Was bedeutet der Rechtsruck für Israel?
Freunde von mir, Juden wie Araber, sagen, Israel werde mit Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman nun eben sein ungeschminktes Gesicht zeigen. Aber ich fürchte, meine Kinder und ich zahlen den Preis. Ich wusste, dass es in der israelischen Gesellschaft einen gewissen Hass auf Araber gibt. Als Araber, der in einem jüdischen Viertel lebt, macht mir die Entwicklung jetzt wirklich Angst.
Gibt es Feindseligkeiten seitens der Nachbarn?
Wir leben seit September hier. Die Nachbarn sind nett, auch wenn die Hälfte der Leute, die in unserem Haus wohnen, wahrscheinlich Lieberman gewählt hat. Aber ich bin nicht mehr sicher, ob das eine so gute Entscheidung war, hierher zu ziehen.
Was ängstigt Sie mehr? Dass ein Rechtspopulist wie Lieberman soviel Macht besitzt oder dass der rechte Block insgesamt so stark ist?
Es ist nicht Lieberman allein. So viele in Israel haben unbekümmert für jemanden gestimmt, der eigentlich nur sagt: "Wir hassen Araber." Nicht dass Netanyahu, oder Ehud Barak oder Zipi Livni Araber gut leiden können. Auch ihre Fraktionen wollten zwei arabische Parteien zu den Wahlen nicht zulassen. Als ob die die Hamas wären! Im Grunde hat die Linke in der Knesset nur noch sieben Mandate, drei für Meretz und vier für Hadasch (die Kommunisten).
Die Arbeitspartei rechnen Sie nicht zur Linken?
Sicher nicht Barak. Ich kann nicht vergessen, wie er als Premier zu Beginn der Intifada im Oktober 2000 die Polizei auf unbewaffnete arabische Demonstranten schießen ließ.
In "Da ward es Morgen" erzählen Sie von einem arabisch-israelischen Dorf, das ungefragt einem palästinensischen Staat zugeschlagen wird. Eine politische Fiktion, die dem Programm von Lieberman entspricht. Der plädiert ja für Ausgrenzung "arabischer Ballungsräume".
Sogar mein Vater hat mir vorgeworfen, ich hätte Lieberman erst auf die Idee gebracht. Jedenfalls kam mein Buch vor seinem Parteiprogramm heraus. Ich könnte ihn glatt verklagen. Selbst Livni rückte kürzlich damit raus, unsere "nationalen Aspirationen" hätten keinen Platz in einem jüdischen Staat.
Was ist Ihre Antwort auf Livni?
Ich bin kein Nationalist. Ich bin kein Typ, der eine Fahne braucht. Ich finde nicht, dass die Menschen stolz auf ihren Staat sein müssen. Ich möchte, dass die Leute miteinander leben. Klingt naiv, aber mir persönlich ist egal, wer Jude oder Moslem, Palästinenser oder Israeli ist. Beide Nationen verhalten sich auf ihre Art idiotisch.
Wäre Ihnen ein bi-nationaler Staat am liebsten?
Den wird es wohl nicht geben. Israel träumt davon, möglichst viele Araber loszuwerden. Es hat nie die arabischen Dörfer als wirklichen Teil Israels begriffen. Politiker wie Lieberman betrachten die Araber als Krebsgeschwür. Sie versuchen nicht mal den Krebs zu heilen, sondern gleich wird ans Rausschneiden gedacht.
Haben die arabischen Israelis durch ihr Verhalten dazu beigetragen?
Nicht, dass Araber alles wundervolle Leute sind. Nur, mir fällt nichts Schlimmes ein, was wir falsch gemacht hätten. Dass wir gegen den Krieg in Gaza waren, kann es nicht sein! Man kann doch von uns nicht erwarten, dass wir das Töten von Palästinensern oder die Besatzung unterstützen.
Es heißt, auf arabisch-israelischen Demos wären Hamas-Fahnen geschwenkt worden.
Auch ich habe gegen den Gaza-Krieg protestiert. Deshalb bin ich nicht für die Hamas. Nicht mal die Islamische Partei in Israel besitzt eine richtige Verbindung zur Hamas. Trotzdem erzählen Leute im Radio, sie hätten Lieberman gewählt, weil sie Araber nicht ausstehen könnten. Selbst in gemischten Städten wie Haifa, das viel auf seine Koexistenz gibt, bekam Lieberman viele Stimmen. Woher diese Spannungen?
Gewöhnlich würde ich sagen: die ökonomische Situation. Aber ich bin wirklich ratlos. Vielleicht hat es mit dem wachsenden Gefühl zu tun, dass die Zwei-Staaten-Lösung sich davonmacht. Dabei gibt es auf palästinensischer Seite ja nicht nur die Hamas, sondern eine friedenswillige Führung unter Präsident Mahmoud Abbas. Trotzdem werden in der Westbank mehr und mehr Siedlungen gebaut. Der Zionismus schafft es offenbar nicht, seinen Traum von Groß-Israel aufzugeben.
Wenn ein Staat Palästina existierte, könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben?
Kommt drauf an, ich müsste erst die Bedingungen kennen. Ich will weder in einer Diktatur leben noch arm sein und keinen Job finden. Wenn Ramallah sich zu einer Art Silicon Valley entwickeln würde, wäre ich dabei. Nicht nur wir Araber, auch die Juden aus Tel Aviv würden sofort mitmachen.
Interview: Inge Günther
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen