Johann Sebastian Bach wird von seiner Nachwelt nicht nur vergöttert, sondern auch vergöttlicht. Sein "Wohltemperiertes Klavier" sei das "Alte Testament eines jeden Klavierspielers", heißt es; der Cellist Mischa Maisky, und wohl nicht nur er, nennt die sechs Cello-Suiten eine Bibel, Ihr Pianistenkollege Murray Perahia schloss sich der Meinung Claude Debussys an, als er sagte: "In der Musik gibt es einen Gott, der ist Bach". Und auch Sie selbst sagten einmal, Bach habe für Sie "fast etwas Gottähnliches". Warum diese Fallhöhe?
Über Bachs Leben und Person haben wir ja relativ wenige Erkenntnisse. Er war gewiss ein lebensfroher, sinnenfroher Mensch, verkörperte aber in seiner Arbeitshaltung wohl eher ein auf das späte Mittelalter verweisendes Bild: Jeder wirke in aller Demut an seinem Platz, zu Ehren Gottes. Bach hat seine Zeit sicher so empfunden wie manch ein kritisches Individuum unsere Zeit empfindet, als allzu modernitätsorientiert, eine Welt, in der alles Mystisch-Spirituelle auf der Strecke bleibt. Gerade die aufdämmernde Zeit der Aufklärung muss den alten Bach doch arg irritiert haben. Da ist der zweite Band des "Wohltemperierten Klaviers" als ein Denkmal zu sehen, das Bach in eine Zeit setzte, in der die Fuge völlig out war.
Martin Stadtfeld, 1980 in Koblenz geboren, studierte an der Frankfurter Musikhochschule bei Lev Natochenny. Im Jahr 2002 sorgte er für Aufsehen, als er als erster bundesdeutscher Pianist den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann - ein Erster Preis, der zuvor 14 Jahre lang nicht vergeben worden war.
Seine 2004 erschienene Debüt-CD mit Bachs "Goldberg-Variationen" erreichte den Ersten Platz der deutschen Klassik-Charts; Martin Stadtfeld gilt seitdem als Bach-Pianist von besonderem Rang, dessen Interpretationen aufgrund ihrer zum Teil extrem subjektiven Ansätze immer wieder für Diskussionsstoff sorgen.
Auf seiner aktuellen CD widmet er sich dem ersten Band des "Wohltemperierten Klaviers" und stellt dabei den Präludien- und Fugen-Zyklus als ein Werk großer Kontraste und klangfarblicher Variabilität vor.
Im Februar wird Stadtfeld damit auch im Konzert zu erleben sein, unter anderem in Berlin, Dortmund und - am 5. Februar - in der Alten Oper Frankfurt.
Nicht alle Musiker glauben an Gott, aber alle glauben an Bach, sagte der Komponist Mauricio Kagel. Warum postuliert so etwas niemand über, sagen wir mal, Georg Friedrich Händel?
Ich würde für mich selbst nicht von "Gott"" sprechen, vielmehr von Gottesersatz. In Bachs Musik liegt eben unendlich viel Spiritualität, und Religiosität ist ja eine spezielle Form von Spiritualität. Man ahnt, wenn man diese Musik vor sich hat, dass es etwas gibt, das über das Greifbare hinausgeht. Georg Friedrich Händels Musik ist da viel zu erdverbunden, viel zu profan und anlassbezogen, während Bachs Musik immer auch unendlich weit über den Anlass hinausweist.
Das Konzerthaus Dortmund, wo Sie das "Wohltemperierte Klavier" auf CD eingespielt haben, hatte ein Plakat mit Ihnen entworfen, das 2007 vom Kommunikationsverband Deutschland e.V. mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden ist: Ein als Deckenfresko gemalter nackter Mann mit weißem Bart hält wie ein Puppenspieler die Fäden in der Hand, an deren Enden der Pianist Martin Stadtfeld hängt. Wer ist dieser Mann?
Sie meinen, ob das für mich jetzt Gott oder Bach ist? Bach ist mein musikalischer Gott, nicht mein "Lebensgott" - das würde das Ganze dann doch zu stark religiös aufladen. Dazu sehe ich mich weder als ausreichend religiösen Menschen noch auf der Suche nach einer Ersatzreligion. Ich sehe mich als spirituellen Menschen, der eine Gänsehaut bekommt, wenn er daran denkt, wie wenig wir begreifen von all dem um uns herum - ein Gefühl, das auch Bach gekannt haben dürfte.
Kommt es vor, dass Sie am Klavier sitzen, ein Konzertpublikum vor sich, und gerne einen solchen Strippenzieher über sich wüssten? Dass Sie gar nicht wissen, wie Sie alleine die Finger bewegen sollen?
Ich empfinde gerade im Konzert oftmals sehr stark, dass alles einer höheren Macht unterworfen ist. Im Konzert ist man als Pianist ja verantwortlicher Gestalter, also Puppenspieler, andererseits spielt es mit einem. Das ist eine ganz spannende Ambivalenz. Und man weiß nie genau, wo das hinführt.
Im Wort vom Göttlichen schwingt ja immer auch das des Unendlichen, des Endlosen mit. Nun dauert aber etwa das D-Dur-Präludium aus dem "Wohltemperierten Klavier" Band 1, so wie Sie es spielen, gerade einmal 61 Sekunden. Reichen Bach 61 Sekunden, um das Ultimative zum Thema D-Dur zu sagen?
Das ist genau das Faszinosum am "Wohltemperierten Klavier": Eine ganze Welt, hoch verdichtet in einer kleinen Form. Was für die Sternenphysiker ein schwarzes Loch ist, ist für die Musiker ein solches Präludium. Das D-Dur-Präludium ist dabei ein sehr jubelndes, diesseitiges, ja ein vergleichsweise profanes Stück. Das andere Extrem wäre die fis-Moll-Fuge, die die alte, spätmittelalterliche Welt widerspiegelt, wo eine Kerze in einem gotischen Dom flackert.
24 Präludien und 24 Fugen, für jede Tonart eine: Als Sie das "Wohltemperierte Klavier" auf CD aufgenommen haben, war die Erwartungshaltung keine geringe. Schließlich mussten Sie eine Meinung haben zu jedem der 48 Werke. Kann es bei Interpretationen so kleinteiliger zyklischer Werke vorkommen, dass man einfach mal frei ist von Meinung? Dass man 47 Ideen hat für 47 Stücke, aber eben keine für das 48.?
Eine Herausforderung ist das jedenfalls. Gerade im Konzert muss man extrem schnell den Hebel umlegen, sich einstellen auf das neue Stück, denn nach einer Minute ist es mitunter bereits vorbei. In die CD-Aufnahme bin ich schon mit 48 Grundideen gegangen, doch dann war es die Aufgabe, vor Ort in jede Welt neu einzutauchen. Der leere Saal des Dortmunder Konzerthauses, nur ein Spot über mir, das war schon eine beeindruckende, fast mystische und damit gerade für dieses Werk hilfreiche Atmosphäre. Bei einer CD-Produktion muss man sich im Unterschied zum Konzert das Versenkungspotenzial erst erarbeiten, doch dann kann es umso größer sein, weil einfach nichts stört.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen