Kürzlich las ich etwas darüber, wie Wissenschaftler sich die Tatsache zu erklären versuchen, dass der Mensch sehr früh Musik und Tanz erfunden hat, obwohl es für sein Überleben nicht notwendig war - im Gegenteil ja Energie verbraucht. Der eine sagte: Damit sollen mögliche Sexualpartner beeindruckt werden. Der andere fand diese Tätigkeiten wichtig für den Zusammenhalt einer Gruppe. Was meinen Sie, warum tanzen wir?
Ich glaube, es gibt Dinge, die einen anderen Ausdruck brauchen als durch Wörter. Deswegen kommunizieren wir durch Bewegung, und tun das ständig. Meine Stücke enthalten viele Alltagsbewegungen, denn in meinen Augen ist jede Bewegung eine Tanzbewegung. Nehmen Sie ein Interview: Man spricht miteinander, aber es gibt dauernd Handbewegungen, Gesten, Mimik. Manchmal sagen diese Dinge etwas Zusätzliches, dann wieder etwas Gegenteiliges als die Worte. Mein Gesicht, meine Augen können enthüllen, dass ich lüge oder an etwas anderes denke. Der Mensch will kommunizieren, und Tanz ist für mich eine Form der Kommunikation. Nicht immer ist sie leicht zu verstehen, doch man ist manchmal eher bereit, jemandem "zuzuhören", der sich bewegt, als jemandem, der auf einen einredet. Wenn man tanzen geht, will man manchmal sicher auch verführen. Aber oft möchte man nicht einen potenziellen Partner finden, sondern nur ein wenig Energie loswerden. Weil man frustriert ist vom Job, oder den ganzen Tag sitzen musste.
Sidi Larbi Cherkaoui, geboren als Sohn einer belgischen Mutter und eines marokkanischen Vaters 1976 in Antwerpen, ist einer der wichtigsten jüngeren Choreografen und ein quicker, vielseitiger Tänzer. Er wurde unter anderem an Anne Teresa De Keersmaekers Schule P.A.R.T.S. ausgebildet, tanzte und choreografierte für Les Ballets C de la B.
In "Zero Degrees" (2005) trat er zusammen mit Akram Khan auf; er choreografierte unter anderem für die Ensembles in Monte-Carlo, Genf und das schwedische Cullberg-Ballett. Seine Stücke haben Titel wie "Foi" (Glaube), "Tempus fugit", "Myth", "Apocrifu" und zuletzt "Sutra" (2008), das er mit chinesischen Shaolin-Mönchen erarbeitete. Das Sanskrit-Wort "Sutra" bezeichnet einen Lehrtext, der sich auf die richtige Lebensführung bezieht.
Auch wenn Sie Alltagsbewegungen verwenden in Ihren Choreografien: Es muss ja einen extra Schritt geben zur Tanzkunst.
An der Tanzkunst mag ich, dass sie ein Ritual ist. 600, 1000 Leute kommen zusammen, um derselben Kommunikation zuzusehen. Ein wenig ist es wie ein ritueller Tanz ums Feuer, nur, dass wir eine Aufführung vorbereiten, die voller Lichteffekte, Kostüme und so weiter ist. Aber letztendlich ist es der gleiche Vorgang - Menschen entscheiden sich zusammen zu kommen, um das Gleiche zu sehen, zu erfahren. Das ist wundervoll, denn viele andere moderne Rituale bringen uns eben nicht zusammen, Fernsehschauen etwa oder Zeitungslesen.
Als Choreograf wählen Sie aus unendlich vielen möglichen Bewegungen aus, Sie versuchen, die Kommunikation zu steuern.
