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Interview mit Marion Tiedtke: Der multiple Schauspieler

Was man heute als angehender Schauspieler so alles lernen muss. Ein Interview mit Marion Tiedtke, die die Frankfurter Schauspielschule leitet.

Marion Tiedtke ist seit einem Jahr Ausbildungsdirektorin für das Schaus-
piel an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.
Marion Tiedtke ist seit einem Jahr Ausbildungsdirektorin für das Schaus- piel an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.
Foto: Privat

Sie haben die Aufnahmeprüfungen hinter sich. Wie sind sie, die junge Frau und der junge Mann, die sich 2008 in den Kopf gesetzt haben, Schauspieler zu werden?

Natürlich ganz unterschiedlich. Die meisten kommen aus Theater-AGs und haben dort ihre Spiellust entdeckt. Längst nicht alle sind extrovertiert, es gibt viele, die eine große innere Emotionalität haben, aber schüchtern wirken. Die Bühne gibt ihnen die Möglichkeit, eine Art Maske aufzusetzen, sich so als Person zu befreien und Unerwartetes sichtbar zu machen.

Ist der Andrang immer noch so groß?

Durch die Studiengebühren sind es weniger geworden, es kommen ungefähr vierhundert. Ansonsten ist es wie überall: zwei Drittel der Bewerber sind Frauen. Das sich ändernde gesellschaftliche Bild des Mannes wirft für uns ein Problem auf. Das Drittel Männer wirkt fast immer typenhaft schmal, skurril oder feinsinnig. Das klassische Männerbild vom jugendlichen Helden kann kaum jemand mehr ausfüllen. Intendanten suchen, zum Teil händeringend, nach dem Typus "richtiger Mann". Die Männer bringen oftmals auch nicht den unbedingten Ausdruckswillen der Frauen mit.

Sie sind verklemmter?

Es wirkt so, ja. Sie haben vermutlich einfach weniger Freiräume in den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern der Erziehung, um sich zu zeigen, etwas auszuprobieren und sich uneingeschränkter zu entwickeln.

Der Platz in der Öffentlichkeit wird professionellen Schauspielern seit ein paar Jahren von Laien streitig gemacht, die kurz in Fernsehshows wie DSDS glänzen dürfen. Spielt das für kommende Schauspieler einen Rolle?

Nein, das ist kein Thema. Die kommen alle mit dem Wunsch, technische Fähigkeiten an die Hand zu bekommen, um professionelle Darsteller zu werden. Die meisten wollen sich außerdem mit Texten beschäftigen, die es ihnen ermöglichen, durch die Rolle neue Aspekte ihrer Person kennenzulernen. Auf die Frage, warum Theater, höre ich meist zwei Antworten: Ich möchte in andere Figuren schlüpfen und in einem Kollektiv arbeiten, das nicht nur auf Funktionalität ausgerichtet ist, sondern Freiheiten des sozialen Umgangs und der eigenen Phantasie bietet.

Lange Zeit war Schauspielerausbildung eine ziemlich klare Sache: Stimmbildung, Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten, auch in Tanzen, Singen, Fechten, vor allem Rollenstudium, dazu theoretischer Unterricht. Wie sieht es heute aus?

Die vier Säulen, Stimme, Körper, Rolle und Theorie sind geblieben. Man bildet den Stimmsitz aus, das Bewusstsein vom Körper im Raum als Instrument des Schauspielers, das Hineinschlüpfen in Rollen und die Auseinandersetzung mit Texten. Die Differenz zwischen psychologischem Theater im Westen und gesellschaftskritischem Verfremdungstheater im Osten spielt heute keine Rolle mehr. Heute existieren viele Spielweisen nebeneinander.

Der Vorwurf, der heute vielfach zu hören ist, dass Schauspieler nicht mehr sprechen könnten, ist auch ein Vorwurf an die Schauspielschulen.

Was die Stimmbildung betrifft, ist es in der Tat sehr kompliziert geworden. Die Ausbildung geht dahin, dass man den individuellen Schauspieler sucht, also die Schauspielerpersönlichkeit, die einen Hamlet zeigt, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Wenn man diese Persönlichkeit entwickeln will, kann man keinen normativen Sprachgestus vorgeben. Man muss versuchen, die persönliche Sprechweise aufzunehmen und technisch auszubilden. Das ist schwierig und deswegen gibt es auch nur ganz wenige gute Sprecherzieher in Deutschland. Außerdem hat sich die Darstellungsweise insgesamt minimalisiert. Man spielt nicht mehr mit so einem ausladenden Gestus und einer Rezitationskunst wie vor zwanzig Jahren. Es wird heute viel mit filmischen Mitteln auf dem Theater gearbeitet, der Sprachgestus ist schneller, alltäglicher und direkter geworden. Schaut man sich zum Beispiel die "Drei Schwestern" von Peter Stein von 1984 an, hört man, wie jeder Satz psychologisch ausdifferenziert wurde. In den "Drei Schwestern" von Andreas Kriegenburg von 2006 werden die Texte dagegen fast flächig behandelt als emotionale Zustände, in die sich die Figuren hineinbewegen und über die sie die Kontrolle verlieren. Früher hatte der gesprochene Text auch Vorrang vor der körperlichen Darstellung, das hat sich geändert. Nicht umsonst hat Kriegenburg in einem seiner ersten Interviews gesagt, dass ihn nicht unbedingt interessiere, was gesagt wird, sondern das, was nicht gesagt wird.

Wenn wir das jetzt auf den Unterricht übertragen: Was macht heute eine gute Schauspielausbildung aus?

Bewegungstechniken, Gesangstechniken, Stimmtechniken - der ganze technische Bereich muss nach wie vor klar vermittelt werden. Die Ausbildung muss darüber hinaus aber für die Vielfalt der Spielweisen, die es im Theater gibt, ein Bewusstsein schaffen. Und man muss die individuelle Künstlerpersönlichkeit entwickeln und ihr helfen, eigene Ausdrucksmittel zu finden. Das heißt Eigenverantwortung fördern.

Wodurch lernt der Schauspieler das?

Wir überlegen gerade, jeden Tag ein Zeitfenster von etwa 1 bis 2 Stunden zu setzen, wo die Studierenden eine Eigenarbeit weiterverfolgen. So wie Jacques Lecoq das in Paris gemacht hat. Da sagt nicht der inszenierende Schauspiellehrer, worum es geht, sondern der Student arbeitet an der Differenz zwischen dem, was er darstellen möchte und dem, was er bisher darstellen kann. Er lernt, sich seine Mittel bewusst zu machen.

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Datum:  20 | 8 | 2008
Seiten:  1 2
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