Herr Oswalt, wenn Sie zum 1. März die Direktion der Stiftung Bauhaus in Dessau übernehmen, werden Sie in die Schlussphase der Planungen für die Internationale Bauausstellung (IBA) Stadtumbau 2010 kommen. Waren Sie auch an den IBA-Planungen beteiligt?
Ja, aber nur ganz am Anfang. Mit einem Freund war ich mit einer Studie über die Schrumpfungsprozesse in Sachsen-Anhalt beauftragt. Als Ergebnis haben wir eine Reihe von Experimentierlabors vorgeschlagen. Daraus ist am Bauhaus dann die Idee für die IBA entstanden.
Der Berliner Architekt Philipp Oswalt, 44, wird am 1. März neuer Direktor der Stiftung Bauhaus in Dessau als Nachfolger von Omar Akbar. Oswalt, geborener Frankfurter, war Redakteur der Zeitschrift ARCH+, Mitarbeiter im Büro von Rem Koolhaas, Gründer des Forschungsprojekts "Urban Catalyst" (2001 - 2003), leitender Kurator des Projekts "Schrumpfende Städte" der Bundeskulturstiftung (2002 - 2006) und Mitinitiator des Projekts "ZwischenPalastNutzung", das die künstlerische Bespielung der Ruine des Berliner Palasts der Republik organisierte.
Die Projekte der IBA, an der 19 Städte aus Sachsen-Anhalt teilnehmen, haben eine sehr unterschiedliche Substanz. Ist das, was eine IBA leisten soll und kann, denn in Sachsen-Anhalt erfüllt?
Sachsen-Anhalt zeichnet aus, dass dort bestimmte politische Fragen sehr beherzt angegangen werden. Dazu gehört auch, dass man die Schrumpfung als Problem anerkannt hat.
In diesem Zusammenhang verstehe ich auch diese IBA. Es gibt aber das Problem, dass das Budget der IBA überhaupt nicht mit dem früherer Bauausstellungen etwa in Berlin oder dem Ruhrgebiet zu vergleichen ist. So verbinden sich mit dem Label IBA Erwartungen, die auf Grund der Ressourcen überhaupt nicht zu erfüllen sind. Doch der Mangel an Ressourcen selbst ist an sich eine relevante Fragestellung. Die ungeheuren Ressourcen, mit denen der Strukturwandel in West-Berlin oder im Ruhrgebiet gestaltet werden konnte, ist hier im Osten - trotz allen Lamentierens über die Geldtransfers - nicht vorstellbar. Die Frage der knappen Mittel ist aber konzeptionell interessant, weil sie einen neuen Zustand spiegelt.
Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Erfahrungen ziehen?
Es verstört, dass sehr viel staatliches Geld fließt, das aber für den tatsächlichen Strukturwandel nicht zur Verfügung steht. Das aktuelle Konjunkturpaket stellt enorme Beträge für den Ausbau der Infrastruktur bereit. Das ist kompletter Irrsinn. Deutschland und insbesondere der Osten ist längst eher übererschlossen. Die Infrastruktur, das bestätigen selbst die konservativen Wirtschaftsinstitute, ist kein Hemmnis für Investitionen. Aber nach einer Denkweise, die immer noch neoliberal geprägt ist, muss der Staat in die Infrastruktur investieren, damit die Investoren kommen. Die kommen zwar nicht, wie wir längst wissen, aber die Tretmühle der Infrastrukturinvestitionen läuft immer weiter. Das ist alles schwer nachzuvollziehen, wenn man weiß, dass die IBA vom Land einen Betrag von gerade mal sieben Millionen Euro bekommen hat, abgesehen von Projektmitteln aus ohnehin laufenden Förderprogrammen.
Positiv gewendet: Wie könnte das Schrumpfen, und das Thema "schrumpfenden Städte" haben Sie mit der gleichnamigen Ausstellung gründlich beackert, über eine bloße Abrisspolitik im Stil des Förderprogramms "Stadtumbau Ost" hinaus, gestaltet werden?
Im ländlichen Raum ist die Frage etwa, wie Sie die Grundversorgung in immer dünner besiedelten Räumen aufrechterhalten können. Wenn jede zweite Schule geschlossen und zugleich der öffentliche Nahverkehr runtergefahren wird, stehen Sie irgendwann vor der Frage, ob den Schülern ein Schulweg von zwei Stunden noch zuzumuten ist. Sie benötigen eine flexible Verkehrsinfrastruktur, die bei Bedarf bereitsteht und die Versorgung auch ohne den klassischen Linienbetrieb verbessert. Solche neuen Konzepte finden Sie auch in der Krankenversorgung und so weiter.
Diese Veränderungen werden in den Städten häufig überhaupt nicht wahrgenommen.
Es gibt eine starke räumliche Polarisierung, die auch eine gesellschaftliche ist. Den großen Ballungsräumen stehen die peripheren Regionen gegenüber. Die politischen Konzepte bauen seit Jahrzehnten auf Wachstum auf und funktionieren in den Ballungsräumen einigermaßen gut. In den anderen Gegenden funktionieren sie aber überhaupt nicht.
Wir können also nicht mit einem einzigen planerischen Regime ganz Deutschland beglücken, sondern müssen für die schrumpfenden Regionen ganz anderen Instrumente und Konzepte entwickeln und mit ganz anderen Akteuren arbeiten.
Ist es da nicht ein großes Problem, dass die Bereitschaft der Menschen zur Beteiligung an solchen Planungsprozessen in diesen peripheren Regionen eher gering ist?
Wenn man genauer hinschaut, gibt es im Osten schon Akteure, die die Veränderung in die Hand nehmen können. Das reicht zurück bis zur Wende, die aus einer bürgerschaftlichen Bewegung heraus entstand. Auch im Kontext der Stadterneuerung gab es zum Ende der DDR hunderte Initiativen, die sich um die verfallenden Innenstädte gekümmert haben. Das ist anschließend durch die Stillstellungspolitik des Westens zum Erliegen gekommen, die zwar Milliarden an Transferleistungen in den Osten pumpte, dabei aber eine partielle Entmündigung der Menschen verursacht hat.
Und dennoch gibt es punktuell diese Initiativen immer noch. In Dessau gibt es eine ganze Reihe von Immobilien, die kulturhistorisch von hohem Wert und denkmalgeschützt sind. Diese wurden von genossenschaftlich organisierten Initiativen engagierter Bürger aufgekauft und einer neuen Nutzung zugeführt. Die Politik erwartet nach wie vor den klassischen Investor mit dem großen Bankkredit. Das sind aber nicht die Akteure, auf die Sie in diesen Orten bauen können. Sie haben es mit schwächeren Akteuren zu tun, aber in einer größeren Zahl, die arbeiten, Wissen angesammelt haben und mit diesen ganz anderen Ressourcen in der Lage sind, die Dinge in die Hand zu nehmen.
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