Den Begriff "Vision" benutzen heute eher die Werber der Autobranche. Hat er sich abgenutzt?
Die Werbung hat da einiges abgenutzt, sicher. Die Leute können heute ja auch nicht mehr zwischen Mystik und Mythos unterscheiden, weil das so häufig und ungenau verwendet wird.
Trotzdem haben Sie für Ihren eigenen Film den Titel "Vision" ausgesucht.
Den habe nicht ich ausgesucht, sondern mein Produzent. Ich wollte ihn nur "Hildegard von Bingen" nennen. Aber er war für "Vision", weil es ein Wort ist, das in fast allen Sprachen funktioniert und verstanden wird. Mal sehen, vielleicht hat er ja Recht. Mit dem Marketing kennt er sich sicher besser aus, da halte ich mich raus.
Welche Vision treibt Sie selbst an?
Eine, die ich hatte, als ich mit 18 in Paris im Kino saß und Ingmar Bergmans "Das siebte Siegel" gesehen habe - da dachte ich: Das will ich auch einmal machen können. Das war ein Film übers Mittelalter. Und sehen Sie, wo ich nun gelandet bin.
Vision erfüllt.
Und zwar mehr, als mir bewusst war.
Wie meinen Sie das?
Als ich das Drehbuch für "Hildegard" schrieb, hatte ich immer dieses Bild vor Augen: Das neue Jahrtausend kommt, und die Menschen sind fest davon überzeugt, dass die Sonne am nächsten Morgen nicht mehr aufgehen wird. Ich schrieb die erste Szene: ein düsterer Himmel und ein dunkler Vogel, der dort oben kreist. So wollte ich das inszenieren. Dann wurde ich von der schwedischen Botschaft eingeladen, bei einer Veranstaltung nach Bergmans Tod etwas über den Regisseur zu erzählen. Ich suchte mir "Das siebte Siegel" für die Vorführung aus, und dann saß ich im Kino und sah genau diese Anfangsszene: weiter Himmel, dunkler Vogel. Ich dachte: Um Gottes willen, diese Bilder hattest du all die Jahre im Kopf, seit den frühen 60ern, und hast sie mit dir herumgetragen. Ich habe die Szene in meinem Drehbuch sofort gestrichen.
Die Cineasten hätte es entzückt
.Ja, gut - aber so schamlos darf man dann doch nicht abkupfern.
Interview: Thomas Wolff
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