Ja, aber ich habe keinen Masterplan. Ich recherchiere, ich versuche, mein Leben zu verstehen, die Dinge zu verstehen, mit denen ich ein Problem habe, und die, an denen ich Freude habe. Es ist eine Spiegelung, keine große Vision. Ich zeige, wie ich das Leben sehe, und wenn ich Ihre Artikel lese, lerne ich etwas darüber, wie Sie das Leben sehen. Idealerweise erreichen wir beide dann eine Art Selbst-Erkenntnis. Denn auch wenn wir meinen, eine Aufführung handelt von dem Künstler, der sie geschaffen hat, so erzählt sie uns doch mehr über uns selbst. Als Zuschauer suchen wir nach etwas, das wir wiedererkennen, das diese Aufführung mit uns verbindet. Gleichzeitig möchte ich, wenn ich an einem Stück arbeite, meine Wahrnehmung verändern: Die Dinge mal von rechts nach links sehen, sie drehen und wenden, sie kopfstehen sehen. Wenn ich eins meiner Stücke dann drei Jahre später anschaue, denke ich sofort: Dies würde ich jetzt anders machen, und das auch.
Aber dann können Sie ja einfach ein neues Stück machen.
Ja, das ist das Schöne. Ohnehin ist ein Stück nie abgeschlossen, schon das Publikum reagiert jedes Mal etwas anders.
Sie haben mich heute übrigens an einem positiven Tag erwischt (lacht). Es gibt auch Tage, an denen ich sehr bitter bin, an denen meine Arbeit diese Bitterkeit reflektiert.
Wer oder was macht Sie bitter?
Manchmal sagen Leute zu mir: Oh, Sie sind ein solcher Humanist, Sie glauben wirklich an die Menschen. Aber das ist nicht so. Ich denke, dass wir alle politischer sein sollten, aber auf richtige Art: diplomatischer, vorsichtiger, achtsamer, was wir sagen. Ich habe ein Idealbild im Kopf und versuche es jeden Tag anzuwenden, indem ich etwa demokratisch mit meinen Tänzern umgehe. Ich frage sie, was sie tun möchten, was sie von etwas Bestimmtem halten.
Funktioniert es?
Ja, aber es ist schwierig. Demokratie ist sehr, sehr schwierig. Dauernd müssen Sie mit der Stimmung jedes anderen Beteiligten umgehen, mit seinem Denken, mit ständigen Veränderungen. Den einen Tag möchte jemand Rot, am nächsten Weiß. Und wenn Sie ihn dann fragen, warum er seine Meinung geändert hat, sagt er vielleicht: Oh, heut' fühl ich mich nach Weiß. Und wie ein Politiker müssen Sie sagen: Okay, warum versuchen wir es nicht mit Pink. Es ist ein harter Job. Politik ist Handwerk, aber viele haben vergessen, wie es richtig ausgeübt wird.
Als Choreograf sind Sie, anders als ein Theaterregisseur, auch immer der Autor Ihrer Aufführungen. Ist das ein besonderer Druck?
Es ist jedenfalls nicht nur Freiheit, denn wir sind immer gebunden in unseren Entscheidungen. An unsere Familie, unser Land, unseren Job, unsere Partner. Sie haben ja auch keine totale Kontrolle über Ihre Arbeit, Sie bekommen eine Länge vorgegeben, ein Layout .... Was ich an modernem Tanz mag, ist, dass ich mich doch ziemlich frei fühle, dass ich fast bei Null anfangen kann. Kein Autor schreibt mir vor, von was mein Stück zu handeln hat. Menschen kommen zusammen, dann haben Sie eine Idee, entwickeln sie, jemand anderer hat eine Idee - und plötzlich sind Sie an einem ganz bestimmten Augenblick in der Zeit. Ich liebe die Spontaneität des Erfindens. Ich liebe Geschichten, die heute ganz neu erfunden sind. Auch wenn sie auf alten Geschichten basieren. Ich möchte, dass sich meine Stücke so zeitgenössisch wie möglich anfühlen, und diese Chance gibt mir die Tanzkunst - anderen vielleicht die Musik.
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