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Interview mit Margarethe von Trotta: "Da müsste man mal den Papst fragen"

Regisseurin Margarethe von Trotta holt mit "Hildegard von Bingen" eine Heldin des Mittelalters ins Kino - mit der Frankfurter Rundschau spricht sie über über Himmel und Hölle und die Notwendigkeit von Visionen.

Die Regisseurin Margarethe von Trotta bei der Deutschland-Premiere des Kinofilms Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen.
Die Regisseurin Margarethe von Trotta bei der Deutschland-Premiere des Kinofilms "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen".
Foto: dpa

Frau von Trotta, das Mittelalter ist im Kino meist eine düstere Angelegenheit - bei Ihnen sind die Szenen oft von Licht und Luft erfüllt. Ein bewusster Gegenentwurf zur Optik von "Der Name der Rose"?

Das ist das alte Klischee vom dunklen Mittelalter. Die Renaissance und die Aufklärung haben vermittelt, dass wir das Mittelalter als dumpf und ignorant empfinden sollen. Aber Forscher haben doch inzwischen herausgefunden, wie bunt es war. Was wir heute von den Gebäuden sehen, sind die abgeblätterten Farbreste an den Mauern - nur in den Mosaiken sind die Farben in etwa erhalten geblieben.

Und die Bilder von rasselnden Ketten und düsteren Kerkern?

Gut, das gab es natürlich auch. Die Kirche hat stets gegen die Aufklärung gekämpft - das tut sie ja heute immer noch. Das sie heute immer noch nicht anerkennt, dass es Schwule gibt auf der Welt und dass das eine natürliche Lebensform ist - das ist doch unglaublich.

Wann wurde Ihre Filmheldin Hildegard von Bingen offiziell vom Vatikan zur Heiligen erklärt?

Gar nicht. Sie ist bis heute eine Volksheilige. Der Vatikan hat sie nicht anerkannt, obwohl das immer wieder von Ordensschwestern beantragt wurde. Vielleicht war sie nicht willfährig genug gewesen gegenüber den Kirchenfürsten. Andererseits hat sie ja die Menschen ermahnt, dass sie Habgier und Missgunst aufgeben - ganz den Richtlinien des Heiligen Benedikt entsprechend. Ihre Lehre kann es also nicht gewesen sein. Ich weiß es nicht. Da müsste man mal den Papst fragen.

"Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen", Trailer. Deutschland 2009

Sie war auf jeden Fall sehr wissensdurstig für eine Frau ihrer Zeit - und hat ihr eigenes Wissen öffentlich gemacht. Das war schon unerhört.

Genau diese Neugier finde ich faszinierend: Wie jemand bis ins hohe Alter so neugierig sei kann. Sie hat ja immer weiter studiert, geforscht, hat sogar eine eigene Sprache erfunden, die man bis heute nicht entschlüsseln kann. Das wäre natürlich unendlich spannend zu erfahren, was sie da niedergeschrieben hat.

Was vermuten Sie?

Vielleicht hat sie ihre Kritik am Klerus noch mal in schärferer Form niedergeschrieben. Aber eben nur im Geheimen - sie wollte ja nicht als Ketzerin gelten und der Grat war schmal, auf dem sie als Visionärin wandelte. Man glaubte ja noch an den Teufel, die Dämonen, die Hölle - all das war Hildegard und ihren Zeitgenossen ja gegenwärtig.

Wie haben Sie sich dieser Gedankenwelt angenähert?

Ich habe einige Biografien über sie gelesen, habe das Kloster in Eibingen besucht, das sie gegründet hat, mich mit den Schwestern dort unterhalten - die machten mich auf Hildegards Briefwechsel aufmerksam. Ich las, wie sie sich mit hohen Geistlichen wie Bernhard von Clairvaux austauschte, mit dem Mainzer Erzbischof, Äbten, Nonnen, Kaiser Barbarossa. Bis zum Papst ist sie gegangen und war da manchmal noch rabiater als ich sie im Film zeige.

Waren das Gefühle, die mit den unseren heute vergleichbar sind?

Es gibt Mittelalter-Forscher, die sagen, das sei fast wie eine andere Welt gewesen, mit Menschen ganz anderer Wesensart - die Gefühle viel exzessiver gelebt haben.

Wir können mit unseren Emotionen heute doch noch ganz schön heftig sein. Sowohl in unseren Aggressionen als auch in der Liebe - und bei Verlusten: Wie rabiat werden die Menschen heute, wenn ihnen das Liebste weggenommen wird. Wie viele Frauen und Männer werden aus Eifersucht getötet. Gut - wir sind inzwischen alle durch die Aufklärung gegangen ...

... und bei Hildegards Umgebung haben wir es mit Menschen sehr weit vor der Aufklärung zu tun...

... ja, die dachten halt noch, wir leben auf einer Scheibe, unter uns ist die Hölle und über uns der Himmel - das muss man sich natürlich vor Augen halten, dass es ein anderes Weltbild war und ein anderes Gefühl von Welt.

Was erzählt die Geschichte einer Mystikerin des 12. Jahrhunderts uns Menschen im 21. Jahrhundert?

Wie beim Rosa Luxemburg-Film habe ich versucht, das an der Geschichte zu betonen, was für uns heute wichtig sein kann. Der Film ist Mitte der 80er entstanden - damals war die Friedensbewegung stark, und da habe ich ihren Kampf gegen den Krieg besonders herausgestellt. Diesmal habe ich Dinge betont wie Hildegards ganzheitliche Vorstellung von Medizin - sie sagt: Erst muss die Seele heil werden, dann kann der Körper folgen. Oder ihre Einstellung zur Natur: Dass wir uns den Elementen gegenüber richtig verhalten müssen, damit sie sich nicht gegen uns wenden. Worte wie Umwelt und Naturschutz kannte sie natürlich noch nicht, aber ihre Haltung kann uns heute etwas sagen. Denn wir sind doch auf dem besten Weg, unsere eigene Existenz zu gefährden durch die Art und Weise, wie wir die Natur ausbeuten bis zum Geht-nicht-mehr.

Um ihr medizinisches Wissen wird heute ein ziemlicher Kult getrieben. Hat sie nicht vor allem zusammengetragen, was allgemein bekannt war?

Es war Klosterwissen; das hat sie nicht alles erfunden, aber sie hat es aufgeschrieben und dort weitergeforscht.

Warum ist dann gerade Hildegards "physica" ein solches Kultbuch geworden?

Na ja - ich bin gar nicht so sicher, dass das alles aus ihrer Feder stammt, was heute unter dem Logo "Hildegard-Medizin" verkauft wird. Aber das Geschäft floriert. In München zum Beispiel gibt es einen Hildegard-Arzt, der sagt, dass er auf ihrer Medizin aufbaut - und seine Praxis ist überlaufen.

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Datum:  28 | 9 | 2009
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