Wie wurde die Volksrepublik China Gastland der Frankfurter Buchmesse?
Wir nahmen uns viel Zeit. Wir haben den Verlagsmarkt beobachtet, rund 30 Jahre lang. Damals war die Frankfurter Buchmesse - gleich nach dem Goethe Institut - schon sehr früh nach der wirtschaftlichen Öffnung 1978 in China unterwegs. Mit Messe-Auftritten und Buchausstellungen, mit Fortbildungen für Verleger, später mit einem ständigen Außenbüro, dem BIZ. Vor einigen Jahren stellten wir fest, dass sich in der Verlagsbranche etwas bewegte: Private Verleger konnten plötzlich Titel publizieren, die vorher nicht möglich waren. Und staatliche Verlage haben mit privaten kooperiert, ganz offiziell. Vor einigen Jahren dann schien es, als stehe der chinesische Verlagsmarkt kurz davor, sich ausländischen Investoren zu öffnen. Da waren wir natürlich interessiert. Denn diese neue Dynamik in der Kultur war - und ist - spannend.
Was haben Sie den Chinesen anbieten können?
2004 legten wir die Karten auf den Tisch und sagten: In Frankfurt können wir Euch die Weltöffentlichkeit bieten für Eure Literatur, bei 10.000 Journalisten und rund 7000 Verlagen aus 100 Ländern. Für die chinesische Literatur kann das eine einmalige Chance sein. Die chinesische Seite sah das ähnlich. 2007 unterschrieben wir den Vertrag.
Und worauf haben Sie sich da geeinigt?
Sie möchten jetzt sicher die Interna aus den drei Jahren, die dazwischenliegen, wissen. Da kann ich nur verraten, was der Vertrag enthält. Ganz am Anfang einen Absatz darüber, wofür die Buchmesse steht: Für die Freiheit von Rede und Meinung, von Kunst und Wissenschaft. Den Chinesen war also klar, worauf sie sich einließen. Wir mussten bei dem Veranstalter des Gastlandauftritts - also GAPP (General Administration of Press and Publication, Zentralverwaltung für Presse und Publikation) - schon Überzeugungsarbeit leisten, damit sie das nötige Selbstbewusstsein haben. Sie lassen sich mit diesem Projekt ja auf die Weltöffentlichkeit ein: Wenn China dort im Mittelpunkt steht und nur ein konservatives, traditionelles und politisch korrektes Bild von sich zeichnet, hat es verloren. Das müssen wir GAPP bis heute immer wieder klarmachen.
Haben Sie ein Beispiel?
Zum Beispiel ärgern mich bis heute einige Namen auf der Liste der offiziell eingeladenen Autoren. Wenn diese Leute in Frankfurt auftreten, bin ich besorgt, dass sie ein negatives Chinabild vermitteln. Das verstehe ich oft nicht - China ist schon viel weiter, als es sich extern - also im Ausland gibt. In China ist sehr viel mehr möglich, als Westler vermuten. Andererseits weiß ich auch, dass China in Sachen Öffentlichkeit Fortschritte macht - und auch machen will. Die Entscheidung, sich in Frankfurt zu präsentieren, ist eine Chance, aber auch ein Risiko für die Regierung. Ich finde es bemerkenswert, dass das offizielle China diesen Schritt geht. Es ist ganz sicher ein Gesprächsangebot, das nicht ausgeschlagen werden sollte.
Sie sagen negatives Chinabild. Könnte man nicht auch sagen: realistisches Chinabild?
Es ist insofern ein realistisches Chinabild, als dass die Regierung manchmal immer noch solche Entscheidungen trifft. Aber das ist eben nicht alles: Die Regierung trifft beispielsweise auch die Entscheidung, die Verlagsbranche zu privatisieren, und gibt damit freiwillig ein Stück Kontrolle und Deutungshoheit auf. Das Leben in China ist heute sehr vielfältig, und nicht in allen Bereichen trifft die Regierung die Entscheidungen. Auch wenn es um die Liste der offiziell eingeladenen Schriftsteller geht, sind neben "Mainstream-Autoren" auch viele gute und mutige darunter. Stars wie Mo Yan etwa, oder Yu Hua, aber auch A Lai, Li Er, Xu Zechen und Tian Er.
Haben die keine Möglichkeit, selbst zur Buchmesse zu fahren?
Doch, natürlich hat jeder chinesische Autor theoretisch die Möglichkeit, selbst zur Buchmesse zu fahren. Es herrscht ja Reisefreiheit in China - was viele im Westen auch nicht wissen. Die Frankfurter Buchmesse stellt auch offizielle Einladungen aus, damit die chinesischen Messe-Besucher nach Deutschland einreisen können. Ein Hindernis ist natürlich das Finanzielle. Ich habe aber von einigen sehr guten Dichtern wie Zhai Yongming und Ouyang Jianghe gehört, die eigene Finanzmittel gefunden haben, um nach Frankfurt zu reisen. Es gibt auch weitere Männer und Frauen wie zum Beispiel der Autor und Maler Chen Danqing und die Autorin Hong Ying, die von deutschen Verlage und von Kulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut, DAAD oder der Böll-Stiftung eingeladen werden.
Wer die Buchmesse besucht, sollte also nicht nur den offiziellen Gastlandstand beachten, sondern auch das Begleitprogramm.
Ich würde nicht trennen - hier die Guten, dort die Schlechten. Es kommen rund 300 Verlage aus China - da kann ich jedem ausländischen Verleger nur raten, mit denen ins Gespräch zu kommen. Dazu kommt eine Vielzahl an internationalen Institutionen, Verlagen und NGOs, die ein eigenes Programm machen, im Falle Chinas sind es rund 220 Veranstaltungen, also gut die Hälfte des Gesamtprogramms zu China. Eingeladen sind etwa der Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian, oder Ma Jian, der mit seinem Reisebericht "Red Dust" die Erfahrungen des Tiananmen-Massakers verarbeitet.
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