda Swinton als ätherischer Kinofan. Sie sagt zu ihm: "Die besten Filme sind jene, an die man sich wie an einen Traum erinnert, von dem man nicht weiß, ob man ihn wirklich geträumt hat."

"The Limits of Control" ist ein gutes Stück davon entfernt, ein solcher Kinotraum zu sein. Dazu fehlen ihm Geschmeidigkeit und Glätte, aber die sind wohl auch nicht gewünscht. Eher ist es ein Film über das Träumen, wie er wohl den Surrealisten gefallen hätte. Es ist ein Experiment in Spielfilmlänge, das ähnlichste, das es zu ihm gibt ist Hans Richters Episodenfilm "Dreams that Money Can Buy", an dem Max Ernst, Man Ray und Alexander Calder mitarbeiteten. Der Killer, der durch Jarmuschs Film geistert, ohne dabei einen Schuss abzugeben, wirkt wie ein Schlafwandler - oder der Protagonist in Jacques Tourneurs vom Regisseur hoch verehrtem Film "Ich folgte einem Zombie". Zwischen den Morden besucht er seine Lieblingsgemälde in Gemälde in Kunstmuseen. Und siehe da: Bilder haben von ihm nichts zu befürchten.

Jarmuschs Film ist natürlich vor allem selbst ein Kunstwerk, die Frage ist nur, ob es im normalen Kinobetrieb dafür noch einen Platz gibt. Die ebenso diskreten wie magischen Kinobilder fotografierte Wong Kar-wais langjähriger Kameramann Wong. Im folgende FR-Gespräch erzählt Jarmusch über seine Liebe zur bildenden Kunst sowie die Macht der Intuition und die Grenzen der Kontrolle bei der Arbeit an seinen Filmen. DaK

Ihr Film heißt "The Limits of Control". Sie gelten dagegen als ein Künstler, der sich sehr stark unter Kontrolle hat.

Das stimmt zu einem bestimmten Grad sicherlich. Aber ich verschließe mich auch nicht der Tatsache, dass wenn man einen Film dreht, alles, das man filmt, nur einmal passiert. Und bestimmte Dinge, die man kontrollieren möchte, einfach nicht zu kontrollieren sind. Das sollte man also als ein Geschenk betrachten, nicht als etwas Negatives. Ich habe einen Plan aber der ist wie eine Landkarte, die man ändern kann, und ich hoffe sehr, dass das passiert. Ich mag sorgfältige Dinge, aber ich will auch nicht immer wissen was passiert, denn das Unerwartete oder selbst die Fehler sind ja sehr oft Stärken. Vielleicht ist das etwas Widersprüchlich: Ich mag die Sorgfalt ebenso sehr wie das Unvorhersehbare. Ich will die Dinge nicht wegnehmen, die in diesem Zauberreich liegen, wo sie sich der Kontrolle entziehen.

Isaach De Bankole als geheimnisvoller Fremder in Jarmuschs The Limits of Control.
Isaach De Bankole als geheimnisvoller Fremder in Jarmuschs "The Limits of Control".
 Foto: ddp

Träumen Sie nie den Traum vieler Intellektueller, das Denken auszuschalten und sich einfach fallen zu lassen?

Ich folge meiner Intuition und nicht der Analyse. Von Semantik verstehe ich nichts. Zugleich aber bin ich ein großer Liebhaber der Form. Form und Stil erscheinen mir wunderschön und ich würde sie nie ausradieren, zertrümmern oder ihre Grenzen einrennen. Lieber umarme ich Form in der Musik, Dichtung, Literatur, Malerei und Design. Denn im Kino sind die größten Filmemacher für mich die Stilisten. Denn Geschichten sind begrenzt, es gibt nur eine begrenzte Anzahl davon, aber unendlich viele Formen und Stilarten. Eine utopische Sehnsucht nach einer befreiten Filmform, die anarchisch wäre, habe ich nicht, Obwohl ich sie gerne bei anderen Leuten sehe.

Ich Film hat viele solcher irrealen Momente.

