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06. April 2009

Interview mit Susie Orbach: Der Körper als Selbstzweck

Noch schöner werden: Am Anfang wird gezeichnet, dann wird geschnitten und geschabt.  Foto: getty

Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach hatte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie auf der Couch liegen. Hier spricht sie über Essstörungen, Diätwahn und Schönheitschirurgie.

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Zur Person

Susie Orbach, 62, britische Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin, wurde 1978 mit ihrem ersten Buch "Fat is a Feminist Issue" bekannt. Sie gründete das "Women's Therapy Centre" in London und New York und hat eine Professor an der London School of Economics. Als praktizierende Analytikerin behandelte sie Prinzessin Diana wegen deren Bulimie. Susie Orbach war Beraterin und Mitentwicklerin der seit 2004 laufenden Werbe- und Marketingkampagne der Kosmetik-Firma "Dove", in der "normale" Frauen verschiedener Altersgruppen die Vielfalt von Frauenkörpern repräsentieren. In "Bodies", ihrem neuen Buch (Profile Books 2009, 182 S., 13,20 Euro), untersucht Orbach den Körperfetischismus der industrialisierten Welt und zeigt, wie stark unser Selbstwertgefühl durch unser Körpergefühl geprägt und häufig destabilisiert wird.

In Ihrem neuen Buch "Bodies" beschreiben Sie, dass Phänomene wie Körperhass, Essstörungen, Diät- und Schlankheitswahn explosionsartig angestiegen sind. Wie kommt das?

Diese Phänomene sind allgegenwärtig und wir nehmen sie nicht einmal als Probleme zur Kenntnis, weil unsere gesamte Kultur sich dieser Obsession vollends verschrieben hat. Das beginnt mit Menschen, die völlig selbstverständlich die meisten Lebensmittel nicht anrühren oder nur einmal am Tag oder nur an Wochenenden essen, und geht bis zu Kindern, die Angst haben vorm Essen oder vollkommen darauf fixiert sind. Es gibt eine Massen-Obsession im Bereich der Ernährung. Auf der anderen Seite stehen ganze Industriezweige, die mit den Körper-Unsicherheiten der Menschen immer mehr Geld machen: die kosmetische Chirurgie, die Schönheitsindustrie, die Diätindustrie.

Gleichzeitig sind aber immer mehr Menschen fettleibig.

Die Sorge über die steigende Fettleibigkeit ist berechtigt, aber wir müssen sie in einen größeren Zusammenhang stellen. Wenn es so etwas wie ‚normales' Essen nicht mehr gibt, wenn man vor lauter Sorge um Gewicht und Kleidergrößen kein Gefühl mehr dafür besitzt, wann man Appetit hat und wann man satt ist, dann kann das zu extremer Dünnheit führen. Gleichzeitig kann es genauso leicht ins Gegenteil, also in unkontrolliertes Essen und Fettleibigkeit umschlagen. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Anorexie oder Bulimie sind nur weniger sichtbar als Fettleibigkeit, aber sie sind genauso verbreitet.

Die berühmteste Patientin Ihrer Analysepraxis war Prinzessin Diana, die Sie wegen ihrer Bulimie behandelt haben. Sind Prominente gefährdeter als andere Menschen?

Der Druck mag größer sein, aber ich glaube nicht, dass er der entscheidende Faktor ist. Ein öffentliches Leben zu führen und die ganze Zeit fotografiert zu werden, ist die eine Sache. Das kann es schwieriger machen, ist aber kein wesentliches Kriterium für die Entwicklung von Bulimie.

Überrascht Sie der vorherrschende Körper-, Schönheits- und Schlankheitskult? Drei Jahrzehnte nach Ihrem berühmten ersten Buch "Fat is a Feminist Issue" hat er neben den Frauen auch noch die Männer erfasst.

Ich wünschte, ich wäre überrascht, aber schon damals hätte man diese Entwicklung vorhersagen können. In den 1980er Jahren geschah Folgendes: Die Frauen kauften sozusagen ihre Körper zurück. Man hatte ihnen gesagt: Okay, ihr bekommt mehr Rechte und mehr Platz im öffentlichen Raum, aber dafür müsst ihr besonders dünn sein oder einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Gleichzeitig gab es Änderungen auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigte sich auch daran, dass in den 1980er Jahren Männermagazine anfingen wie Frauenmagazine auszusehen. Die neue Art der Problemlösung für Männer bestand plötzlich darin, sich zu stählen, um sich in ihren trainierten Körpern besser zu fühlen. Der Körper als Selbstzweck rückte immer mehr in den Vordergrund.

Sie schreiben, dass jeder von uns wöchentlich zwischen 2000 und 5000 Bildern von Körpern ausgesetzt ist, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden. Wie soll der Einzelne da einen individuellen Selbstwert entwickeln?

Wir schreiben Gesundheitswarnungen auf jedes Päckchen Zigaretten, aber wir warnen nicht vor diesen bearbeiteten Bildern. Das ist sehr, sehr schwierig. Gegen diese Monokultur der Körperdarstellungen hilft nur eine Gegenbewegung: Eltern müssen versuchen, ihren Kindern gegenüber den Körper nicht als das Feld darzustellen, über das Probleme gelöst werden können. Und sie müssen versuchen, nicht zu sehr von ihren eigenen Körpern besessen zu sein.

An welchem Punkt in der Entwicklung eines Kindes entstehen falsche Körperbilder?

Das wissen wir noch nicht. Es liegt nahe, dass es so wie für die Sprachentwicklung auch eine kritische Phase für die Entwicklung des Körpergefühls gibt. Jedenfalls geht es um die ersten Lebensjahre. Wenn sich ein Kind in dieser Zeit in seinem Körper stabil und wohl fühlt, dann ist das eine gute Grundlage. Diese Sicherheit fungiert als Schutz gegenüber einer übermächtigen Bildkultur. Die Tatsache, dass Probleme wie Körperhass, Körperkult, Essstörungen und Diätwahn so explodiert sind, lässt mich aber glauben, dass wir derzeit keine Körper heranziehen, die sich sicher fühlen.

Dann treten Schönheits-, Kosmetik- und Diätindustrie auf den Plan…

…die sich das zunutze machen und den Menschen mit ihren Problemen helfen. Denn die Leute denken sich ja nicht: "Das ist eine schreckliche Industrie!", sondern "Eine Nasenoperation oder eine Diät wird mir sicher helfen!"

Geht es Ihnen da anders?

Nein, durchaus nicht. Ich sehe eine Werbung für eine neue batteriebetriebene Wimperntusche und denke mir: "Oh, das ist ja super!" Aber dann lache ich über mich und denke mir: "Moment einmal! Das brauchst du nicht! Es ist ökologisch schlecht, und außerdem hast du schon drei Wimperntuschen in deiner Handtasche!"

Wo genau liegt denn die Grenze zwischen harmloser Beschäftigung mit der eigenen Schönheit und ungesundem Körperfetischismus?

Das ist eine sehr gute Frage, die ich über einen Umweg beantworten werde. Gerade wurde Barbies 50. Geburtstag gefeiert. Als meine Tochter, die jetzt 20 ist, klein war, dachte ich, es sei kein Problem, wenn sie mit Barbie-Puppen spielt. Ein Spielzeug wie jedes andere: ein Ort der Imagination, kein wirkliches Vorbild, einfach ein Gegenstand, mit dem man sich beschäftigt, der Phantasie und Vorstellungskraft anregt. Nicht viel anders als das Spielen mit einem Kinder-Postbüro. Irgendwann lässt das Interesse daran nach.

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