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Interview mit Najem Wali: Geteilte Verzweiflung

Sie bevölkern Ihre Reiseerzählung mit einer großen Zahl polyglotter, liberaler jüdischer und arabischer Intellektueller. An jeder Ecke machen Sie Bekanntschaften, die man nicht für möglich gehalten hätte. Wie viel Wunsch und wie viel Wirklichkeit steckt in diesen Begegnungen?

Als ich nach Israel eingeladen wurde, hatte ich nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich hatte keine Idee, geschweige denn eine Gliederung im Kopf. Im Nachhinein kommt mir die Reise wie eine Fiktion vor. Aber es ist nichts erfunden. Jede Begegnung, jede Geschichte hat sich so zugetragen. Natürlich hatte ich zunächst Angst davor, als Iraker in Israel auf Ablehnung zu stoßen. Aber auf der Straße und in den Cafés habe ich dann sehr viel anderes erlebt, als ich erwartet hatte. Ich würde mir wünschen, dass israelische Schriftsteller solche Bücher auch über Kairo oder Damaskus schreiben.

Beeinflussen die Nachrichten aus Gaza Ihre Haltung zu Israel?

Ich habe immer bekräftigt, dass wir in den arabischen Ländern mehr Intellektuelle brauchen, die es wagen, die jeweiligen Verhältnisse in ihren Ländern zu kritisieren. Deswegen überlasse ich es den israelischen Intellektuellen, sich zu ihrem Land und zum Vorgehen des Militärs zu äußern. Im Übrigen kenne ich das Dilemma des Soldaten sehr gut. Ich war selbst ein irakischer Soldat. Deshalb wird meine Sympathie für die israelische Bevölkerung nicht von den militärischen Strategien beeinträchtigt. Der Gazakrieg sagt sehr viel aus über das israelische Dilemma. Er zeigt, wie verzweifelt Israel ist. Das gehört zu den Gemeinsamkeiten, die ich gefunden habe. Beide Seiten teilen dieselbe Verzweiflung. Israel, hat einmal ein Kollege gesagt, ist wie einer, der plötzlich entdeckt, dass er Krebs hat und beschließt, sich umzubringen. Dies ist keine Lösung. Genau wie Israel mit dem Krieg von Juli 2006 Hassan Nasrallah und Hisbollah gestärkt hat, hat es diesmal der Hamas einen Gefallen getan. Die Hamas wird die Milliardenhilfe für den Wiederaufbau in die Kriegsmaschinerie und in politische Propaganda stecken.

Sie berichten von Suad, einer jungen Muslima aus dem Südlibanon, die nach einer wahren Odyssee heute Soziologie studiert, mit einem jungen Juden aus Bosnien liiert ist und in Jerusalem lebt. Sie scheinen solche Geschichten geradezu anzusaugen. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass die Menschen der Region, wie Sie schreiben, einmal nur sich selbst gehören?

Ich hege diese Hoffnung, weil ich solche Leute getroffen habe. Leute, die sich keine religiösen Vorschriften machen lassen wollen. Die Religion verändert sich mit den Menschen, die sie leben. Das kann man auch zwischen Hamburg und München entdecken. Als ich in Bayern zum ersten Mal jemanden "Grüß Gott" habe sagen hören, glaubte ich, er mache einen Scherz. Katholiken in Bayern sind nun einmal anders als in Peru. Wenn wir uns diese Unterschiede bewusst machen, dann kann es keinen einheitlichen Islam oder ein einheitliches Christentum geben.

Interview: Harry Nutt

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Datum:  2 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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