Es ist eben kein Neo-Neorealismus. Es ist eine Liebeserklärung an die Künstlichkeit. Nicht im Hitchcock-Sinn, auf den würde ich mich nie beziehen. Er zeichnete ja vorher diese Storyboards und interessierte nicht für die Einflüsse während der Arbeit. Lieber ist mir Nicholas Ray. Er sagte, wenn man bloß das Drehbuch verfilmt, kann man es ja gleich lassen. Warum sollte man da noch mit dem Drehen anfangen? Ich könnte nicht arbeiten wie Hitchcock, denn meine Stärke ist die Intuition, nicht die intellektuelle Seite. Ich möchte, dass die mich leitet, nicht der Intellekt.

Sie zeigen dagegen einen Killer als Kunstfreund, der vor der Arbeit Gemäldegalerien besucht. Warum nur spanische Künstler?

Ich kam intuitiv dazu. Ich wollte diese Gemälde vermittelnd einzusetzen zwischen den unterschiedlichen Bildwelten innerhalb des Films. Antonio Lopez García halte ich für einen der besten spanischen Maler überhaupt, ich liebe diese Stadtansicht. Ich konnte nicht alle wichtigen Maler einschließen dafür reichte die Zeit nicht, deshalb gibt es nichts von Miguel Barceló, der ja eine Art Post-Tapiès ist. Ich habe ihn ein paar mal getroffen mag ihn ganz besonders. Es gibt im Reina-Sofia-Museum ein Gemälde von ihm, das den Louvre darstellt, nur Weiß auf Schwarz. Das finde ich interessant: Ein Gemälde eines Musuems in einem Museum. Aber es passte nicht mehr hinein in den Film.

Ihr Film "The Limits of Control" wirkt in seinen warmen und weichen Farben und Kontrasten dagegen ausgesprochen malerisch. Noch nie hat einer Ihrer Filme so ausgesehen. Ging es darum, dem Todesthema etwas Warmes und Irdisches entgegen zu setzen?

Klingt interessant. Die Struktur der Geschichte mit dem Killer, der immer weiter auf seinen Weg geschickt wird, um zu "performen", ist gar nicht so sehr metaphorisch gemeint. Es geht einfach um die Reise. Die Farben sollten dabei so aussehen, wie man sie auch mit den Augen sieht. Wir haben, was ungewöhnlich ist, auf einem eher blassen Material von Fuji gedreht weil wir von den sehr gesättigten, leuchtenden Kodak-Farben wegwollten. Weil uns die Farbpalette so immens wichtig war, machten wir uns eine Menge Gedanken darüber.

Ihr Film ist getragen von einer Skepsis gegenüber dem, was man sieht. Das ist etwas, das man eher von der Malerei erwarten würde: Dass eine Landschaft nicht mit dem Bildgegenstand identisch sein will, sondern die Bildhaftigkeit thematisiert. Im Kino erwarten wir das weniger, die meisten Kinobilder verstehen sich naturalistisch. Abgesehen natürlich von den Arbeiten der großen Filmkünstlern wie Antonioni.

Und einer ganzen Reihe anderer: Tarkowskij, all den guten europäischen Filmen, den russischen Stummfilmen. Auch das Kino hat diese Qualität - es kommt nur darauf an, wer es in den Händen hat.

Jedenfalls sehen wir zur Zeit eher weniger davon. In den Black Boxes der Museen scheint dagegen diese Filmkunst wieder zu kommen.

Ja, die visuell interessanteren Sachen passieren da.

Sind Sie nicht verführt, lieber Installationen zu machen, Filme für den Kunstkontext?

Nein, ich bin ein narrativer Filmemacher. Ich arbeite nicht rein visuell. Vielleicht bin ich auf der visuellen Ebene nicht gut genug. Wir sprachen ja gerade über Form, und ich sagte, ich bin ein Formalist. Und trotzdem haben meine Filme immer noch eine dreiaktige Struktur und ein kleines Nachspiel, so kommt es einfach aus mir heraus. Also fühle ich mich vielleicht nicht sicher genug, damit zu brechen für eine Museumsinstallation. Wo es keine Erwartung an eine Story gibt. Auch wenn dort vielleicht die größten Innovationen liegen

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